Frühjahrsvollversammlung

Bischofsberatungen zwischen Ukrainekrieg und Arbeitsrecht

Im oberfränkischen Vierzehnheiligen tagten die deutschen Bischöfe. Neben dem russischen Angriff auf die Ukraine, wurde auch über eigene Kirchenangelegenheiten diskutiert. Wie den Synodalen Weg. Für den Münchner Weihbischof Bernhard Haßlberger war es ein ganz besonderes Treffen.

In Vierzehnheiligen haben die deutsche Bischöfe getagt. © KNA

Über 50 Vollversammlungen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hat Bernhard Haßlberger erlebt. Er zählt zu den Doyens bei diesen Treffen. Im oberfränkischen Vierzehnheiligen war der Münchner Weihbischof wahrscheinlich zum letzten Mal dabei. Und erlebte zusammen mit den 65 anwesenden Amtsbrüdern etwas furchtbar Neues: einen Angriffskrieg in Europa. „Natürlich hat der Ukraine-Konflikt alle schockiert und einen großen Raum eingenommen“, sagt der 75-jährige dem Münchner Kirchenradio. Spontan hatten die Bischöfe Osteuropa- und Friedensexperten eingeladen, um sich aus erster Hand zu informieren. Das Hilfswerk Renovabis war genauso vertreten, wie Andrii Waskowycz, der das Büro für humanitäre und soziale Initiativen des Weltkongresses der Ukrainer leitet. Der gebürtige Münchner war lange auch Caritaspräsident seines Landes. Beim Angriff auf die Ukraine war er gerade im Ausland. Seine Wohnung in Kiew steht bisher noch. Doch das ist für ihn zurzeit zweitrangig. Er arbeitet fieberhaft daran, Lebensmittel, Kleidung und vor allem medizinisches Gerät in sein Land zu holen. Das hält er zumindest in den nächsten Wochen noch für möglich: „Die Städte werden vor allem nachts bombardiert und noch sind viele Straßen passierbar.“

Hilfsgüter aus München erreichen Ukraine

Die Hilfsbereitschaft sei überwältigend, berichtete Bischof Bohdan Dzyuriakh. Er ist Oberhirte der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in Deutschland und Mitglied der Deutschen Bischöfe. Allein aus seiner Kathedralpfarrei Maria Schutz in München fahren fast täglich sieben Minibusse und sechs LKWs mit Tonnen von Hilfsgütern in die Ukraine. In der Gemeinde würden ukrainischstämmige und deutsche Helfer eng zusammenarbeiten. Wie lange sie durchhalten müssen, ist unklar. Berater der Bischofskonferenz setzen auf eine diplomatische Initiative Chinas. Ein Rückzug der russischen Armee müsste allerdings zumindest mit einem Teilerfolg für Vladimir Putin verbunden sein, der sein Gesicht vor der eigenen Nation nicht verlieren darf.

Waffenlieferungen schließen die Bischöfe nicht aus

Angesichts der Krise hat die DBK eine Erklärung veröffentlicht.  Darin fordert sie den Moskauer Patriarchen auf, sich klar von diesem Krieg zu distanzieren. Zum anderen haben die Bischöfe ihre sehr restriktive Haltung zu Waffenlieferungen in Krisengebiete gelockert. „Wir bleiben bei unserer kritischen Haltung, aber wo sogar Zivilisten angegriffen werden, ist eine neue Situation entstanden.“, erklärte der DBK-Vorsitzende und Limburger Bischof Georg gegenüber dem Münchner Kirchenradio. Die deutschen Bischöfe unterstützen in ihrer Erklärung die Selbstverteidigung der Ukraine mit Rüstungslieferungen. Sie verlangen von der Politik allerdings „präzise zu bedenken“, was diese Waffen „aus- und möglicherweise auch anrichten“.

