PEGIDA-Bewegung

"Wir müssen engagierter aufeinander zugehen"

Benjamin Idriz ist Imam. Er leitet die Islamische Gemeinde Penzberg und ist Vorsitzender des Vereins Münchener Forum für Islam. Wir haben mit ihm über die Situation der Muslime im Oberbayern gesprochen, seine Sorge vor PEGIDA, die Attraktivität der Salafisten und die Frage nach einer neuen Moschee in München.

Linker Gegendemonstrant hält Plakat anlässlich einer Unterschriften Sammelaktion für ein Bürgerbegehren gegen den Bau einer Moschee am Karslplatz Stachus in München hoch. (Bild: imago)

Herr Imam Idriz, Sie haben auf der Demonstration in München am 22. Dezember gegen Pegida gesagt: „Miteinander sind wir entsetzt über das, was vermeintlich im Namen Gottes an unaussprechlichen Verbrechen begangen wird – wir als Muslime nicht weniger, sondern mehr als andere, weil es allzu oft unsere Religion ist, die auf diese Wiese fürchterlich missbraucht und pervertiert wird.“ Gleichzeitig warnen Sie vor Islamophobie. Wie sehen Sie die Situation der Muslime bei uns vor diesem Hintergrund?

IDRIZ: Einerseits geht es den Menschen in Oberbayern, auch den Muslimen, Gott sei Dank gut. Aber wir sind natürlich betroffen von den Debatten. Und ich merke, dass diese Themen auch Muslime, die ich als säkular bezeichnen würde, beschäftigen. Sie suchen nach einer Antwort, weil auch ihre Identität betroffen ist. Sie suchen nach Persönlichkeiten, die auch öffentlich Stellung nehmen.

Auch auf Seiten der nichtmuslimischen Mehrheit gibt es eine immer wieder ausgesprochene Erwartung, dass Vertreter des Islam bei uns sich öffentlich äußern. Sie sind einer der wenigen, die das in der Öffentlichkeit mit klaren Positionen macht. Warum?

IDRIZ: Ja, ich betrachte es als Aufgabe eines Imams, in die Öffentlichkeit zu gehen. Nicht, weil es die Mehrheitsgesellschaft erwartet, sondern weil es unsere Religion verlangt! Eine Distanzierung ist gleichzeitig auch Aufklärungsarbeit im Namen der Religion. Viele Imame haben schlicht Sprachschwierigkeiten oder wenig Erfahrung mit Medien und Öffentlichkeitsarbeit. Die andere Seite ist aber, dass unsere Stellungnahmen schon seit langem deutlich und engagiert erfolgen – von der Öffentlichkeit, der Politik und leider auch den Medien aber viel zu wenig zur Kenntnis genommen und gewürdigt werden!

Nun klären Sie ja nicht nur auf, um den Islam vor denen zu schützen, die in seinem Namen Terror ausüben.

IDRIZ: So ist es. Wir müssen gemeinsam gegen Unrecht vorgehen, egal ob die Täter oder die Opfer Muslime, Christen, Juden, anders religiös oder religionslos sind. Da macht mir diese gefährliche Entwicklung in Deutschland, mit „Pegida“ und dergleichen, große Sorgen. Ich bin sehr beeindruckt von der Stellungnahme des Bamberger Erzbischofs, der ganz klar Position bezogen hat. Natürlich hat Gott allein das Recht, etwas zu verbieten oder zu erlauben. Aber wir als Theologen haben die Aufgabe, ?von etwas zu sagen, dass es schlecht, ?gefährlich oder gut ist. Da erwarte ?ich von den Kirchen schon, dass in Deutschland ebenso engagiert gegen Islamfeindlichkeit gesprochen wird wie etwa gegen Antisemitismus.

Tatsache ist aber auch, dass ?sich junge Muslime, darunter auch Konvertiten, islamistischen Strömungen wie dem Salafismus anschließen. Warum ist das so?

IDRIZ: Die meisten Konvertiten kommen nicht über den Salafismus, sondern zum Beispiel über den betont friedlichen Sufismus und natürlich über das Zwischenmenschliche, eine Ehe etwa. Dennoch sind besonders Jugendliche manchmal beeindruckt von der salafistischen Art des Islamverständnisses. Ich muss ehrlich sagen: wohl auch, weil wir, die ganz normalen Muslime, hier versagt ?haben. Ich vermisse in vielen Moschee-Gemeinden eine gute Jugend-?arbeit. Die meisten Imame, die in Deutschland tätig sind, sind aus einem anderen Kulturraum gekommen und haben kein Verständnis für die Mentalität der Jugendlichen hier.

Und warum finden Jugendliche dann das salafistische Angebot attraktiver?

IDRIZ: Die salafistische Szene nutzt stark die sozialen Netzwerke, also Facebook, Twitter und YouTube. Jugendliche, die in ihrem Leben Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren haben, wählen bewusst eine starke islamische Identität – oder was sie dafür halten – als Abwehr und Selbstschutz. Zudem gibt es Konvertiten, die im Leben alles schon probiert haben und unzufrieden geblieben sind und jetzt eine Lösung suchen in einer Bewegung, wo ihnen klar gesagt wird: Wenn du das machst, kommst du in den Himmel, wenn du das andere machst, kommst du in die Hölle. Dabei fordert aber gerade der Koran die Menschen immer wieder auf, selbst nachzudenken!

Kommen wir zurück zur konkreten Situation der Muslime hier, und zu Ihrer Gemeinde. Was haben Sie sich vor diesem Hintergrund denn für 2015 vorgenommen?

Das Jahr 2015 wird für mich das wichtigste Jahr meiner Arbeit in Deutschland aus drei Gründen: Erstens feiern wir in diesem Jahr das zehnjährige Jubiläum der Moschee in Penzberg. Ich glaube, dass wir hier in Oberbayern einen Vorbildcharakter haben. Ich wünsche mir, dass andere Moschee-Gemeinden Richtung Penzberg schauen: Was in den letzten zehn Jahren passiert ist, wo wir hergekommen sind, wie wir breite Akzeptanz erreicht haben, was sich viele Gemeinden wünschen. Wir haben hier ein Erfolgsrezept anzubieten.

Auch ein Beispiel für eine Moschee in München?

IDRIZ: Ja, das ist der zweite Aspekt. 2015 wird das Entscheidungsjahr für das Projekt „Münchner Forum für Islam“ in München. Wir haben uns in den letzten fünf Jahren intensiv mit den Planungen und Visionen auseinander gesetzt. Jetzt ist die Finanzierungsfrage das Entscheidende für uns und die Stadt München. Ich hoffe, dass hier jetzt eine Lösung bevorsteht – andernfalls stünde das ganze Projekt in Frage. So oder so: Drittens wird uns das Thema Islam und Islamfeindlichkeit in der breiten Öffentlichkeit beschäftigen – hier müssen wir einfach engagierter aufeinander zugehen. Wir Muslime können auch in Bereichen wie Klimawandel oder Medizin, Ethik, Flüchtlinge und so weiter etwas für die Mehrheitsgesellschaft beitragen.

Interview: Anian Christoph Wimmer