Der Sonnengesang des heiligen Franziskus

Ein Hymnus auf Gottes wunderbare Schöpfung

Bruder Sonne, Schwester Mond - der heilige Franziskus ehrt mit seinem berühmten Sonnengesang die gesamte Schöpfung. Theologische Poesie auf dem Rang von Weltliteratur.

Die Sonne beschreibt der heilige Franziskus in seinem berühmten Sonnengesant als Sinnbild Gottes. © JenkoAtaman - stock.adobe.com

Wer schon einmal die anmutige grüne Landschaft Umbriens mit seinen Bergen und Hügeln, den im Wind wiegenden Feldern und Blumenwiesen, den schattigen Wäldern und Bächen, kurz, wer schon einmal die Heimat des heiligen Franziskus (1181/82–1226) besucht hat, der bekommt auch heutzutage noch eine zumindest leise Ahnung davon, warum einer der wohl bekanntesten Heiligen unserer Kirche der Schöpfung Gottes ein unvergängliches literarisches Denkmal setzte: Der „Cantico di frate sole“, also das „Lied von Bruder Sonne“ oder der „Sonnengesang“ ist das berühmteste Lied des Troubadours aus Assisi. Ursprünglich von Franziskus in der altitalienischen Volkssprache verfasst, füllen die Übersetzungen und Vertonungen heute Regale. Schriftsteller, Dichter, Komponisten und bildende Künstler fühlten sich seit seiner Entstehung vor fast 850 Jahren von diesem Text inspiriert und setzen sich bis heute kreativ mit ihm auseinander.

Inspiration für den Papst

Papst Franziskus stellte die Anfangsworte „Laudato si’, mi’ Signore – Gelobt seist du mein Herr“, programmatisch an den Beginn seiner 2015 erschienenen zweiten Enzyklika, die durch dieses Incipit auch ihren Titel „Laudato si’“ erhielt. In seinem zweiten Satz führt der Papst aus: „In diesem schönen Lobgesang erinnerte er (= der heilige Franziskus) uns daran, dass unser gemeinsames Haus wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt: ,Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.‘“ (LS, 1). Kein schlechter Ansatz für eine „grüne Umwelt- und Öko-Enzyklika“.

Zeit der Entstehung

Franziskus dichtete nach einem Bericht seiner engsten Gefährten „kurz vor seinem Hinscheiden dieses ,Loblied des Herrn auf seine Geschöpfe‘, um die Herzen derer, die es hörten, zum Lobe Gottes anzuspornen und damit der Herr von allen seinen Geschöpfen von allen gelobt werde“ (SP 88). Die heutige franziskanische Forschung datiert den Entstehungspunkt in den Winter des Jahres 1224/25, als der Heilige aufgezehrt, fast erblindet und mit den Wundmalen gezeichnet in einem kärglichen Unterschlupf bei den Ordensfrauen um Klara in San Damiano liegt.

Er ist wieder am Anfangsort seiner Berufung angelangt, bei dem von ihm selbst wiederhergestellten Kirchlein, in dem das Kreuz seinerzeit das „Geh hin, stelle mein Haus wieder her“ zu ihm sprach. Äußerlich fast aller Möglichkeiten beraubt, ist Franziskus der Verzweiflung nahe, tiefe Gottesverlassenheit ergreift ihn, dazu kommen permanente Schmerzen. Der Todkranke wird hier vollkommen zum inneren Menschen. In tiefster körperlicher wie seelischer Dunkelheit vernimmt er für sich plötzlich die Zusage: „Meines Reiches Brautpfand ist deine Krankheit und als Preis der Geduld erwarte sicher und gewiss das Erbteil an diesem Reich.“ (2C 213,6)

Ein eigenständiges und persönliches Werk

Und so dichtet Franziskus, der sich von Jugend an für Minnegesang und Lyrik begeisterte, die berührenden Strophen, hebt an zum achtmal wiederholten „Gelobt seist du, mein Herr!“. Seine jubelnde Antwort auf die göttliche Heilszusage lautet: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen“. Der Sonnengesang ist also einerseits der Hymnus auf Gottes wunderbare Schöpfung, zugleich auch Antwort auf eine tiefe Gotteserfahrung, verbunden mit der Annahme der eigenen Schwäche, Krankheit und Sterblichkeit.

Die 33 Zeilen im Original gliedern sich in zehn Strophen – eine Einleitungs- und Schlussstrophe und acht dazwischen, in denen Sonne, Mond, Sterne, Wind, Wasser, Feuer und die Erde als „Bruder“, „Schwester“ und „Mutter“ angerufen werden. Hier kommt der „universale“ Zug in der Spiritualität des heiligen Franziskus zum Ausdruck. Er schließt nichts aus, sondern alles ein, um Gott zu loben. Man fühlt sich ein wenig an das „Benedicite“ der Jünglinge im Feuerofen (Dan 3,57–88a) oder auch an Psalm 104 erinnert, und Franziskus kannte diese Texte natürlich vom Stundengebet her. Dennoch ist der Sonnengesang sein eigenständiges und persönliches Werk.

Dies wird besonders auch durch die beiden letzten Strophen ersichtlich, die Friedensstrophe, die er nach späteren Quellen erst hinzufügte, als er von einem Streit zwischen dem Bischof und dem Bürgermeister seiner Vaterstadt Assisi erfuhr. Daraufhin schickte er je zwei seiner Mitbrüder zu den verfeindeten Männern, ließ sie den Sonnengesang mit der neuen Strophe vorsingen und lud so zur Versöhnung ein. Den Berichten zufolge sollen die beiden Autoritäten daraufhin tief bewegt aufeinander zugegangen sein und sich gegenseitig vergeben haben (SP 84).

Predigen und Gottes Lob singen

Mit dieser Geschichte wird zudem deutlich, dass Franziskus sein Werk nicht nur als persönliches Lobgebet verstand, sondern auch als „Predigtlied“, das seine Mitbrüder, die in dieser Mission durch das Land zogen, begleiten und zugleich mit ihm verbinden sollte: „Er setzte sich hin und begann nachzusinnen und dann zu sprechen: ,Höchster, allmächtiger, guter Herr‘. Und er schuf einen Gesang zu diesen Worten und lehrte ihn seine Gefährten vorzutragen. Denn sein Geist befand sich damals in so großer Wonne und solchem Trost, dass er nach Bruder Pazifikus schicken wollte, der in der Welt ,König der Verse‘ genannt wurde und ein sehr vornehmer Gesangslehrer war, um ihm einige gute und geisterfüllte Brüder zu geben, damit sie durch die Welt gingen und dabei predigten und Gott das Loblied sängen (…) Er wollte, dass der Prediger nach Beendigung des Lobliedes zum Volk sagte: ,Wir sind die Spielleute des Herrn und wollen dafür von euch damit belohnt werden, dass ihr in wahrer Buße verharrt.‘“ (SP 83) Das Predigen und der Lobgesang werden hier zugleich als die zwei ursprünglichen franziskanischen Aufgaben benannt.

Die letzte Strophe

Die Strophe von „Schwester Tod“ („sora nostra Morte corporale“) soll Franziskus noch in den letzten Tagen seines Lebens angefügt haben. Er verstand sich auf Zeichen und zelebrierte sein Sterben bei vollem Bewusstsein mit Worten, Gebeten und Gesten. Bis zum heutigen Tag vollziehen alle franziskanischen Gemeinschaften nach dieser Vorlage am Abend des 3. Oktober, Franziskus’ Todestages, einen eigenen Wortgottesdienst, den sogenannten „Transitus“, im Gedenken an den „Hinübergang“ ihres Ordensvaters. Auch der Sonnengesang erklingt hierbei.

Franziskus krönt mit dieser letzten Strophe sein Lebenswerk, in völliger Abkehr von Körperkult, Jugendkraft und Schönheitswahn, wie er zu seinen Zeiten seit der Antike durchaus en vogue war (und es bis heute ist). Dass er den Geschwister-Begriff hierbei bis auf den Tod ausdehnt, ist etwas Neues in der christlichen Spiritualität. Franziskus verherrlicht Gott durch die Fähigkeit, Frieden zu stiften, Krankheit zu akzeptieren und den Tod anzunehmen, ja zu begrüßen. Denn dieser ist für ihn ja kein Abbruch, sondern Tor und Transitus zum Leben. Auf diese Weise hat der Sonnengesang bis heute nichts von seiner vielfältigen Botschaft verloren und wird mit Fug und Recht zur Weltliteratur hinzugerechnet.

Der Sonnengesang

Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn
und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de