Nach Amtsantritt

Neuer Caritasdirektor zieht 100-Tage-Bilanz

Coronapandemie, Fachkräftemangel, Wohnungsnot und wachsende Armut: Hermann Sollfrank sieht den Caritasverband und die Gesellschaft vor massiven strukturellen Herausforderungen.

Seit 1. Oktober 2021 im Amt: Caritas-Direktor Hermann Sollfrank. © Caritas München

Ein solides und engagiertes Haus – als solches hat Hermann Sollfrank den Caritasverband im Erzbistum München und Freising in den ersten Monaten als Direktor kennengelernt. Er sei beeindruckt von der Professionalität und der christlich-humanen Grundhaltung, die er bei den besuchten Mitarbeitern und Ehrenamtlichen erlebt hat, so der 57-Jährige bei seinem Statement in der Münchner Caritas-Zentrale anlässlich der ersten 100 Tage im Amt. Doch auch an Herausforderungen mangelt es nicht, macht der Verbandschef deutlich.

Caritas-Impfquote liegt zwischen 80 und 85 Prozent

Die anhaltende Coronakrise werde auch weiterhin die Arbeit des Verbandes mit seinen fast 10.000 Mitarbeitern und rund 350 Einrichtungen prägen. Hier sei man gut aufgestellt, so das Urteil des Direktors und Vorstandsvorsitzenden, der sein Amt am 1. Oktober angetreten hat. Die Pandemiebewältigung und der Schutz vulnerabler Mitbürgerinnen und Mitbürger sei aber nicht die Aufgabe einzelner Einrichtungen und Personengruppen, sondern eine gesamtgesellschaftliche. Sollfrank plädiert daher für eine allgemeine Impfpflicht und kritisiert den Beschluss für die berufsbezogene Impfpflicht im Pflegebereich – 80 bis 85 Prozent des Caritas-Personals seien ohnehin geimpft. Zugleich befürchtet er, dass weitere Verschärfungen der Coronaregeln zu einer Kündigungswelle im Pflegebereich und zur zwangsläufigen Schließung von Einrichtungen führen könnten.

Künftiger Fachkräftemangel von mehr als halber Million

Und das, obwohl der Personal- und Fachkräftemangel ohnehin eine Großbaustelle des Verbandes ist. Zwar sei man ständig auch international auf der Suche nach Mitarbeitern, dennoch gebe es einen steten Rückgang an Bewerbungen. Das wird sich in Zukunft weiter verschärfen: Allein im Pflegebereich gehen bis 2029 rund 20 Prozent der gegenwärtigen Belegschaft in Rente. „Das heißt, wir verlieren jeden fünften Mitarbeitenden in diesem ohnehin schon von Personalknappheit geprägten Bereich“, so Sollfrank. Bei den Erzieherinnen und Erziehern ist es rund ein Achtel. Insgesamt fehlen so in den nächsten Jahren nach Schätzungen des Deutschen Städtebundes bundesweit rund 530.000 Pflege- und Erziehungsfachkräfte.

Um dem entgegenzuwirken, fordert der Caritaschef umfangreiche Maßnahmen von Bund und Kommunen. Soziale Berufe müssten aufgewertet, Quereinstiege erleichtert und allgemein Ausbildung und Unterstützung von Azubis und Studenten vorangetrieben werden. Außerdem brauche es mehr sozialen Wohnungsbau und bezahlbare Mietwohnungen, so Sollfrank.

„Einmal arm, immer arm“

Wie sehr der angespannte Wohnungsmarkt zu Spaltung der Gesellschaft beiträgt, könne die Caritas täglich an ihren Essensausgabestellen beobachten. Auch immer mehr Familienväter und Alleinerziehende seien von der wachsenden sozialen Kluft bedroht und wenden sich an die Sozial- und Schuldnerberatungen. „Einmal arm, immer arm – das ist für immer mehr Menschen real und bedrohlich“, warnt Sollfrank. Gerade hier fehlten konkrete Maßnahmen von der Politik. Dem könne entgegenwirken, die Renten- und Krankenversicherungen auch für kommende Generationen zahlungsfähig zu machen – und eine großangelegte Wohnbauoffensive sowie mehr staatliche Wohnungsbaugesellschaften und mehr genossenschaftlichen Wohnungsbau auf den Weg zu bringen.

Akupunktur für den Sozialstaat

„Angesichts beginnender Verteilungskämpfe und sozialer Spannungen ist es unsere Aufgabe als Caritas, der Politik immer wieder ins Gewissen zu reden“, unterstreicht Sollfrank seine Forderungen. Seine Amtszeit will der 57-Jährige nutzen, um hier immer wieder Akzente zu setzen. „Da muss man eher an Akupunktur denken, als an den großen Plan zur Rettung der Nation.“ Dass das tatsächlich funktioniere, zeige zum Beispiel die Erweiterung der Kindertagesbetreuung. Auch, dass die Pflegedebatte gesellschaftlich wie politisch geführt wird, führt der Caritasdirektor mitunter auf die Lobbyarbeit – beziehungsweise die Nadelstiche des Verbandes zurück. Genau hier will Sollfrank weitermachen. Die ersten hundert Tage sind geschafft – jetzt freut er sich auf viele weitere.