Kriegsverbrechen in Italien

Historikerin zur Rolle des Sankt Michaelsbundes im Fall Defregger

Der frühere Münchner Wehbischof Matthias Defregger war als Offizier 1944 in ein Kriegsverbrechen im italienischen Filetto di Camerda verwickelt. Das katholische Medienhaus Sankt Michaelsbund hat 1969 Geldzahlungen an die Hinterbliebenen überbracht.

Professorin Marita Krauss hat recherchiert, welche Rolle das katholische Medienhaus Sankt Michaelsbund im Fall von Weihbischof Defregger hatte. © Katholische Akademie München

Die Tatsache ist längst bekannt: Der frühere Münchner Wehbischof Matthias Defregger war als Offizier 1944 in ein Kriegsverbrechen im italienischen Filetto di Camerda verwickelt. Er führte einen Erschießungsbefehl gegen 17 Zivilisten in dem Dorf aus. Er ließ die Männer zwischen 17 und 69 Jahren als Vergeltung für einen Partisanenangriff auf eine Wehrmachtseinheit hinrichten und das Dorf in Brand stecken. 1969 gab es deshalb viel beachtete Gerichtsverfahren gegen den Geistlichen, die 1970 eingestellt wurden. In dieser Zeit übernahmen es der Sankt Michaelsbund und die von ihm verlegte Münchner Kirchenzeitung, Spenden in das italienische Gebirgsdorf in den Abruzzen zu überbringen. Die in Augsburg lehrende Historikerin Marita Krauss hat dazu aktuell geforscht. Anlass war eine kritische Anfrage an die Gemeinde Pöcking, in der Weihbischof Defregger bis zu seinem Tod 1995 gelebt und die schon bald nach seinem Tod einen Weg nach ihm benannt hat.

mk online: Frau Professorin Krauss, der Sankt Michaelsbund hat 1969 Geldzahlungen an die Hinterbliebenen des Kriegsverbrechens in Filetto di Camerda überbracht. Warum hatte das ein "Geschmäckle"?

Professorin Marita Krauss: Der deutsche und der italienische Prozess gegen Defregger liefen noch, das heißt dieses Geld war auch der gezielte Versuch, die Zeugen ruhig zu stellen, die vielleicht gegen Defregger hätten aussagen können. Das wurde in den Korrespondenzen, die sich im Nachlass von Kardinal Julius Döpfner finden, auch ganz klar benannt.

Wie hoch waren die Geldleistungen?

Krauss: Der St. Michaelsbund übernahm die Aufgabe, Spenden zu sammeln und an die Leute von Filetto weiterzugeben. Die Erzdiözese sollte offiziell nicht damit befasst sein, die Begegnung sollte auf "rein menschlicher Ebene" stattfinden. Anfang Oktober 1969 fuhr eine erste Gruppe von etwa 45 Personen aus der Erzdiözese München und Freising unter der Leitung des Direktors des St. Michaelsbundes, Hans Schachtner, zu einer Pilgerfahrt über Rom nach Filetto. Ein Ziel war es wohl auch zu erkunden, ob Geldzahlungen angenommen würden. Am vierten Adventssonntag 1969 kam dann erneut eine etwas kleinere Gruppe unter Führung von Schachtner und dem Chefredakteur der Münchner Katholischen Kirchenzeitung, Thurmair, nach Filetto. Schachtner hatte 22.000 DM gesammelt und überbrachte bei dieser Fahrt davon zwei Millionen Lire. In einem Bericht heißt es: "In einer Versammlung der Angehörigen der Opfer wurden dann die Geldspenden überreicht, jeweils ca. 150.000 Lire für die Angehörigen eines Opfers. Der Pfarrer des Ortes, Don Demetrio, und einige Teilnehmer der Versammlung ergriffen dabei das Wort. Der Pfarrer betonte, daß niemand zur Annahme gezwungen ist; ein Herr Marcocci gab eine sehr gute Sinndeutung der Gabe, die als Zeichen der Solidarität und Brüderlichkeit zu nehmen sei; lediglich ein Teilnehmer, der sich als Kommunist bezeichnete, lehnte die Annahme ab. Außerdem wurden Süßigkeiten für die Kinder übergeben." Noch einmal mehr als eine Million Lire erhielt der Dorfpfarrer Don Demetrio über den Caritasverband. Etwa 9.000 DM (1,6 Mio Lire) wurden im Februar 1970 übergeben mit der Anmerkung, es müssten noch weitere 10.000 DM geleistet werden. Kardinal Julius Döpfner stiftete die Einrichtung eines Jugendraumes.

