Portrait einer Amtszeit

Kardinal Reinhard Marx: "Alles hat seine Zeit"

Sechs Jahre ist Reinhard Marx Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Für eine zweite Amtszeit steht er nicht mehr zur Verfügung. Jetzt sollen die Jüngeren ran, wie er völlig überraschend kundtat.

Kardinal Marx kandidiert nicht mehr für Vorsitz der Bischöfe.

München – Die Nachricht am 11. Februar kam mitten im Sturm und schlug ein wie ein Blitz: Auf einmal hatte neben der CDU und Herta BSC auch die Deutsche Bischofskonferenz eine Personaldebatte am Hals. Denn der Münchner Kardinal Reinhard Marx tat kund, dass er für eine zweite Amtszeit als Vorsitzender nicht mehr zur Verfügung steht. Ein Jüngerer soll ran. Gewählt wird sein Nachfolger bei der Frühjahrsvollversammlung Anfang März in Mainz.

Kämpferisch optimistisch

Der Entschluss hatte viele Beobachter überrascht, auch die Mitarbeiter im Bonner Sekretariat der Bischofskonferenz. Ist doch der von Marx mit auf den Weg gebrachte Reformdialog namens Synodaler Weg gerade erst gestartet. Und das nicht einmal so schlecht, sieht man auf das überwiegend positive Presseecho zum Debattenauftakt in Frankfurt. Bisher ist der meist kämpferisch-optimistisch auftretende Westfale auch keiner Verantwortung aus dem Weg gegangen.

Schon einen Tag später, als es darum ging, auf das jüngste Papstschreiben zur Amazonas-Synode zu reagieren, wies Marx bei einer Pressekonferenz alle Spekulationen über seine Entscheidung zurück: "Niemand hat mich zum Rückzug gedrängt!" Die von einigen Bischöfen vorgeschlagenen Änderungen im Ablauf und Führungsstil bei den Versammlungen der Bischöfe habe er sogar unterstützt.

Macher mit Gestaltungswillen

Hörte man in sein Umfeld hinein, war der Gedanke in Marx schon länger gereift. Mit 66 Jahren, so alt wie er derzeit ist, da fängt das Leben an, zitierte der Kardinal gern mal einen bekannten Schlager von Udo Jürgens. Am Ende der nächsten Amtsperiode als Vormann der deutschen Bischöfe wäre er 72. So spricht einer, der spürt, dass seine persönlichen Ressourcen bei allem Gestaltungswillen nicht unendlich sind.

In einem Weihnachtsinterview mit dem "stern" wartete Marx mit dem Bekenntnis auf, dass die Melancholie sein ständiger Begleiter sei. "Lange irgendwo draußen sitzen und nur die Wiesen anschauen, das machte auch schon mein Vater gern." Von Kirchenpolitik und hoher Theologie war in dem Gespräch keine Spur zu finden. Dafür von Zweifeln - ungewohnte Töne eine Machers.

Gewohnte Muster verändert

Als Konferenzvorsitzender musste der Münchner Erzbischof gewaltige Schockwellen verarbeiten. Der Streit über den Kommunionempfang evangelischer Ehepartner von Katholiken wurde teils mit harten Bandagen und auch öffentlich ausgetragen. Manches sei "grenzwertig" gewesen, sagte Marx danach. So wurden ihm Alleingänge vorgehalten, wo er sich selbst nur als Sachwalter der Mehrheitsposition sah.

Tatsächlich haben sich, seit Marx Konferenzvorsitzender ist und engster deutscher Papstvertrauter, einige aus innerkirchlichen Konflikten gewohnte Muster verändert. Wer früher bei Abstimmungen in der Bischofskonferenz unterlag, konnte in Rom meist auf offene Ohren und oft auch auf Korrekturen der deutschen Beschlusslage hoffen, waren diese zu reformerisch ausgefallen. Diese Möglichkeit erscheint begrenzter, seit die Glaubenskongregation nicht mehr von einem konservativen Deutschen geleitet wird und Marx im Zweifelsfall den letzten Gesprächstermin bei Papst Franziskus bekommt.

Kirchenpolitische Konflikte

Unter Marx hat sich aber auch in der Bischofskonferenz selbst etwas verschoben. War das Gremium früher auf demonstrative Geschlossenheit bedacht, treten kirchenpolitische Konflikte heute schärfer zutage. Das war auch bei der ersten Vollversammlung des Synodalen Wegs nicht zu übersehen.

Marx hält drängende Fragen für entscheidungsreif, wenn aus seiner Sicht hinreichend viele Bischöfe einig sind - selbst wenn eine Minderheit noch Gesprächsbedarf hat. Ziehen dann einzelne - wie etwa bei der Reform des kirchlichen Arbeitsrechts - zunächst nicht mit, findet er das nicht schlimm: Hauptsache, es geht voran.

Ruhestand keine Rede

"Ich habe das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sehr gerne ausgeübt", führte Marx in seiner Erklärung an und zitiert den berühmten Bibelspruch "alles hat seine Zeit" aus dem Buch Kohelet. Daraus zu schließen, dass der Münchner Erzbischof nicht mehr mitmischen will in den Auseinandersetzungen, dürfte verfrüht sein. Mit der Leitung des päpstlichen Wirtschaftsrates und der Mitarbeit in der Kommission der Kardinäle wird Marx weiter Einfluss ausüben und auch weltkirchlich Spuren hinterlassen.

Und in seinem Erzbistum München und Freising soll seine Präsenz zunehmen. Genug Aufgaben warten. Gerade wurde das Generalvikariat mit einer Doppelspitze aus einem Priester und einer Juristin neu besetzt - und auch ein Strategieprozess steht an, der das Erzbistum verändern wird. Von "Ruhestand" war auch keine Rede. (kna)