Reaktionen auf Gutachten zu Missbrauch in katholischer Kirche

"Papst Benedikt hat gelogen"

Nach der Vorstellung des Münchner Missbrauchsgutachtens fordern Betroffenenvertreter, Reformgruppen und katholische Verbände Konsequenzen und Veränderungen. Eine Übersicht der Reaktionen.

Von links: Christian Weisner von "Wir sind Kirche", Schwester Susanne Schneider und Katholikenratsvorsitzende Hiltrud Schönheit © SMB/KNA/privat

München – Die Ergebnisse des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum München und Freising entsprächen genau den Erfahrungen der Betroffenen, so Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch". "Die Opfer spielten gar keine Rolle, es ging immer nur um die Täter", sagte Katsch zu mk-online. Dass Kardinal Reinhard Marx der Präsentation des Gutachtens fernblieb, empfindet er als "enttäuschend". Man werde sehen, welche Konsequenzen der Erzbischof daraus zieht, "denn natürlich geht es auch um ihn an dieser Stelle".

Missbrauch hätte gestoppt werden müssen

Für Katsch ist klar, dass Papst emeritus Benedikt XVI. in seinen Ausführungen gegenüber den Anwälten "gelogen" hat. Der verurteilte Missbrauchstäter und Pfarrer H. hätte 1980 bei seiner Versetzung ins Erzbistum München und Freising gestoppt werden müssen. Der Missbrauchsskandal sei nun endgültig an der Spitze der Kirchenhierarchie angekommen. Und die Hierarchie der Kirche sei überhaupt eine der Hauptursachen für den Skandal.

Auch die Pfarrgemeinden, in die ohne Vorwarnung Missbrauchstäter geschickt worden seien, müssten sich als Opfer fühlen. Kleriker wurden geschützt, Kinderseelen nicht, so Katsch. "Die Erneuerung der Kirche – wenn man darüber in diesem Moment überhaupt sprechen kann – kann nur von unten geschehen." Dazu brauche es auch neues Personal, so der Betroffenensprecher.

"Auch Päpste sind fehlbar"

Hiltrud Schönheit, Vorsitzende des Katholikenrats der Stadt und Region München, bewertet es als positiv, dass das Gutachten "endlich Einzelheiten und Namen" nennt. Anderseits sei das Fehlverhalten der Münchner Erzbischöfe, darunter Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., nichts Neues. Eine Übernahme von Verantwortung durch die Beteiligten habe bisher nicht stattgefunden, "und manchmal macht es auf mich den Eindruck, als wolle Papst Franziskus sie nicht wirklich haben", so Schönheit. Dies ließen etwa Formulierungen in Franziskus Zurückweisung des Rücktrittsgesuchs von Kardinal Marx vermuten. "Oder zuletzt die päpstliche Weihnachtsansprache: Angeprangert und aufgezählt wurden sämtliche Gewaltanwendungen in der Welt, aber die in der eigenen Institution finden keine Erwähnung", erörtert die Katholikenratsvorsitzende.

"Woran liegt diese Unfähigkeit zur Verantwortungsübernahme? Wohl daran, dass nach wie vor die Göttlichkeit der Stiftung Kirche verwechselt wird mit der irdischen Verfasstheit von Kirche", betont Schönheit. Notwendig wäre eine andere Systematik: Transparenz und Rechtsstaatlichkeit mit Kontrollmechanismen. Übernahme von Leitungsverantwortung. Die Ansätze dazu im Synodalen Weg gingen in diese Richtung. "Denn Menschen sind nun mal fehlbar, selbst dann, wenn sie Papst werden", so die Katholikenratsvorsitzende.

Wenn Sie selbst von Missbrauch betroffen sind, oder jemanden kennen, der von Missbrauch in der katholischen Kirche betroffen ist, dann finden Sie auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz Informationen, wohin Sie sich wenden können. Auch im Erzbistum München und Freising gibt es verschiedene Anlaufstellen für Betroffene.

Hoffnung des Glaubens neu zur Geltung bringen

Innerkirchliche Reformen fordert auch die Laieninitiative "Wir sind Kirche", "um die Ursachen sexualisierter und geistlicher Gewalt konsequent anzugehen". Vor allem müsse der Abbau klerikaler Machtstrukturen erfolgen. Rücktritte auf den verschiedenen Leitungsebenen mögen nötig sein. Wichtiger aber sei ein grundlegendes Umsteuern, "damit die ursprüngliche Hoffnungskraft unsere Glaubensgemeinschaft neu zur Geltung kommen kann", sagt Sprecher Christian Weisner.

Statt "wenig glaubwürdige Dementi" abzugeben, sollte sich Papst Benedikt seiner Gesamtverantwortung stellen. Sein Schuldeingeständnis wäre ein symbolhafter Akt und könnte zum Vorbild für andere Verantwortungsträger weltweit werden, so "Wir sind Kirche".

Auch Ordensfrauen sind Betroffene

Schwester Susanne Schneider von den Missionarinnen Christi fällt es schwer, "die sich ständig wiederholende Beteuerung zu glauben, dass das ,Leid der Betroffenen' nun im Mittelpunkt stehen müsse".  "Falls es innerhalb der Kirche Menschen gibt, die ernsthaft an einer Aufarbeitung interessiert sein sollten, nenne ich diesen für ihre Agenda noch eine weitere Gruppe von Betroffenen: die Ordensfrauen", erklärt Schneider. Sie engagiert sich deshalb in der Gruppe "Ordensfrauen für Menschenwürde", die sich in München gegründet habe und inzwischen deutschlandweit Unterstützerinnen finde. Diese kämpfe gemeinsam mit vielen Reformgruppen, den Betroffenenverbänden, den Frauenverbänden und vielen Christen weltweit für eine gerechtere Kirche. "Die Übel" Patriarchat, Klerikalismus und sexueller und spiritueller Missbrauch sollen so an der Wurzel gepackt werden. Doch Schneider stellt sich dabei auch die Frage: "Ob Mann uns sieht?"

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de