Nach Generalsanierung

Freisinger Diözesanmuseum öffnet wieder

Das Diözesanmuseum besitzt weltweit eine der größten kirchlichen Kunst- und Kultursammlungen. Seit 2013 hat es die Erzdiözese München und Freising für rund 74 Millionen Euro grundlegend umbauen lassen. Nun ist es wieder für Besucher geöffnet – und die können vieles wortwörtlich in ganz neuem Licht sehen.

Die Erzdiözese hat das Diözesanmuseum für rund 74 Millionen Euro saniert. Es setzt nun international Maßstäbe für kirchliche und nichtkirchliche Museen. © SMB

Freising – Das Kardinal-Döpfner-Haus auf dem Freisinger Domberg ist verschwunden. Ein paar Abbruchkanten am Nebengebäude und eine betonierte Fläche sind davon übrig geblieben, daneben steht ein riesiger gelber Kran. Geht der Blick nach Norden, ist der zur Sanierung eingerüstete Turm der Pfarrkirche St. Georg zu sehen. Dazwischen ist aber schon Neues entstanden und gleichzeitig Altes geblieben: das Diözesanmuseum, das ab dem 2. Oktober wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Düsterer Erzengel 

Ein paar Tage vor der Eröffnung laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Innen im Lichthof stellt die belgische Bildhauerin Berlinde de Bruyckere mit ihren Mitarbeitern und Flaschenzügen gerade ihren überlebensgroßen Erzengel, den „Arcangelo“ auf eine Betonsäule. Sie hat die rund eine halbe Tonne schwere Bronzeskulptur eigens für das Museum geschaffen und sich dabei von den spätmittelalterlichen Holzfiguren in der Sammlung des Hauses inspirieren lassen. Der düstere, in grauer Farbe gefasste Erzengel verhüllt sein Haupt und lässt sich durchaus als künstlerische Antwort auf die Gegenwart deuten, in der die Menschheit ihr eigenes Überleben durch Raubbau und Kriege gefährdet.

Christoph Kürzeder schaut dem Aufstellen des Arcangelo von der Galerie im ersten Stock des Museums aus zu. Solche Aufbrüche ins Hier und Heute will der Direktor des Freisinger Diözesanmuseums haben: „Das ist ein Anspruch, den wir in diesem Haus erfüllen wollen.“ Aufbrüche, die sich auch in der veränderten Architektur widerspiegeln. Stärker als früher erinnert sie nun an die ursprünglichen, klassizistischen Ideen des Baumeisters Matthias Berger. Er war ein Schüler Friedrich von Gärtners, der die Ludwigstraße in München mitgeplant hat.

Der Blick kann wandern

Dorthin würde das Diözesanmuseum nun auch gut passen, mit seinen großzügigen Arkaden im Erdgeschoss und im ersten Stock. Das mit dem Umbau beauftragte Architektenbüro Brückner & Brückner hat die bisherigen Fenster nach unten hin verlängert. „Geöffnete Wände“ lautete das Motto ihrer Neugestaltung des 1870 als Knabenseminar mit Schul- und Internatsbetrieb errichteten Gebäudes. Dafür haben sie Mauern zwischen den früheren Sälen herausgenommen, neue Durchblicke geschaffen, das Haus lichter und leichter gemacht. Der Blick kann nach draußen über die Landschaft und Kirchtürme wandern, aber auch auf den Flughafen, der unmittelbar neben Freising liegt.

„Das Diözesanmuseum blickt auf Geschichte und Gegenwart, will beides in sich hineinnehmen und nach innen wie außen zeigen“, erklärt Kürzeder und dreht sich den neuen Ausstellungsräumen zu, die viel Tageslicht einlassen und gleichzeitig mit modernsten konservatorischen Schutztechniken und LED-Beleuchtung ausgestattet sind. Gekühlt und geheizt wird mit durch Grundwasser betriebene Kältemaschinen und einer Wärmepumpe. Dafür hatten sich Architekten und Bauherr schon lange vor dem Energiepreis-Schock entschieden. Im Vergleich zu einer mit Erdgas betriebenen Heizung spart die Wärmepumpe jährlich zudem rund 220 Tonnen CO2 ein.

750 Objekte für die Dauerausstellung 

Auch wo es die Besucher nicht sehen, sind neue Einsichten ins Museum eingezogen, das mit über 40.000 Objekten eine der bedeutendsten kirchlichen Kunst- und Kultursammlungen weltweit beherbergt. Etwa 750 davon hat Sammlungskurator Steffen Mensch zusammen mit seinen Kollegen für die Dauerausstellung ausgewählt. Neun Jahre war das Diözesanmuseum wegen gravierender bau- und sicherheitstechnischer Mängel geschlossen und so lange waren sie hier nicht mehr zu sehen. Viel Zeit für Mensch und die anderen Kuratoren, um die Sammlung neu kennenzulernen, zu inventarisieren und in neue Zusammenhänge zu rücken. Besucher, die noch die frühere Dauerausstellung erlebt haben, werden sie nicht wiedererkennen.

Das Freisinger Diözesanmuseum (Domberg 21) ist ab Sonntag, 2. Oktober, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet regulär acht Euro, eine Jahreskarte 20 Euro. Neben der Dauerausstellung ist bis Sonntag, 29. Januar, die Sonderausstellung „Tanz auf dem Vulkan“ über Leben und Glauben im Schatten des Vesuv zu sehen. Ab Dienstag, 11. Oktober, startet auch der neue Gastronomiebetrieb.

