Glaubwürdige Prävention

Präventionsexperte sieht kein Tabu bei Bischofs-Rücktritten

Im Podcast Würde.Leben mahnt der Experte P. Hans Zollner zur Übernahme von Verantwortung. Auch Bischöfe müssten Konsequenzen ziehen, wenn sie in der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch versagen. Das würde auch die erfolgreiche Präventionsarbeit der katholischen Kirche stärken.

Will glaubwürdige Prävention in der KIrche verankern: Pater Hans Zollner, der Präsident des katholischen Kinderschutzzentrums CCP. © Jesuiten

Rom/München – Pater Hans Zollner wird energisch, wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt: „Wo man versucht sexuellen Missbrauch zu verschleiern, rumdruckst und niemand Verantwortung übernimmt, dort fühlt man sich nicht sicher.“ Der Präventionsexperte des katholischen Kinderschutzzentrums Centre für  Childprotection (CCP) in Rom fordert Verantwortliche für solche Verfehlungen in der Kirche zu benennen und gegebenenfalls deren Rücktritt: „Das geschieht überall in der Politik, der Wirtschaft und im Sport, das ist das Normalste von der Welt und das kann die Öffentlichkeit auch von der Kirche erwarten.“ Was die aktuelle Diskussion um Kardinal Rainer Maria Wölki und Erzbischof Stefan Heße betreffe, „gibt es offizielle kirchliche Untersuchungen und Einschätzungen in Rom, die aber noch nicht veröffentlicht sind“, so Pater Zollner. Insofern werde derzeit viel herumspekuliert. Nach all dem, was bisher öffentlich geworden ist, stelle sich jedoch die Frage, ob sich entsprechende Konsequenzen vermeiden ließen.

Große Fortschritte

Der international anerkannte Präventionsexperte äußerte sich in der neuen Folge von Würde.Leben, dem Podcast des CCP, den das katholische Medienhaus Sankt Michaelsbund produziert. Das Thema der aktuellen Ausgabe lautet „Glaubwürdige Prävention“. Die katholische Kirche habe dabei weltweit große Fortschritte erzielt, so Pater Zollner. Das werde auch von nicht-kirchlichen Fachleuten anerkannt: „Die katholische Kirche in Deutschland tut mehr als alle anderen Institutionen für die Prävention, das sagt der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung.“ Das gehe aber „völlig unter und wird konterkariert, wenn der Eindruck entsteht, sexueller Missbrauch wird dennoch weiter verschwiegen und vertuscht, es wird nicht transparent gehandelt und kommuniziert.“ Darunter leide das Vertrauen in die kirchliche Präventionsarbeit: „Das macht kaputt, was in diesem Bereich aufgebaut worden ist.“

Kinder nicht überfordern

In der Vorbeugung vor sexuellem Missbrauch gehe es vor allem darum, Kinder zu ermutigen, sich zu wehren. Sie sollen lernen „nein“ zu sagen oder auch wegzulaufen, wenn sich ihnen Erwachsenen körperlich nähern und sie sich dabei unwohl oder bedrängt fühlen. „Eine Gefahr bei dieser Erziehung zum Selbstschutz ist aber, dass man den Kindern und Jugendlichen eine sehr große Verantwortung aufhalst“, erklärte der Jesuitenpater in der aktuellen Podcastfolge von Würde.Leben. Viele dieser jungen Menschen würden es auch nicht schaffen „Stopp“ zu sagen: „Gerade dann, wenn eine körperliche Zuwendung von Vertrauenspersonen kommt und sich Kinder und Jugendliche gar nicht vorstellen können, dass da unlautere Motive oder sexuelle Bedürfnisse dahinterstehen.“ Gerade deshalb müssten die Erwachsenen wachsam und sensibel für Anzeichen eines solchen Missbrauchs sein.

Übergriffigkeiten weit verbreitet

Das schließe auch die Selbstprüfung mit ein: „Jede Person ist gefährdet übergriffig zu werden, das kommt nicht nur bei psychisch Kranken, Narzissten oder Pädophilen vor.“ Viele Menschen würden gegenüber Kindern und Jugendlichen ein Bedürfnis nach Nähe ausleben, das umkippen kann, um sexuelle Befriedigung zu finden: „Jede und jeder muss sich kritisch hinterfragen, was er oder sie sucht oder was dahintersteckt, wenn man die körperliche Nähe eines anderen Menschen erfahren will.“ Pater Zollner wünscht sich deshalb insbesondere, dass Prävention viel stärker in die normale Ausbildung von Psychologen, Medizinern sowie in der Erzieher- und Lehrerschaft aufgenommen wird: „Leider ist das bis heute nicht der Standard.“

Podcast-Tipp

Würde.Leben

Der jahrzehntelang vertuschte Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche hat die Würde und das Leben tausender Betroffener zerstört. Das Vertrauen in Priester, Seelsorger und engagierte Gläubige hat dadurch schwer gelitten. Pater Hans Zollner hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Missbrauch aufzuklären, damit die Vertuschungen endlich aufhören und Prävention glaubwürdig ist. Er leitet das Centre for Childprotection, das Kinderschutzzentrum, das der päpstlichen Universität Gregoriana angegliedert ist. Pater Zollner gilt als einer der führenden Präventions-Experten und wird weltweit gehört.

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Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch