Frühjahrvollversammlung des Diözesanrats

„Synodal ist anstrengend“ - Ringen um ein neues Miteinander

Missbrauchsgutachten, Synodaler Weg, Ukraine-Krieg und Armut – die Vertreterinnen und Vertreter des Diözesanrats hatten auf ihrer Frühjahrsvollversammlung eine Vielzahl drängender Themen zu diskutieren. Vor allem wurde um die Frage gerungen, wie sich die angestrebte Synodalität im Erzbistum verwirklichen lässt.

Die Vertreterinnen und Vertreter des Diözesanrats hatten auf ihrer Frühjahrsvollversammlung eine Vielzahl drängender Themen zu diskutieren © Kiderle

Als Professor Hans Tremmel als Vorsitzender die Frühjahrsvollversammlung des Diözesanrats eröffnete und auf die Corona-Richtlinien verwies, wehte kurz der Anflug einer launigen Heiterkeit durch die Stadthalle in Moosburg an der Isar. Das Durchschnittsalter der Anwesenden verleite nicht gerade zur Sorglosigkeit, bemerkte Tremmel süffisant, wechselte aber umgehend in einen ernsteren Tonfall, als er eine ganze Reihe von Abwesenheiten verlas. Unter anderem Diözesan-Caritasdirektor Hermann Sollfrank, Landeskomitee-Vorsitzender Joachim Unterländer, der Freisinger Landrat Helmut Petz und Moosburgs Bürgermeister Josef Dollinger (beide Freie Wähler) hatten sich krankheits- oder quarantänebedingt kurzfristig entschuldigt.

Breites Themenspektrum

Die Vollversammlung stehe unter dem Schock des grausamen Angriffskrieges in der Ukraine, leitete der Vorsitzende ein und verurteilte „diesen barbarischen Gewaltexzess aufs Allerschärfste“. Schnell war klar, dass das aktuelle Geschehen in Osteuropa auch ihren Widerhall in dieser Frühjahrsvollversammlung finden würde, ja finden musste, die doch mit den Themen Corona, Missbrauchsskandal, Synodaler Weg und Gesamtstrategieprozess ohnehin bereits mehr Gesprächsstoff als genug zu bewältigen hatte. Und dann war da ja noch der nominelle Themenschwerpunkt der Versammlung, der angesichts all der drängenden Entwicklungen in Kirche und Politik ein wenig unterzugehen drohte: „Armut – Gerechtigkeit statt Almosen! Recht auf ein Leben in Würde für alle“.

Doch bereits die Grußworte des Zweiten Bürgermeisters Georg Hadersdorfer und der neuen Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Ulrike Scharf (beide CSU), ließen erahnen, dass das Thema Armut nicht besser hätte gewählt werden können: Ersterer berichtete, dass die Stadt Moosburg gleich nebenan in einer Turnhalle ein Aufnahmezentrum für ukrainische Flüchtlinge eingerichtet habe; Letztere erzählte, wie sie ihren ersten Arbeitstag als Familienministerin erlebte, der zugleich der Tag des Kriegsbeginns war. Als Fachleute referierten Monsignore Wolfgang Huber, Präsident des katholischen Hilfswerks Missio München, und Gabriele Stark-Angermeier, Mitglied im Vorstand des Diözesan-Caritasverbands, über Aspekte der Armut auf internationaler Ebene wie auch vor Ort im Erzbistum.

Armut weltweit und vor der Haustür

Anstatt arme Menschen als solche abzuqualifizieren und sich aus dem eigenen Wohlstand heraus von ihnen abzugrenzen, gelte es, sich gemeinsam als Geschöpfe Gottes zu begreifen, führte Monsignore Huber aus. Missio sei „nicht irgendeine Organisation, die im Ausland Büros eröffnet“, sondern suche den direkten Kontakt mit den Menschen vor Ort und könne dabei unbürokratisch in Pfarreien ansetzen, ohne den Umweg über korrupte staatliche Stellen nehmen zu müssen. Huber berichtete von konkreten Hilfsmaßnahmen – vom Kauf eines Geländewagens in Papua-Neuguinea über Schulstipendien für christliche und muslimische Kinder in Ägypten bis hin zur beruflichen Förderung von Frauen in Indien. Und er schilderte, wie oftmals das eine mit dem anderen zusammenhängt: So zeigten sich nun Menschen in Uganda – vielfach selbst durch Krieg und Flucht leiderprobt – mit dem Schicksal der ukrainischen Bevölkerung in Gedanken verbunden; zugleich drohe für viele afrikanische Länder wegen des Ausbleibens ukrainischer Weizenlieferungen demnächst eine Hungersnot.

Corona-Pandemie war Armutstreiberin

Gabriele Stark-Angermeier berichtete, dass der Wohnungsmangel und die Mietpreise bistumsweit zu den größten Problemen im Zusammenhang mit Armut stünden. Die Corona-Pandemie habe sich als Armutstreiberin erwiesen, und das größte Armutsrisiko hierzulande bestehe für die Alleinerziehenden. Stark-Angermeier verwies auch auf die Bedeutung von gesellschaftlicher Teilhabe, die für einen armen Menschen schon damit beginne, es sich leisten zu können, einen Kaffee trinken zu gehen. Über die aktuelle Ukraine-Hilfe vonseiten des Erzbistums berichtete Richard Stefke, kommissarischer Ressortleiter Caritas und Beratung im Erzbischöflichen Ordinariat München (siehe auch Kasten „Wörtlich“ und Seite 14). Abgeschlossen wurde der Themenblock Armut mit Impulsen und Gesprächen in 15 Kleingruppen und einer Podiumsdiskussion. Stefke riet in der Gruppe, die sich der Ukraine-Krise widmete, von Sachspenden ab und empfahl Geldspenden bei großen Organisationen mit Kontakten vor Ort. Er warnte auch vor der Gefahr sexualisierter Gewalt, der geflüchtete Ukrainerinnen in ihrer Hilflosigkeit nun auch in Bayern ausgesetzt seien.