Die Münchner Kirchenzeitung berichtete 1969/70 sogar über die Fahrten nach Filetto. Wie beurteilen Sie diese Artikel?

Krauss: Die Kirchenzeitung nahm eindeutig Partei und qualifizierte die Angriffe gegen Defregger, wie er selbst auch, als "Hetze". Die Berechtigung der Nachfragen aus Italien sah offenbar niemand.

Sie waren in den vergangenen Tagen mit einer Delegation aus Weihbischof Defreggers Wohnort Pöcking, wo ein Weg nach ihm benannt ist, in Filetto di Camarda. Was war das Ziel dieser Reise?

Krauss: Wir wollten eine Geste machen und den Menschen signalisieren, dass ihr Leid auch fast 80 Jahre später nicht vergessen ist. Fast jede Familie in dem kleinen Dorf war betroffen, hatte einen Vater, Bruder oder Onkel verloren. Nach 1972, dem Ende der Prozesse gegen Defregger,  kümmerte sich niemand mehr um sie. Das wollten wir ändern.

Wie haben die Menschen dort reagiert?

Krauss: Es sind wunderbare Menschen. Sie waren sich, wie wir auch, im Unklaren darüber, warum wir kommen, wie wir uns verhalten werden, ob wir etwas von ihnen wollen. Sie sagten: Sie hätten "Deutsche" erwartet, doch dann seien wir gekommen. Die Sympathie auf beiden Seiten war sehr spürbar, sie freuten sich, uns ihre Geschichte erzählen zu können und die Orte zu zeigen, an denen das für sie Unfassbare geschehen war. Die meisten hatten das Geschehen nicht mehr selbst erlebt, aber es gab auch noch Zeitzeugen, die als Kinder alles mitangesehen hatten und deren Traumata deutlich spürbar waren. Der Pfarrer, der in der Gedenkmesse predigte, bezog sich übrigens ausdrücklich auf den Besuch von Monsignore Hans Schachtner und den Mitgliedern des Michaelsbundes und beschrieb Schachtners Besuch, seine Predigt und den gemeinsamen Gottesdienst als ungemein tröstlich.

Wie kann der Michaelsbund seine Beteiligung an diesen Vorgängen aufarbeiten?

Krauss: Es ist sicher gut, die Dokumente dafür zusammenzustellen. Und eine öffentliche Diskussion könnte nochmal eine Abwägung ergeben: Es war ja nicht verkehrt, den Betroffenen, die bis dahin gar nichts bekommen hatten und sehr arm waren, mit Geld zu helfen. Der Zeitpunkt und die Zielrichtung waren jedoch bedenklich. Und es wäre zu hoffen gewesen, dass der Kontakt nicht mit dem Ende der Prozesse abgerissen wäre. Auch darüber sollte man sprechen: Wie lässt sich so ein Erinnern gestalten, um den Betroffenen tatsächlich gerecht zu werden? Das ist eine Frage, die nicht verjährt. (Das Interview führte der Chefreporter des Sankt Michaelsbundes, Alois Bierl)

So berichtete die Münchner Kirchenzeitung


Kirchenzeitung aus dem Jahre 1969 (12. Oktober): Bildbericht und Artikel "Friedensmesse in Filetto"
Kirchenzeitung aus dem Jahre 1970 (4. Januar): Artikel "Auf Weihnachtsfahrt nach Filetto" (Teil 1 und Teil 2)
Kirchenzeitung aus dem Jahre 1970 (11. Januar): Artikel "Weihnachtsfreude aus Filetto" (Teil 1 und Teil 2)

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de