Katholischer Militärseelsorger

Religiöse Grundversorgung für Soldaten

Militärdekan Michael Gmelch ist seit 13 Jahren Militärseelsorger, zuletzt an der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg. Im Interview spricht er über seine seelsorgliche Arbeit mit Soldatinnen und Soldaten, seine Akzeptanz in der Truppe und prägende Erlebnisse im Auslandseinsatz.

Militärdekan Michael Gmelch ist seit 13 Jahren Militärseelsorger. © Gmelch

mk-online: Worin besteht Ihre Tätigkeit als Militärseelsorger an der Universität der Bundeswehr München hauptsächlich?

Michael Gmelch: Das ist einerseits die engere religiöse Tätigkeit, andererseits die Beratung. Zur religiösen Tätigkeit gehören natürlich Gottesdienste, es gibt aber auch Taufen und Hochzeiten. Sogar eine Konversion steht gerade an, da möchte ein Soldat mit syrisch-orthodoxer Herkunft römisch-katholisch werden. Bei einem Todesfall werde ich oft darum gebeten, eine Andacht zu halten. Und demnächst gibt es zum Valentinstag einen Gottesdienst für die Liebenden. Also all das, was „religiöse Grundversorgung“ anbelangt. Ich erteile den Studenten auch einen Prüfungssegen – da ist die Kirche voll!

Und die Beratung?

Gmelch: Viele Soldaten konsultieren mich mit Beziehungsproblemen, beruflichen Schwierigkeiten oder Gewissensfragen. Ich bin aber auch Heilpraktiker für Psychotherapie und Fachtherapeut für Traumapsychotherapie und behandle Personen teilweise über Monate hinweg, die ein traumatisierendes Erlebnis hatten. Zudem bin ich auch als Dozent tätig, etwa zum Thema Interreligiöse Kompetenz, verbunden mit Exkursionen ins Ausland.

Nehmen Soldatinnen die Militärseelsorge aus anderen Gründen oder in anderem Ausmaß in Anspruch als ihre männlichen Kameraden?

Gmelch: Das kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Es geht immer um die gleichen Themen: um Familie, Beziehung, Standort, Enttäuschungen, Lebensfragen. Viele erleben sich selbst bei der Armee zum ersten Mal weit weg von zu Hause, müssen sich erst mal über sich selbst klar werden. Das ist bei Frauen und Männern gleich.

Erreichen Sie mit Ihrer Arbeit auch kirchenferne oder sogar bekenntnislose Soldatinnen und Soldaten?

Gmelch: Etwa die Hälfte derjenigen, die unsere Angebote nutzen, ist nicht im engeren Sinn religiös. Vielen gefällt, dass bei uns eine andere Atmosphäre herrscht als sonst im militärischen oder universitären Umfeld. Hier haben sie einen Freiraum, den sie genießen. Ich glaube, das ist unsere Chance, mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen und ihnen eine positive Erfahrung von Kirche zu vermitteln. Wir haben da viel zu tun und müssen oft erst mal Klischees widerlegen...

Wie ist das Prestige der Militärseelsorge in der Truppe: Erfahren Sie auch Ablehnung oder gar Spott – oder sind Sie ein rundum geschätzter Mitarbeiter?

Gmelch: Wer zu uns kommt und unsere Angebote wahrnimmt, ist uns gegenüber positiv eingestellt, da kommt es zu keinen Konflikten. Es gibt natürlich – genau wie in der gesamten Gesellschaft – auch unter den Soldaten viele, die mit der Kirche null zu tun haben. Was ich aber in den vergangenen 13 Jahren in der Militärseelsorge feststellen musste: Von einem freundlichen Desinteresse kommt es immer öfter zu verschärften Ansagen. Ich bekomme von manchen ins Gesicht gesagt: „Sie gehören doch auch zu diesem Club zur Förderung von Pädophilie.“ Oder: „Die katholische Kirche gehört für mich zu einer der blasphemischsten Organisationen auf der Welt.“

Sind Sie auch für die Angehörigen von Soldaten zuständig?