Trotz der angespannten politischen Lage richteten die Vollversammlung ihren Blick auch auf die eigenen Kirchenangelegenheiten und damit auf den Synodalen Weg.  In großen Runden und Arbeitsgruppen, begleitet von Fachleuten und Laienvertretern, haben sie theologische Grundsatzfragen diskutiert. Manchen Bischöfen sind die umfangreichen Reformforderungen unheimlich. Etwa die Beteiligung von Laiengremien an bischöflichen Entscheidungen. Die Vollversammlung hat bereits über einen dauerhaften „Synodalen Rat“ gesprochen, der den bestehenden „Ständigen Rat der Bischöfe ergänzen könnte, allerdings mit strukturellen Veränderungen einhergehen müsste.

Änderungen vom kirchlichen Arbeitsrecht in Sicht

Dagegen ist das kirchliche Arbeitsrecht bereits im Fluss, über das die Vollversammlung in Vierzehnheiligen erneut beraten hat. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob offen homosexuellen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aufgrund ihrer Lebensweise weiterhin gekündigt werden kann. Das vom Staat anerkannte Arbeitsrecht ermöglicht das. Die Bischöfe halten dennoch Veränderungen des kirchlichen Arbeitsrechts für nötig und stellen sie noch für dieses Jahr in Aussicht. Dafür gibt es öffentlichen Druck: Die Initiative #OutInChurch, in der sich homosexuelle und queere Kirchenmitarbeiter organisiert haben, hat der DBK bei der jüngsten Vollversammlung eine Petition mit rund 118.000 Unterschriften überreicht, die ihre Forderungen unterstützen. Sie gehen weit über das Arbeitsrecht hinaus.  Sie verlangen, dass „diffamierende Aussagen der kirchlichen Lehre zu Geschlechtlichkeit und Sexualität müssen auf Grundlage theologischer und humanwissenschaftlicher Erkenntnisse revidiert werden“.  Das lehnen einige Bischöfe aufgrund schwerer lehramtlicher Bedenken ab.

Bischöfe haben mehr Verständnis für gegensätzliche Positionen

Vom Münchner Kardinal Reinhard Marx kamen dagegen nachdenkliche Töne über kirchliche Selbstgewissheiten aus der Vergangenheit: „Was nützt mir ein Bekenntnis, dogmatisch sauber, und das Reich Gottes ist in mir nicht angekommen“, sagte er in seiner Predigt während der Vollversammlung: „Haben wir nicht zu sehr, notwendig auch, um Worte gestritten, und weniger um die Praxis des Glaubens, der Liebe?" Immerhin scheinen die Bischöfe ihre gegensätzlichen Positionen mit mehr Verständnis füreinander als früher auszutauschen. Zumindest hat Weihbischof Haßlberger diesen Eindruck und er war 28 Jahre lang dabei: Im Gegensatz zu den früher oft „mühsamen“ Debatten auf der Vollversammlung, „haben sie sich jetzt mehr ins Sachliche gesetzt“. Dabei erinnert er sich an die heftigen und oft genug auch persönlichen Auseinandersetzungen um den Ausstieg der katholischen Kirche aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung von 1999. Seitdem habe sich vieles verändert, meint der 75-jährige, dessen altersbedingtes Rücktrittsgesuch der Papst bereits angenommen hat. „In der Vergangenheit sind wir oft auf hohem Ross dahergekommen und haben den Leuten gesagt, was richtig und falsch ist, da werden wir uns deutlich stärker bescheiden müssen.“ Die katholische Kirche könne so aber eine „wichtige Stimme in der Gesellschaft bleiben“.  Die Bischöfe hätten im Stil und im Zuhören „etwas gelernt und das wird weiter gehen müssen“. Auch wenn er nun aus der Vollversammlung ausscheidet - von seinem Ruhesitz an der Freisinger Wieskirche will er sie weiter verfolgen und die Protokolle lesen. Und er hofft, dass sich die Bischöfe darin nie wieder zu einem Krieg äußern müssen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de