Strategieprozess und die Lebensrealität der Pfarreien

Der mit Spannung erwartete zweite Teil der Veranstaltung begann mit den Lageberichten, die in kürzerer Form als gewohnt eingeplant waren, um mehr Raum für Wortmeldungen und die gemeinsame Aussprache zu schaffen. Generalvikar Christoph Klingan lieferte einen knappen Zwischenbericht zum Gesamtstrategieprozess der Erzdiözese und benannte fünf Projekte, die allesamt bis zum Sommer begonnen sein sollten: 1. Wirksamkeit in der Pastoral, 2. Immobilienstrategie und pastorale Nutzungskonzepte, 3. Wirkungsorientierte Haushaltsplanung, 4. Wirkung im caritativen Handeln, 5. Ehrenamtsmanagement. Sperrige Begrifflichkeiten wie „Projektportfoliomanagement“ lassen dem Gesamtstrategieprozess weiterhin etwas Technokratisches anhaften, doch die Bemerkung des Generalvikars, die Kirche benötige definitiv nicht alle ihre Immobilien, um Kirche zu sein, und auch der Verweis auf eine spontane Nutzung von kircheneigenen Räumlichkeiten zur Unterbringung von Flüchtlingen verrieten, dass der Weg des Strategieprozesses in die Lebensrealität der Pfarreien nicht weit sein muss.

Marx überrascht von Berichterstattung zum Missbrauchsgutachten

Kardinal Reinhard Marx bekannte, dass er von der Wucht der medialen Berichterstattung rund um das Missbrauchsgutachten, das so viel Neues nicht enthalten habe, „etwas überrascht“ gewesen sei. Das Gutachten selbst könne man „diskutieren“, worin der Wunsch anklang, auch eine kritisch differenzierende Sichtweise auf die Arbeit der Anwaltskanzlei und die Rezeption des Gutachtens zuzulassen. Die Absicht, als verantwortlicher und mitbeschuldigter Erzbischof allmählich aus der Defensive zu kommen, verriet der Kardinal auch, indem er appellierte: „Nicht nur der Bischof ist jetzt gefordert!“ – nun müssten sich alle, auch die Gläubigen, der Verantwortung stellen, und gemeinsam den Skandal aufarbeiten. Marx wies darauf hin, dass die Aufarbeitung im Erzbistum schon seit 2010 aktiv betrieben werde, dass die Kirche auch erlittenes Leid anerkenne, ohne dass dieses juristisch bewiesen werden müsse, und dass die Aufarbeitung und dass die Aufarbeitung beim Staat womöglich nicht besser laufe als in der Kirche.

Einen kritischen Blick auf die Präsentation des Missbrauchsgutachtens wagte auch Generalvikar Klingan mit Blick auf die Art und Weise, wie diese „zelebriert“ wurde: Kardinal Marx habe die Anwaltskanzlei drei Tage zuvor darüber informiert, dass er nicht teilnehmen werde, dennoch sei ein Tisch mit Namensschild für ihn aufgestellt worden, der medienwirksam leer blieb. Klingan unterstrich aber, dass in der Sache an den Erkenntnissen des Gutachtens nichts zu relativieren sei.

Beschlüsse des Synodalen Wegs umsetzen

Hinsichtlich des Synodalen Wegs empfahl Professor Tremmel in seiner Rede, die auf der dritten Synodalversammlung verabschiedeten Texte zu studieren, zu prüfen, was diese nun für jede und jeden bedeuteten, und „nicht auf oben zu warten“. Die Räte seien bereit, nun endlich vom Reden ins Handeln kommen. Und auch der Kardinal sprach sich dafür aus, die Beschlüsse des Synodalen Wegs jetzt schon auf ihre Umsetzbarkeit im Erzbistum hin zu prüfen: „Da brauchen wir Rom jetzt nicht. Das können wir selber tun.“ Und betonte im Schulterschluss mit Tremmel, dass es nicht sein könne, dass eine kleine Minderheit die Mehrheit immer wieder mit dem Verweis auf die Weltkirche vor sich her treibe und mit einer Kirchenspaltung drohe. „Wir alle sind Weltkirche!“, stellte er klar, und die Kirche müsse bereit sein, von der Welt zu lernen.

Auf dem Weg zum synodalen Bistum

Zur Frage, was die angestrebte Synodalität konkret bedeute, überraschte die Vorsitzende des Katholikenrats der Region München, Hiltrud Schönheit, mit dem Vorstoß, die Einrichtung einer synodalen „Task Force“ unter eigener maßgeblicher Beteiligung anzubieten – was aber sowohl von Marx als auch von Tremmel zurückgewiesen und mit dem Wunsch gekontert wurde, „bitte keine neuen Gremien“ einzurichten, sondern Wege zu finden, im Rahmen der bestehenden Strukturen ein synodales Bistum zu werden.

Nachdem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch für die Unterstützung der Beschlüsse der dritten Synodalversammlung votiert hatten (bei einer Gegenstimme), machten sie sich auf den Weg zum Abschluss-Gottesdienst im Moosburger Kastulusmünster. Dabei dürfte vielen eine Aussage des Kardinals noch in den Ohren geklungen haben: „Synodal ist anstrengend!“ Das Kreisen um den diffusen Begriff der Synodalität und das Ringen um seine Füllung mit Leben ist noch lange nicht zu Ende, sondern hat gerade erst begonnen. (Joachim Burghardt, Redakteur bei der Münchner Kirchenzeitung)