Glaube im Alltag

Wie würde Jesus auf Obdachlose reagieren?

Pater Jörg Dantscher begegnet fast täglich bettelnden Jugendlichen. Er fragt sich, was Jesus ihnen sagen würde. Seine Vermutungen lesen Sie hier.

Pater Jörg Dantscher wirft die Frage auf: Was würde Jesus bettelnden Jugendlichen sagen?

Gerne würde ich Jesus mal persönlich treffen. Ich denke mir, wir – Jesus und ich – begegnen uns bei den Schmuddelkindern unserer Stadt, an einer Ecke, wo mir junge Mädchen mit stumpfen Augen und wild tätowierte Kerle in Springerstiefeln fast täglich bettelnd einen Pappbecher hinhalten.

Natürlich würde ich, wenn Jesus schon dabei ist, nicht einfach vorübergehen. Nichts zu tun oder nichts zu sagen, dafür würde ich mich schämen. Manchmal habe ich eine Frage oder einen Wunsch auf den Lippen, selten genug einen Euro, obwohl ich weiß, dass sich diese jungen Leute wieder eine Flasche Schnaps kaufen werden. Sie sind meistens sogar freundlich und wünschen mir, wenn ich achtlos vorbeigehe, mit besonders froh klingender Stimme „einen schönen Tag“.

Ist eines von diesen gestrandeten Kindern unserer Welt wirklich sorglos, nur weil sie keine Arbeit haben, kein eigenes Einkommen, keine Sozialleistungen? Würdest du, Jesus, zu denen auch sagen: „Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?“ (Mt 6,31).

Ich sehe vor mir die Augen Jesu. Er würde mich grüblerisch anschauen und ich merke, dass er mir zutraut, dass ich unterscheiden kann zwischen denen, die sich viel zu viel um Geld und Macht und Einfluss und Aktienkurse kümmern. Denen – so würde Jesus sagen – gilt der Satz, dass sie sich nicht zu viele Sorgen um den Bauch und die Macht machen sollen. Ich verstehe den Blick Jesu. Aber würde er dann diesen bettelnden Jugendlichen sagen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt“ (Mt 11,28)? Was würde er denn sagen?

Pater Jörg Dantscher ist stellvertretender Missionsprokurator in der Jesuitenmission und Oberer der Kommunität in Nürnberg.
Pater Jörg Dantscher ist stellvertretender Missionsprokurator in der Jesuitenmission und Oberer der Kommunität in Nürnberg. © privat

Situationen, die sprachlos machen

Ich weiß es nicht – und es gibt manchmal Situationen, in denen ich sprach- und ratlos bin und auch nicht weiß, was Jesus in einer solchen Situation tun würde. Neulich haben wir einen betrunkenen Obdachlosen, um den wir uns immer wieder gekümmert haben, aus der Kirche gewiesen, weil er während eines Gottesdienstes in der ersten Bank saß, eine Fahne hatte, sich Alkohol hinter die Binde goss und laute Reden führte. Unsere Geduld war am Ende.

Ich merke, wenn mir Jesus zuschauen würde, dass er vielleicht auch traurig und da und dort sogar ratlos wäre. Er hat auch über Jerusalem geweint. Aber er würde mir vielleicht sagen: Schaue nicht einfach weg! Tu nicht so, als gäbe es das alles nicht. Bleibe besorgt! Um dich selbst, noch mehr aber um sie! (Jörg Dantscher SJ)