Mit weißen Handschuhen hebt Mensch im ersten Ausstellungsraum die spätmittelalterliche Mondsichelmadonna eines unbekannten Künstlers auf ein Podest. „Natürlich präsentieren wir nach wie vor unsere Spitzenstücke, aber wir haben die frühere Ordnung nach Kunstlandschaften und -epochen aufgegeben“, erläutert Mensch und deutet auf das schräg gegenüber hängende Bild. Es ist ein 2009 entstandenes Ölgemälde von Brigitte Stenzel, auf dem zwei Kleinkinder einen Apfel untersuchen, um den tote Fliegen liegen.

Hießen die einzelnen Ausstellungsbereiche früher Salzburger, Freisinger oder Münchner Saal und zeigten entsprechende Kunstwerke aus den Regionen, so sind in den Räumen jetzt Überschriften wie „Das verlorene Paradies“ oder „Menschwerdung“ zu lesen. So ist der erste Raum der Dauerausstellung betitelt, in der die Mondsichelmadonna den Besucher empfängt. Mensch hat sie sehr bewusst dort platziert: „Eine Mutter mit Kind ist jedem vertraut, ohne die Mama gäbe es auch das eigene Leben nicht.“

Kröten aus Wachs

In einer großen Vitrine neben der Madonna zeigen Votivgaben, wie gefährlich, schmerzhaft und gleichzeitig ersehnt eine Geburt ist. Da liegen Kröten aus Wachs, die Frauen früher an Wallfahrtsorten dargebracht haben, um Fruchtbarkeit betend. Daneben Kreuze aus Malachit. Die grünen Steine sollen nach dem Volksglauben den Geburtsschmerz hemmen und für Milchbildung bei der Mutter sorgen. Naiv gemalte Tafeln erzählen von gefährlichen Entbindungen, in denen Mutter und Kind gerade noch mit dem Leben davongekommen sind, und darunter lächelt ein reich geschmücktes, gefatschtes Christuskind aus der Vitrine. Als Säugling hat sich Gott mit Haut und Haar von Maria in die Welt bringen lassen, sagt das christliche Glaubensbekenntnis. Wie rätselhaft dieses Leben ist und dass Menschen herausfinden wollen, was dahintersteckt, hat Stenzel in ihr modernes Kinderbild hineingemalt. 

Im Raum daneben stehen ein kleiner barocker Schmucksarg, kunstvoll geschnitzte Totenköpfe und Stillleben, auf denen erloschene und abgebrochene Kerzen, welkende Blumen, Sanduhren oder zerplatzende Seifenblasen zu entdecken sind, Symbole der Vergänglichkeit. Einteilungen nach Epochen, Stilen, Meisterwerken oder Volkskunst sind in dieser Dauerausstellung des Freisinger Diözesanmuseums nicht mehr zu finden. Mensch will nicht nur ein Publikum ansprechen, das mit Kennermiene auf die Schätze des Hauses blickt: „Wir wollen jedem Besucher zeigen, dass diese Objekte und Bilder mit ihm selbst zu tun haben und unmittelbar zu und mit ihm sprechen.“

Der eigene Körper beginnt zu schweben 

Das neu gestaltete Diözesanmuseum will nicht nur ein Schatzkästlein sein, sondern ein Ort, um in sich zu gehen. Das lässt sich in der früheren Seminarkapelle sogar sinnlich erfahren. Wer sie betritt, den versetzt James Turrell in eine Umgebung aus Licht und Farben. Nach einigen Minuten scheint der eigene Körper zu schweben, das Auge nimmt keine Begrenzungen mehr wahr. „Ganzfeldraum“ nennt der weltbekannte amerikanische Künstler das und hat einen solchen eigens für das Diözesanmuseum entworfen.

Um ihn vor dem Baustaub zu schützen, ist der Eingang bis zur Eröffnung verhängt. Die stellvertretende Museumsdirektorin Carmen Roll betritt ihn nur ohne Schuhe, „weil die Boden- und Wandanstriche nicht verschmutzt sein dürfen“. Sie gibt zu, dass es „einen schon physisch beanspruchen und der Gleichgewichtssinn ins Schwanken kommen kann, wenn man sich hier länger aufhält“. Wer die Kapelle betreten will, muss sich deshalb zuvor beim Museumspersonal melden und begleiten lassen, auch wenn ihr Licht den Besucher schon von der Eingangstür her anstrahlt und anzieht. „Es ist ein bisschen wie auf den Himmel zu- und hineinschreiten“, erklärt Roll.

Altehrwürdige Ikone

Dem modernen Werk des 79-jährigen Turrell antwortet in einer Sichtachse auf der anderen Seite des Museums eines seiner bedeutendsten Stücke: das Lukasbild, eine über tausend Jahre alte Marienikone aus Konstantinopel. Nach der Legende soll der Evangelist Lukas selbst die Gottesmutter gemalt haben, die Christus, das Licht in die Welt gebracht hat. Die altehrwürdige Ikone und der moderne Turrell umgeben den grauen Erzengel, der vor den Schrecken der Welt sein Antlitz verhüllt. So präsentiert das Diözesanmuseum dem Besucher fast spielerisch theologische und menschliche Zusammenhänge.

Rund 74 Millionen Euro hat die Erzdiözese München und Freising ausgegeben, um das Gebäude zu sanieren und umzubauen. Dafür setzt es nun Maßstäbe für kirchliche und nichtkirchliche Museen – nicht nur in Deutschland, sondern international. Und es zeigt, was auf dem Freisinger Domberg möglich ist – architektonisch wie inhaltlich. Dort entsteht in den kommenden Jahren der Nachfolgebau des Kardinal-Döpfner-Hauses, ein kirchliches Bildungszentrum. Der mächtige gelbe Kran neben dem Diözesanmuseum wird dort also noch lange bleiben.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de