Vor der Neueröffnung

Einblick ins Depot des Freisinger Diözesanmuseums

Noch ist das Freisinger Diözesanmuseum geschlossen und seine Kunstschätze müssen im Depot ausharren. Wie verändert das den Blick auf die Kunstwerke und was erwartet die Besucher bei der Neueröffnung?

Neun Jahre waren die Kunstschätze des Freisinger Diözesanmuseums nicht zu sehen. © Kiderle

Carmen Roll bewegt im Depot des Freisinger Diözesanmuseums vorsichtig eine Zugwand. Das sind große engmaschige Metallgitter, die sich auf Schienen hin- und herschieben lassen. Mehrere hundert Bilder hängen mit ihrer Inventarnummer auf solchen Zugwänden: „Man muss einfach Raum schaffen, um die Bilderflut unterzubringen und zu ordnen.“

Die Kunsthistorikerin und stellvertretende Museumsdirektorin hat ein Prachtstück herausgeholt: eine Tafel des sogenannten Tegernseer Altars. Ein frisch restauriertes Meisterstück spätmittelalterlicher Malerei, das schon allein wegen seiner Größe unter den über 45.000 Objekten des Diözesanmuseums nicht untergehen kann. Allerdings hat es seit fast neun Jahren kaum ein Besucher gesehen. So lange ist das Haus auf dem Freisinger Domberg schon geschlossen. Im Herbst soll die feierliche Neueröffnung stattfinden.

Bildern fehlen die Betrachter

Und wenn auch das eine oder andere in Sonderausstellungen von Potsdam bis Venedig ausgestellt war, tun Sammlungsleiter Steffen Mensch die so lange verborgenen Bilder leid: „Sie sind im Depot ideal aufgehoben, fristen aber ein einsames Dasein.“ Denn es fehlen die Betrachter, in denen das Bild ja etwas auslösen will, und die mit ihrer Aufmerksamkeit darauf antworten. Im Depot sind die Werke amputiert. Der magische Moment, in dem ein Auge auf sie trifft und sie ihre Kraft weitergeben, ist weg.

Carmen Roll und Steffen Mensch kennen diesen Moment, wenn sie ein Objekt nach Monaten wiedersehen. Immer wieder sind sie von Werken, die sie doch bestens kennen, überrascht und getroffen. „Das ist wie beim Essen und Trinken“, erklärt Steffen Mensch. „Wenn ich eine Zeitlang auf etwas verzichte, erhöht es den Genuss, ich schmecke feinere Facetten und so ist es mit dem Auge auch.“ Nicht umsonst sind in den Kirchen zur Fastenzeit die Altarbilder oft verhängt.

Zeit der Schließung inspiriert neues Ausstellungskonzept

Das Augenfasten im Freisinger Diözesanmuseum dauert allerdings schon viel länger als nur sechs Wochen. Dennoch sind die Erfahrungen aus den Verzichtsjahren nicht ohne Wert. Die Kuratoren und Kunstwissenschaftler auf dem Freisinger Domberg lassen sie in das neue Ausstellungskonzept einfließen. Das sieht vor, auch berühmten Werken öfter eine Ruhepause im Depot zu gönnen, häufiger unbekannte Objekte zu zeigen oder einzelne Stücke gezielt hervorzuheben. „Durch den Umbau können wir einzelne Bilder oder Skulpturen isolieren oder durch Blickachsen auf sie lenken“, erklärt Carmen Roll.

Bilder im Museum als Kommunikationsfläche

Mehr denn je ist im Zeitalter der Bilderinflation in den Sozialen Medien das Museum als eine Schule des Sehens gefragt. Wenn Instagram-Nutzer Fotos gerade einmal eine halbe Sekunde
betrachten, hunderte davon jeden Tag sehen und gleich wieder vergessen, dann verlieren sie ihren Wert und ihre Bedeutung. Steffen Mensch wünscht sich, dass wenigstens die Bilder im Museum eine „Kommunikationsfläche“ bieten, dort ein tieferer Dialog zwischen ihnen und den Besuchern entsteht: „Wir arbeiten auf Konzentration anstatt auf Zerstreuung hin.“

Wie und mit welchen Objekten das am besten geschieht, haben Christoph Kürzeder und seine Mitarbeiter nach der vierjährigen Umbauphase schon vor Augen. Der Direktor des Freisinger Diözesanmuseums hält ein Teilmodell des Hauses in die Höhe. In dem ist im Miniaturformat schon die Hängung oder die Präsentation wichtiger Stücke zu sehen: „Entscheidend sind die künstlerische Qualität, aber auch die des Materials und seiner Verarbeitung“, erläutert Kürzeder die Auswahlkriterien. „Genauso geht es um die geschichtliche und kulturhistorische Bedeutung und um die Aura, die Ausstrahlung, die daraus entstanden ist und weiterentsteht.“

Eigener Raum für berühmtes Lukasbild

Der gelernte Theologe erläutert das anhand des sogenannten Lukasbildes, eines Hauptstücks der Sammlung. Der Legende nach soll es der Evangelist selbst gemalt haben. Ein byzantinischer Kaiser hat die wertvolle Marienikone als politisches Geschenk nach Europa gebracht. Er suchte Unterstützung, um sein von den Osmanen bedrohtes Reich zu retten. Seit 1440 befindet sich das Bild in Freising, wo es eine starke Verehrung erfahren hat, im 19. und 20. Jahrhundert nur noch wenig beachtet und ins 1974 gegründete Museum gebracht wurde.

In den vergangenen Jahren haben Kunsthistoriker die Ikone umfassend erforscht, ihre künstlerische Qualität und geschichtliche Bedeutung neu entdeckt. Ebenso die Aura, die dieses Bild umgibt, das seit Jahrhunderten die Gebete, die Hoffnungen und die Verzweiflung vieler Gläubiger aufgenommen hat und mit sich trägt. „Eine solche Ausstrahlung versucht ein Museum mit seinen wissenschaftlichen Ansprüchen oft zu neutralisieren oder wegzudrücken, besonders wenn es mit Frömmigkeitsgeschichte zu tun hat“, sagt Kürzeder. „Für uns als kirchliches Museum ist das aber ein Trumpf, mit dem wir selbstbewusst umgehen wollen.“ Im umgebauten Haus soll das Lukasbild deshalb einen eigenen Raum einnehmen, in dem es für sich wirken kann.

Kunstwerk ohne Bild

Gegenüber diesem altehrwürdigen Kunstwerk richtet der Künstler James Turrell eine seiner vielgerühmten Lichtinstallationen ein, in denen der Besucher ein Gefühl der räumlichen Entgrenzung erfährt. Ein Kunstwerk, das ohne Bild auskommt und mit dem Turrell auf die Marienikone antwortet. Beide sollen zum Nachdenken anregen, was Bilder bedeuten, wie sie in die Seele eindringen und auch hinter sich gelassen werden. Beide Werke werden in den nächsten Jahren nicht ins Depot kommen. Der Lichtraum des amerikanischen Künstlers ließe sich auch beim besten Willen nicht auf eine Zugwand hängen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de