Gmelch: Nur indirekt, ich bin zunächst nur für die Soldaten vor Ort zuständig. Aber es gibt Ausnahmen: Wenn beispielsweise ein Soldat stirbt, ist der Militärseelsorger zusammen mit dem Disziplinarvorgesetzten derjenige, der die Todesnachricht überbringt. Auch in schwierigen familiären Belangen können wir mit unserem psychosozialen Netzwerk die Angehörigen eines betroffenen Soldaten mit einbeziehen, etwa wenn es sich um Verschuldung, Suchtproblematik oder um einen Unfall handelt. Für Soldaten im Auslandseinsatz gibt es auch ein Hilfsnetzwerk für Familien, an denen sich die Militärseelsorge beteiligt.

Haben Sie als Militärseelsorger auch schon getauft oder bei einer Eheschließung assistiert?

Gmelch: Ja, es gibt immer wieder Soldatinnen oder Soldaten, die den Wunsch haben, getauft und gefirmt zu werden, oft auch durch Erfahrungen im Auslandseinsatz. Auch Soldaten-Ehepaare kommen zu mir und möchten, dass ich ihr Kind taufe. Demnächst findet auch wieder eine Hochzeit statt.

Sind Sie selbst als Militärseelsorger Soldat und tragen Sie im Auslandseinsatz einen Flecktarnanzug?

Gmelch: In Deutschland sind die Militärseelsorger keine Soldaten. Ich trage im Einsatz zwar einen Flecktarnanzug, aber anstelle eines Dienstgradabzeichens befindet sich auf meiner Schulterklappe ein Kreuz als Abzeichen der Militärseelsorge. Die kleine Krone auf dem Kreuz steht für Christus als König. Dass ich nicht in die militärische Hierarchie eingebunden bin, ist ein großes Plus, denn viele Soldaten kommen zu mir, weil sie wissen, dass ich der Schweigepflicht unterliege und dass das Besprochene nicht in ihrer Akte landen kann.

Wie erleben Sie die Soldaten im Gespräch – sind das die „harten Kerle“, als die sie sich manchmal gern zeigen?

Gmelch: Ich hatte anfangs einen Riesen-Respekt vor allem Militärischen – dem manchmal martialischen Erscheinungsbild mit Kampfanzug, Stiefeln, Helm und so weiter. Aber ich habe immer mehr festgestellt: Das sind auch alles normale Menschen, mit denen man normal reden kann. Trotzdem ist ein Soldat etwas anderes als eine Krankenschwester oder ein Sozialarbeiter, beim Militär herrscht oft ein direkter und unverblümter Umgangston – aber das ist in Ordnung.

Hatten Sie als Militärseelsorger schon einmal Schwierigkeiten, Ihre christlichen Überzeugungen mit einem konkreten Einsatz unter einen Hut zu bringen?

Gmelch: Sehr nachdenklich bin ich letztes Jahr im Auslandseinsatz in der jordanischen Wüste geworden. Es war Heiligabend, wir feierten Gottesdienst unter freiem Himmel. Der Kommandeur verlas das Weihnachtsevangelium, wo von „Friede auf Erden den Menschen guten Willens“ die Rede ist, ich ließ „Stille Nacht“ einspielen, und kaum waren die ersten Töne verklungen, donnerten hinter mir niederländische Kampfjets als Teil der „Combined Joint Task Force“ los, um einen Einsatz in Richtung Syrien oder Irak zu fliegen und Bomben abzuwerfen. In dieser Nacht sind also vielleicht Menschen gestorben, Häuser zerstört worden – und ich stand da mit meiner Friedensbotschaft ... Was wir bei uns zu Hause an Weihnachten alles ausblenden, um ein schönes Fest zu haben – im Auslandseinsatz ist das definitiv nicht der Fall.

An wen können Sie sich eigentlich wenden, wenn Sie selbst während eines Einsatzes Gesprächsbedarf haben?

Gmelch: Das ist schwierig, denn im Auslandseinsatz bin ich wirklich allein. Grundsätzlich gibt es Möglichkeiten der Supervision, aber nur zu Hause. Dem Kommandeur vor Ort würde ich eher nicht mein Herz ausschütten. Was bleibt, ist das Telefon. Im Extremfall, wenn der Seelsorger nicht mehr kann, wird er bei nächster Gelegenheit nach Hause geflogen. (Interview: Joachim Burghardt)