Amoklauf in München

Eine Stadt im Chaos

Viele Kollegen der Redaktionen des Sankt Michaelsbundes haben den Amoklauf in München und die Situation in der Landeshauptstadt miterlebt. Karsten Schmid, Chef vom Dienst Crossmedia, ist nach den ersten Meldungen in die Stadt gefahren, um seine Frau zu holen.

Karsten Schmid ist CvD Crossmedia beim Sankt Michaelsbund (Bild: Stefanie Schmid) © Stefanie Schmid

München – „Gehts euch gut?“ - Diese Nachricht erscheint per Facebook-Messenger Freitagabend viertel vor sieben auf meinem Handy. Sie kommt aus Schweden: Eine Freundin ist besorgt, weil sie von den Ereignissen in München mitbekommen hat, die sich wie ein Lauffeuer auf der ganzen Welt verbreiten. Ich bin zuhause, in Wochenendstimmung, die Kinder schauen einen Film. In meiner Facebook-Timeline sehe ich zahlreiche Posts zu dem Amoklauf, die Lage ist völlig unklar, alle sind besorgt. Dann geht alles ganz schnell…

Besorgte Familienmitglieder und Freunde rufen an: „Wo seid ihr? Seid ihr in Sicherheit? Wo ist Steffi?“. Steffi, meine Frau, ist zu diesem Zeitpunkt mitten in der Stadt auf einem Interviewtermin in einem Kindergarten im Schlachthofviertel. Sie ruft an, kommt nicht mehr aus der Stadt, U-Bahn, Busse, Tram, nichts geht mehr. In aller Eile bringe ich meine Kinder zu meiner Schwägerin, erkläre ihnen die Situation, mein Großer (7) macht sich Sorgen. „Wo ist Mama? Ist das da wo sie geschossen haben? Wie weit ist das von da weg?“. Meine Tochter (5) fragt mich, ob sie „Ice Age 4“ morgen weiterschauen kann. Ihre größte Sorge, ich beneide sie.

Die folgenden Stunden werde ich wohl nicht so schnell vergessen. Auf der Autobahn in die Stadt: Chaos. Streifenwagen, Zivilstreifen, besorgte Menschen rasen mit Warnblinkanlage und Lichthupe in die Stadt, ich vermute um, wie ich, Familienmitglieder zu holen. Auch ich bin nervös, fahre deutlich zu schnell, auf B5 immer neue Meldungen von Schießereien und Polizeieinsätzen.

In München dann ein ambivalentes Bild: Die einen laufen nervös irgendwohin, die anderen stehen vor den Kneipen, trinken, rauchen und feiern. Zwischendrin immer wieder Polizei und Krankenwagen. Größer könnte der Kontrast nicht sein, an diesem Sommerabend im Juli in München. Ich fahre am KVR vorbei die Rupertstraße entlang, auch hier viele Menschen. In einer Seitenstraße ein schwarzer SUV mit Blaulicht: Es springen zwei schwer bewaffnete Polizisten mit schusssicheren Westen raus, von der anderen Seite kommen zwei weitere mit MPs im Anschlag. Durch das geschlossene Fenster höre ich die aggressiven Rufe: „Keine Bewegung! Auf den Boden! Sofort auf den Boden!“ Mittendrin drei deutlich verschreckte Jugendliche, schick gekleidet, sie sehen arabisch aus. Einer lässt sofort sein Mobiltelefon fallen, legt sich hin. Sekundenbruchteile, die ablaufen wie ein Hollywoodfilm, nur drei Meter von mir entfernt. Ich überlege, ob ich anhalten und die Szene mit dem Handy filmen soll, schäme mich aber kurz darauf für den Gedanken.

Wenige Minuten später bin ich am Kindergarten angekommen und rufe meine Frau an, die kurz darauf auf der Straße erscheint. Der Weg zurück ist nicht weniger chaotisch, doch wir sind beide froh, mit jedem Kilometer, den wir uns von München an diesem Abend entfernen… (Karsten Schmid)