Spaß und Erholung trotz Krise

Dürfen wir den Sommer in diesen Zeiten genießen?

Krieg, Hunger, Corona - Sind Fernreisen und Volksfeste angesichts weltweiter Krisen ethisch vertretbar?

Das Leben zu genießen, fällt nicht immer leicht, angesichts der Krisen in der Welt. © BalanceFormCreative - stock.adobe.com

Es ist Sommer, es sind Ferien und es ist nach zwei ruhigeren Jahren wieder alles möglich: große Feste, Volksfeste und Fernreisen – alles, was Spaß macht. Manch einen aber bremsen nicht nur die hohen Corona-Zahlen, sondern auch alles das, was in der Welt los ist: Wasserknappheit und Klimakrise, Krieg in der Ukraine, Hungersnöte in vielen Gebieten der Welt.

Da stellt sich die Frage: Dürfen wir unser Leben hier überhaupt genießen, wenn gar nicht weit von uns Menschen im Krieg sterben oder hungern? Das Gefühl, egoistisch oder nur auf das eigene Wohl bedacht zu sein, wenn wir hier das Leben genießen, kommt da durchaus auf.

Kraft um das Leben zu meistern

Alexandra Schreiner-Hirsch ist pädagogische Leitung beim Kinderschutzbund Bayern und meint: „Wir müssen das Leben sogar genießen. Das Leben ist dazu da, gelebt zu werden, und nicht dazu, dass wir leiden. Wenn wir alle permanent mit denen, denen es auf der Welt schlecht geht, mitleiden oder denken mitleiden zu müssen, dann würde unsere Welt zum Stillstand kommen.“ Alle Menschen brauchen Kraft für die täglichen Aufgaben des Lebens wie arbeiten zu gehen oder sich um die Familie zu kümmern.

Das heißt nicht, dass wir durchs Leben gehen sollten, ohne links und rechts zu schauen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu engagieren. Sei es, wie es einige seit Monaten tun, indem sie Flüchtlinge betreuen, sei es, dass man Projekte für den Klimaschutz anstößt oder einfach auch nur Nachbarn hilft, die Unterstützung brauchen. Nur wer seine Batterien regelmäßig auflade, sei in der Lage, anderen zu helfen, indem man beispielsweise Deutschkurse für ukrainische Flüchtlinge anbiete oder sich um die eigenen Kinder und deren Wohl kümmere.

Die Fähigkeit, Krisen zu überstehen

Denn, das habe der Kinderschutzbund deutlich gemerkt, auch bei Familien hier bei uns herrschen nach zweieinhalb Jahren Pandemie oft Erschöpfung und Kraftlosigkeit. Kinder aber können nur so positiv auf ihre Leben und in die Zukunft schauen, wie es die erwachsenen Vorbilder tun. Resilienz ist da heutzutage das große Schlagwort – die Fähigkeit, Krisen zu überstehen.

Und diese ist auch bei Erwachsenen unterschiedlich stark ausgeprägt. Wichtig sei es hier, dass man sich auch um sich selbst kümmere und sich Bewältigungsstrategien aneigne, die helfen, über schwierige Situationen oder Krisen im persönlichen Leben oder auf der Welt hinwegzukommen.

Neue Bewältigungsstrategien suchen

Viele Bewältigungsstrategien, die wir hatten, sind in der Pandemie weggebrochen. Der eine schöpfte Kraft beim Auspowern im Fitnessstudio, der andere beim Singen im Kirchenchor – beides war plötzlich nicht mehr möglich und die Menschen mussten sich neue Bewältigungsstrukturen suchen. Den einen gelang das besser, den anderen weniger gut. Aber, so meint Schreiner-Hirsch, es sei nie zu spät, daran zu arbeiten. Und jetzt, wo wieder ein fast normaler Alltag möglich ist, sei die Zeit, dies zu tun.

Wer damit selbst nicht zurechtkomme, der könne sich Hilfe bei Beratungsstellen oder Therapeuten suchen, oft aber seien es schon die kleinen Dinge und die Wahrnehmung dieser, die viel bringen. Schreiner-Hirsch fügt hinzu: „Diese sind uns als Überlebensstrategien mitgegeben worden. Diese Grundemotionen wie Freude, Trauer, Wut und Angst brauchen wir zum Überleben und sie gehören zur Resilienz. Die Freude ist da ganz entscheidend. Wir sollten uns bewusst machen, dass es einen Grund gibt, aus dem wir auf dieser Welt sind, und wir sollten jeden Tag drauf schauen, was uns glücklich macht, und dafür sollten wir dankbar sein.“

Edelstein-Momente schaffen

Was viele Eltern mit ihrem Kind vor dem Schlafengehen machen, nämlich einmal kurz fragen: „Was war denn heute für dich schön?“, das vergessen Erwachsene viel zu oft. Dabei wäre das wichtig, um das Leben genießen und Dankbarkeit spüren zu können. Genau deshalb dürfen wir uns auch im Leben etwas gönnen, auch wenn uns das, wenn wir auf das Leid in der Welt schauen, manchmal ungerecht erscheint. „Gerade in Zeiten wie diesen, in denen man das Gefühl hat, es läuft gar nichts gut auf dieser Welt, verfallen wir möglicherweise in eine Hilflosigkeit, weil wir denken, wir können gar nichts an der Situation ändern. Das wird dann schnell zu Hoffnungslosigkeit. In diesen Zeiten ist es besonders wichtig, sich die "Edelstein-Momente" im Alltag zu verschaffen, die Kraft geben“, erklärt die Pädagogin.

Kleiner Frieden wirkt auf großen Frieden

Eine Meinung, die auch Pfarrer Stefan Huppertz, Leiter des Pfarrverbands München West, teilt: „Der Seelenfrieden dient dem Frieden, denn mein persönlicher Friede tut dem globalen Frieden gut“, meint er. Schließlich wirke sich der persönliche Friede auf den Frieden im Umfeld und in kleinen Stücken dann auch auf den „großen Frieden“ aus.

Deshalb sei es wichtig, gerade jetzt im Sommer das Leben bei einer schönen Begegnung oder einem lang ersehnten Urlaub zu genießen. „Das, was Leib und Seele guttut, stärkt uns. Wir schöpfen daraus Kraft und können uns dann im rechten Moment auch wieder für andere einsetzen und etwas Gutes tun. Zum Beispiel für Hilfsprojekte in der Ukraine spenden oder aber auch ein Gebet für die vom Krieg betroffenen Menschen zum lieben Gott sprechen“, fügt der Seelsorger hinzu. Es seien viele Kleinigkeiten, mit denen man viel erreichen könne, aber eben nur, wenn man selbst erholt sei und Kraft getankt habe.

Empathie ist wichtig

„Wichtig ist dabei natürlich“, meint Schreiner-Hirsch vom Kinderschutzbund Bayern, „nicht die Augen vor dem zu verschließen, was um einen herum passiert. Empathisch zu sein, ist eine wertvolle, gute Eigenschaft. Natürlich kann man sich auch im Urlaub informieren, was in der Welt und der persönlichen Umgebung passiert, und sich darüber Gedanken machen, aber vielleicht reicht es da auch, einmal am Tag Nachrichten anzusehen oder zu lesen und nicht rund um die Uhr.“ Und in der Geschichte der Menschheit habe sich schon ganz oft gezeigt, dass wir Krisen und Katastrophen überstehen können und dass wir in der Lage sind, Dinge zu verändern und zum Positiven zu wenden.

Die Autorin
Stefanie Schmid
Radio-Redaktion
s.schmid@st-michaelsbund.de