Umgang mit Corona

Familientreffen am Seniorenheim-Zaun

Kann man Oma und Opa besuchen, auch wenn sie im Seniorenheim leben? Eine Münchner Familie zeigt, wie es trotz Corona-Auflagen geht.

Schwierige Nähe auf Distanz: Familientreffen in Corona-Zeiten © Kiderle

München – Es ist Sonntag, die Frühlingssonne scheint und eigentlich müsste man zufrieden sein, denn schließlich ist die Familie trotz Corona gesund und munter. Wenn da nicht die Sache mit den Eltern im Seniorenheim wäre. Die darf Andrea Hasel mit ihrer Familie schon seit Wochen nicht mehr in ihrem Apartement besuchen. Die Tränen stehen ihr in den Augen, wenn sie an die Trennung auf unbestimmte Zeit denkt. "Meine Mutter hat mir immer geholfen, sie war immer für mich da, und sie hat auch eine ganz enge Beziehung zu den Kindern. Mit ihnen nicht sprechen und spielen zu können, ist schon sehr schwer für sie". Zwar telefoniert sie jeden Tag mit den Eltern, aber das ist bald schon zu wenig. Zu groß ist die Sehnsucht. Schließlich kommt der Mutter von sechs Kindern dann die Idee: weil die Familie sowieso einmal am Tag an die frische Luft muss, könnte man das doch mit einem Ausflug zu Oma und Opa verbinden.

Nähe auf Distanz

Natürlich sollen dabei die Corona-Vorschriften eingehalten werden. Deshalb laufen die ersten Treffen mit Oma und Opa noch auf große Distanz ab. Die Großeltern stehen am Fenster und rufen ihren Enkeln, die auf dem Fußgängerweg vor dem Seniorenheim stehen, schwer verständliche Wortfetzen zu. Immerhin funktioniert es, und schließlich ist alles andere besser als nur zu telefonieren. Mit dem dauerhaft schönen Wetter findet die Familie aber noch einen weiteren Kniff, Oma und Opa näher zu kommen. Zum Seniorenheim gehört ein kleiner Park, in dem die Großeltern spazieren gehen dürfen. Nur ein niedriger Zaum mit einer Hecke trennt hier das Altenheim-Gelände vom Weg. An dieser Stelle ist tatsächlich Nähe auf Distanz möglich. Man hält ausreichend Abstand und kann sich trotzdem normal über den Zaun hinweg unterhalten.

Wechselbad der Gefühle am Zaun

Ganz ungefährlich ist die Aktion nicht, gibt Mama Andrea zu. Ihre Mutter hat einige Vorerkrankungen und darf sich auf keinen Fall infizieren. Deshalb achten auch alle darauf, dass das Ratschen über den Zaun nicht allzu lange dauert. Und auch wenn die Familie auf diese Weise Corona ein Schnippchen geschlagen hat, haben die Treffen doch auch etwas belastendes an sich. "Es ist natürlich traurig, dass wir uns nur durch einen Zaun sehen. Dass ich meine Eltern nicht in den Arm nehmen darf, ihnen keinen Kuss auf die Backe geben darf, was wir ja sonst gewöhnt sind", erzählt Andrea Hasel. Gerade bei den ersten Begegnungen über den Zaun hinweg seien Tränen geflossen. Mittlerweile könnten alle aber die Situation gut annehmen. Auch weil man sich immer wieder auf das besinne, auf was es zurzeit am meisten ankomme: dankbar zu sein, dass für die Großeltern bislang alles gut gegangen ist.



Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie