Wohnungslose Frauen in München

Corona macht Obdachlosigkeit von Frauen sichtbar

Obdachlosigkeit war in der Vergangenheit ein fast ausschließlich männliches Phänomen. Doch seit einigen Jahren sind auch immer mehr Frauen betroffen. Die Coronapandemie hat ihre Situation jetzt noch einmal dramatisch verschärft.

Obdachlose Frauen fielen vor Corona weniger auf. © IMAGO / Ralph Peters

München – Ein eiskalter Januarnachmittag.  Vor der Suppenküche der Caritas im Bahnhofsviertel  sitzt eine blonde, ältere Frau, gekleidet mit einem grünem Daunenanorak, Winterstiefeln und einem roten Schal. Sie sieht aus, als würde sie gleich zu einem Waldspaziergang aufbrechen. In der Hand hält sie ein kleine weiße Plastikschale, der Gemüseeintopf darin ist ihre erste Mahlzeit des Tages. Margot (Name von der Redaktion geändert) lebt seit fünf Jahren auf der Straße.

Obdachlosigkeit von Frauen ist unauffälliger

Früher war Obdachlosigkeit ein überwiegend männliches Phänomen. Seit einigen Jahren aber nimmt die Zahl der Frauen, die auf der Straße leben, stetig zu. Weil Frauen inzwischen viel häufiger alleinstehend sind und finanziell für sich selbst sorgen, steigt auch ihr Risiko. Und seit Beginn der Corona Pandemie werden diejenigen, die aus dem System gefallen sind, sichtbarer. Denn im Gegensatz zu obdachlosen Männern integrieren sich obdachlose Frauen in Nicht-Pandemie-Zeiten mehr in die Gesellschaft. „Sie suchen Cafés, Kaufhäuser oder Büchereien auf“, erklärt Bettina Spahn, die katholische Leiterin der Münchner Bahnhofsmission. Der Aufenthalt in diesen öffentlichen Räumen zwischen den vielen anderen Menschen, gibt den obdachlosen Frauen eine gewisse Stabilität.

Aufgrund der strengen Hygiene-Regelungen, besonders im Winter, ist dies aber kaum mehr möglich. Damit fehlt es nicht nur an Gelegenheiten sich aufzuwärmen, auch die Körperpflege wird zum Problem. „Zu uns kommen Frauen, die bitten um eine Plastiktüte und ein bisschen Papier, um darin ihre Notdurft verrichten zu können. Das zerreißt einem das Herz“, so Marlies Brunner von der Suppenküche in der Schützenstraße. In der ganzen Stadt gibt es für obdachlose Menschen kaum noch Möglichkeiten, ihrer täglichen Hygiene nachzukommen.

Meist Mehrbettzimmer in Obdachlosenunterkunft

Frauen, die auf der Straße leben, sieht man die Obdachlosigkeit oft nicht auf den ersten Blick an. Sie sind lange Zeit bemüht, eine Fassade aufrechtzuhalten. So ist es auch bei Margot: ihre Kleidung ist gepflegt und sauber. Die Habseligkeiten sind ordentlich in einer Einkaufstasche verstaut. Als sie sich vor fünf Jahren von ihrem Partner getrennt hat, musste sie ausziehen, weil sie nicht im Mietvertrag stand. Die ungelernte Hilfskraft fand danach keine bezahlbare Wohnung mehr im teuren München. Familie hat die Mitte 60-jährige nicht in der Landeshauptstadt, sie ist vor vielen Jahren aus einem anderen Bundesland zugezogen. Zu ihren vier Geschwistern hat sie keinen Kontakt mehr, inzwischen hat sie deren Telefonnummern verloren. Im Winter schläft Margot immer wieder ein bis zwei Nächte in verschiedenen Obdachloseneinrichtungen. Häufig fährt sie aber in der Nacht einfach nur Bus oder Tram, um sich warm zu halten. Seit Beginn der Pandemie ist das aber extrem schwierig geworden.

Im Grunde gibt es genug Schlafplätze für wohnungslose Menschen in München. Das bestätigt auch der Koordinator der Wohnungslosenhilfe in Südbayern, Jörn Scheuermann. Allerdings sind das fast immer Mehrbettzimmer. Ein Problem für viele Menschen, die auf der Straße leben, denn sie leiden häufig unter psychischen Problemen. Mit einem anderen Menschen in einem Zimmer zu schlafen ist ihnen nicht möglich.

Pandemie steigert psychischen Probleme

Fast alle Frauen, die bei Bettina Spahn von der Bahnhofsmission Hilfe suchen, haben eine traumatisierende Erfahrung gemacht: „Ihnen wurde Gewalt angetan oder sie wurden sexuell missbraucht“. Seit Beginn der Pandemie haben die Mitarbeiter der Bahnhofsmission festgestellt, dass die psychischen Probleme der Hilfesuchenden immer größer werden. Der Beratungsbedarf ist massiv gestiegen, und es fehlt in ganz München an entsprechenden Angeboten. Auch Marlies Brunner musste beobachten, dass ihre Suppenküchen-Kundin Margot in den letzten zwei Jahren stark abgebaut hat. Die Pandemie macht das sowieso schon harte Leben auf der Straße nahezu unerträglich.

Auch Margot leidet unter verschiedenen Angststörungen. Sie will ihre Papiere niemandem zeigen, weil sie fürchtet, entmündigt zu werden. Deshalb nutzt sie unbürokratische Hilfsangebote wie die Suppenküche, die Bahnhofsmission oder die Obdachlosenhilfe in Sankt Bonifaz. „Da will mich niemand in ein Heim stecken“, betont die Obdachlose.

Hilfe wird verstärkt nachgefragt

Alle Einrichtungen rund um den Hauptbahnhof verzeichnen seit Beginn der Pandemie einen enormen Zuwachs an Hilfesuchenden. Nicht nur von Menschen, die auf der Straße leben. „Es kommt auch vermehrt die Münchner Armutsbevölkerung“, stellt Bettina Spahn fest. „Zu uns kommen arme Rentnerinnen und Rentner, die früher in ihren Stadtvierteln Hilfe bekommen haben. Wir merken, dass die normale Sozialkontrolle immer mehr wegfällt, die Nachbarn oder Freunde, die auch mal nachschauen. Seit Beginn der Pandemie findet ein allgemeiner Rückzug statt und das kann dann fatal enden.“ So wie vor fünf Jahren für Margot.

Die Autorin
Cathrin Schreiber
Radio-Redaktion
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