Gegensätzliche Frauenbewegungen

Zukunft der katholischen Kirche – Reform oder Rückbesinnung?

Die Stellung der Frau in der Kirche muss geändert werden, sagten vor drei Jahren unzufriedene weibliche Kirchenmitglieder und gründeten die Reformbewegung „Maria 2.0“. Kurz darauf kam mit „Maria 1.0“ die Gegenbewegung. Wo stehen die beiden Initiativen heute?

Einigkeit über die Zukunft der Kirche und die Stellung der Frau darin besteht bei Maria 1.0 und Maria 2.0 nicht. © IMAGO / Panthermedia

München – Katrin Richthofer von Maria 2.0 sagt: in der Öffentlichkeit ist es seit dem Anschlag ihrer Forderungen an Kirchentüren etwas ruhiger um die Reformbewegung geworden. Aber die Engagements der Unterstützer sind vielfältig. Beim Katholikentag waren sie vergleichsweise lautstark vertreten, Vertreterinnen waren Gäste bei der deutschen Bischofskonferenz, bei Sendungen der Deutschen Welle oder auch beim Augsburger Friedensfest. Nach wie vor vertreten die Mitglieder Forderungen wie die Aufhebung des Pflichtzölibats, die umfassende Aufklärung der Missbrauchsfälle, die Akzeptanz aller selbstbestimmten sexuellen Orientierungen und die Weihe für Frauen.

Maria 1.0: Wieder Zuwendung zu kirchlichen Kernthemen

Die Gegenbewegung Maria 1.0 geht in letzter Zeit einen etwas anderen Weg. Als Reaktion auf eine Änderung der Stellung der Frau in der Kirche entstanden, widmet sich die Initiative heute Themen, die den Glauben vertiefen, erzählt Maria Steinbrecher, die Leiterin. Das sind dann Themen wie die Heiligen oder die Liturgie, Themen, die gerade in den sozialen Medien diskutiert werden. Das bedeutet aber nicht, dass sich Maria 1.0 aus der politischen Diskussion zurückzieht, geplant seien ebenso Reaktionen auf den Ad-Limina-Besuch der Bischöfe oder die kommende Versammlung des Synodalen Wegs. Natürlich würden sie bei Auftritten in der Öffentlichkeit auf die klassischen Konfliktthemen wie das Frauenpriestertum oder die sexuelle Orientierung angesprochen, so Steinbrecher.

Grundsätzlich verschiedene Auffassungen von Kirche

Beide Bewegungen sind also nach wie vor lokal wie national vertreten und präsent. Dabei gehe es aber nicht in erster Linie um die Diskussion der strittigen Themen, die die beiden Initiativen trennen, meint Clara Steinbrecher, die Mathematik und Schulpsychologie auf Lehramt in Eichstätt studiert. Für sie dreht sich alles um ein Verständnis von Kirche: „Während bei Maria 1.0 jede(r) Engagierte erst einmal glaubt, was die Kirche verkündet, will Maria 2.0 die Kirche veranlassen, den Glauben der Bewegung anzuerkennen und selbst zu glauben.“

Dokumentarfilmerin Karin Richthofer von Maria 2.0 kann mit dieser Einstellung schlecht leben. Denn die 51-jährige steht auf dem Standpunkt, dass die Kirche von heute sowieso nicht mehr die Kirche ist, wie sie sich gegründet hat. „Kirche hat sich geändert. Immer wieder. Wenn die Kirche sich nicht ändert, wird sie ein exklusiver Klub weniger „Besserchristen“, die noch dazu viele Menschen diskriminiert. Wollte Jesus das?“ Für Clara Steinbrecher und Maria 1.0 geht das am Problem vorbei. Denn für sie und ihre Unterstützer steht fest: Jesus habe Männer in seine Nachfolge berufen, um sein Gedächtnis in der Messfeier zu begehen. Daraus leite die Kirche die Tatsache ab, dass das nicht anders möglich sei.

Frauen-Ordination nach wie vor einer der Streitpunkte

Frauen sind also nach Maria 1.0 von der Tradition der Nachfolge Christi ausgenommen, weil die Kirche keine Vollmacht hat, Frauen zu weihen. Diese unvereinbaren Gegensätze beim Thema Frauen-Ordination führen seit der Gründung der beiden Gruppierungen zu heftigen, oft erbitterten Diskussionen der Befürworter eines der beiden Lager. Dass die verhärteten Fronten beiden, Maria 1.0 und Maria 2.0, zum Vorwurf gemacht werden, weil sie die Gläubigen polarisieren, hält Clara Steinbrecher auch für ungünstig. Das Problem ließe sich aber einfach lösen: „Indem jeder, der nicht glaubt, endlich die Konsequenz daraus zieht, und sich nicht mehr als Teil der Kirche wahrnimmt. Niemand wird gezwungen, den katholischen Glauben zu bekennen.“

Katrin Richthofer fühlt sich damit fast aus der Kirche vertrieben. Sie will das nicht hinnehmen und gibt hinsichtlich einer Polarisierung durch Maria 2.0 zu bedenken, dass es längst eine Spaltung zwischen Amtskirche und Gläubigen gebe. Maria 2.0 wolle nicht zulassen, dass sich die Kirche immer weiter von den Lebenswirklichkeiten eines Großteils der Gläubigen verliere. Für sie geht es dabei um Zusammenhalt, nicht um Spaltung. Die Dokumentarfilmerin verweist auf weltweite Kontakte, etwa zur Organisation „Voices of Faith“: überall sehe man von den Frauen dieselben Forderungen und Fragen.

Aufbrechen kirchlicher Machtstrukturen versus Festhalten an der Amtskirche, Forderungen nach Anpassung der katholischen Kirche an die Lebenswirklichkeit ihrer Gläubigen versus Neuevangelisierung und Bewahrung kirchlicher Strukturen – die Gräben sind tief. Und egal, welche Richtung der Synodale Weg nimmt, sie werden schwer bis gar nicht zu füllen sein.

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
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