Nach Gutachten im Münchner Erzbistum

Initiative aus Garching fordert Wiedergutmachung für Missbrauchsopfer

Das Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Münchner Erzbistum ist eng mit dem Fall des Täters H. verknüpft. In Garching an der Alz war dieser 20 Jahre lang Pfarrer. Die örtliche Initiative „Sauerteig" hofft, dass sich nun weitere Betroffene melden.

Die Initiative "Sauerteig" fordert, dass über neue Strukturen in der Kirche nachgedacht wird. © Harald Oppitz/kna

München – "Wir sind dankbar, dass das Gutachten die institutionelle Verantwortung der hierarchisch-kirchlichen Strukturen, sowie die Verantwortung einzelner, teils hochrangiger Kleriker festgestellt und benannt hat", erklärt Stefan Tiefenthaler von der Initiative "Sauerteig" im Pfarrverband Garching-Engelsberg. Der Schutz des eigenen Standes habe dazu geführt, dass Pfarrer H.  sich sicher fühlen und immer weiter machen konnte und nie zur Verantwortung gezogen wurde, analysiert Tiefenthaler das Gutachten zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising, das die Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl am Donnerstag veröffentlichte.

Betroffene von Missbrauch wahrnehmen

Enttäuschend sei für die Initiative, dass kein im Gutachten genannter Verantwortungsträger bisher die ihm zugesprochene Verantwortung übernommen habe. "Wir fordern, dass, wie im Gutachten erwähnt, alle von Missbrauch betroffenen Pfarreien unabhängig begleitet werden und  eine soziologische Aufarbeitung erfolgt", schreibt die Gruppe in einer Stellungnahme gegenüber mk-online. Zudem müssten die Betroffenen wahrgenommen werden und eine großzügige und einfach zugängliche Wiedergutmachung auf den Weg gebracht. Verfahren sollten nur noch durch die Staatsgewalt durchgeführt werden und Missbrauch dürfe nicht verjähren, so die Initiative.

Außerdem erhoffe man sich, dass der Synodale Weg konsequent zu Ende geführt und über neue Strukturen in der Kirche nachgedacht werde. "Die fehlende Bereitschaft, Konflikte zu bearbeiten, werden wir nicht mehr hinnehmen", erklärt die Gruppe. Das Gutachten "ermutigt hoffentlich" Betroffene, sich anonym und vertraulich zu melden, so ihr Wunsch für die Zukunft.

Der Fall H.


Mit dem Essener Diözesanpriester H. verbindet sich einer der brisantesten Missbrauchsfälle der katholischen Kirche in Deutschland. Der Geistliche verging sich an Minderjährigen an mindestens vier Orten in Nordrhein-Westfalen und Oberbayern. Bisher haben sich rund 30 Betroffene gemeldet. Der Mann kam, bereits durch Übergriffe auffällig geworden, Anfang 1980 nach München und sollte sich dort einer Therapie unterziehen. Auf eine Anzeige und oder ein eigenes Strafverfahren verzichtete die Kirche. Benedikt XVI., als Joseph Ratzinger damals Erzbischof in München, bestreitet bis heute, damals von H.s Vorgeschichte gewusst zu haben. 

Kurz nach seiner Übersiedlung arbeitete H. wieder als Seelsorger, zunächst in München, von 1982 bis 1985 in Grafing, 1987 bis 2008 in Garching an der Alz, danach bis 2010 als Kurseelsorger in Bad Tölz. 1986 verurteilte ihn das Amtsgericht Ebersberg nach einem Geständnis zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe von 4.000 D-Mark. Der Gerichtsgutachter und H.s Therapeut waren sich einig, dass der Priester nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfe. Dennoch wurde er abermals mit Gemeindeseelsorge beauftragt. Erst nach neuerlichen Vorwürfen zog ihn Bischof Overbeck am 11. März 2010 aus dem Verkehr. 2020 kehrte H. ins Bistum Essen zurück, wo er heute zurückgezogen und unter Aufsicht lebt. (kna)

Entschuldigung von Kardinal Marx

Die Initiative "Sauerteig" gründete sich nach eigenen Angaben im Frühjahr 2020 nach Medienberichten über den Fall H. Man bemühe sich darum, "Licht in die Zeit von Pfarrer H." zu bringen und damit der Öffentlichkeit alle Informationen zukommen zu lassen, die für Klarheit und Richtigstellung wichtig seien. In Garching an der Alz sind laut der Erzdiözese bisher drei Betroffene bekannt, die Taten sollen sich in den 80er und 90er Jahren ereignet haben. 

Kardinal Reinhard Marx entschuldigte sich im Juli 2021 bei seinem Besuch in Garching an der Alz für den Umgang der Kirche mit dem Missbrauchstäter. "Das ist Verrat an der Botschaft Jesu, und es ist ein Versagen der Institution, für die ich um Entschuldigung bitte", sagte Marx. Er trage auch für die Zeit vor seinem Amtsantritt in München als Erzbischof Verantwortung. Bei der damaligen Visite traf sich Kardinal Marx mehr als drei Stunden lang mit Pfarreivertretern und der Initiative "Sauerteig". Dies fand ebenso wie eine anschließende Andacht im geschützten Rahmen statt.

Wenn Sie selbst von Missbrauch betroffen sind, oder jemanden kennen, der von Missbrauch in der katholischen Kirche betroffen ist, dann finden Sie auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz Informationen, wohin Sie sich wenden können. Auch im Erzbistum München und Freising gibt es verschiedene Anlaufstellen für Betroffene.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de