Diskussion um Tötung auf Verlangen

Kein kurzer Prozess mit dem Sterben

Evangelische Theologen fordern den Einstieg in die aktive Sterbehilfe in kirchlichen Einrichtungen. Christen sollten auf das Sterben umfassender verstehen und auch die Hinterbliebenen im Blick haben.

Die letzte Lebensphase ist zu wichtig, um sie einfach abzukürzen. © Imago

Es klingt nach Willensstärke, einem heroischen Kampf um die letzte Würde, wenn Menschen sich freiwillig das Leben nehmen – oder nehmen lassen wollen. Eine individuelle Angelegenheit, der Einzelne ist ganz bei sich selbst und bestimmt über sein Schicksal. Willkommen in der ethischen Schwarzwaldklinik- moralisch einwandfrei und harmonisch wie im Fernsehen. Es mag Fachleute geben, die gelassen eine Todesspritze setzen und deren Gewissen dabei nicht zwickt. Aber wie ist das mit dem medizinischen und pflegenden Personal und Mitbewohnern in einem Heim, etwa der Diakonie oder der Caritas? Wie sieht es mit den Angehörigen aus, die erleben, dass in einem solchen Haus aktiv getötet wird, wenn auch auf eigenen Wunsch? Ganz abgesehen von der Frage, wer darüber entscheidet, wie ernst ein solcher Wunsch gemeint und wann ihm zu entsprechen ist. Menschen leben in Beziehungen, selbst wenn sie alt und vereinsamt sind. Wer verantwortet das Leid und die Last, die ein nicht natürlicher, letztlich gewaltsamer Tod bei Hinterbliebenen und der Umgebung hinterlässt?

Keine moralische Hornhaut wachsen lassen

Vielleicht setzen die Befürworter einer aktiven Sterbehilfe darauf, dass sich solche Empfindlichkeiten schnell legen und eine moralische Hornhaut wächst, an der solche kleinlichen Fragen abprallen und die Tötung auf Verlangen zur Selbstverständlichkeit wird. Dass die Hemmungen bei entsprechender Gesetzgebung schnell fallen, zeigen die ständig steigenden Zahlen aktiver Sterbehilfe in den Niederlanden und Belgien. Viele dieser Menschen wollen insbesondere ihren Angehörigen nicht zur Last fallen. Daraus kann sich aber der gewaltige Druck entwickeln, als kranker Mensch nicht mehr zur Last fallen zu dürfen. Dazu sollten christliche Heime und Kliniken nicht die Hand reichen, indem sie aktive Sterbehilfe und einen kurzen Prozess anbieten.

Auch zähes Lebensende bedeutend

Auch ein langes Sterben kann für einen Menschen ein wichtiges Geschehen sein, in dem sich ein Leben klärt und vollendet, selbst wenn es scheinbar nicht mehr bewusst und in Agonie geschieht.
Das schreibt und denkt sich leicht, so lange jemand keine unerträglichen Schmerzen spürt. Doch hat die Palliativmedizin gerade hier in den vergangenen Jahren gewaltige Fortschritte erzielt. Sie machen Mut „richtig“ und nicht künstlich beschleunigt zu sterben, sich nicht möglicherweise existentiell wichtiger Wochen, Tage oder nur Stunden zu berauben. Eine solche Sterbekultur sollten katholische wie evangelische Kirche für die ganze Gesellschaft und insbesondere für die Hinterbliebenen erhalten helfen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben