Biblisches Familienleben

Wie heilig war die Heilige Familie?

Engelsgleich oder kleinbürgerlich, heilig oder doch ganz normal – wie muss man sich das Zusammenleben von Josef, Maria und Jesus vorstellen?

Kitschige Familienidylle oder doch ganz normales Familienleben? © Renáta Sedmáková - stock.adobe.com

„Kann ich auf der Switch Nintendo spielen?“, ruft mein neunjähriger Sohn. „Wo sind meine Fußballschuhe?“, schreit der Elfjährige, und mein Sechsjähriger hat Hunger und schleicht in der Küche um den Tisch herum. Es ist halb sechs Uhr abends an einem normalen Wochentag bei mir zu Hause. Diese Zeit kurz vor dem Abendessen ist die „unheiligste“ Zeit bei uns in der Familie und eine der größeren Herausforderungen im Familienalltag; alle haben Hunger und jeder ist erschöpft vom Tag, während das Essen schnell auf den Tisch gebracht werden soll.

Diese Erfahrung, dass Familienleben ein herausforderndes Miteinander ist, teilen viele Familien. Der Alltag bringt Eltern an ihre Grenzen. Das unaufgeräumte Kinderzimmer oder der Sportbeutel mitten im Wohnzimmer kann zur Herausforderung werden. Die knallenden Türen zwischen den Geschwistern gehören fast schon zur Normalität, und wenn die Teenager das Handy beim Essen nicht aus der Hand legen, kann es zu Konfliktsituationen kommen.

Heilige Familie als kitschige Idealvorstellung

In den Medien dagegen finden wir oft Werbebilder von fröhlichen Eltern und zufriedenen Kindern. Alle sind hübsch angezogen und wissen, was sich gehört. Diese Bilder von der heilen Familienwelt bedienen das Klischee der konfliktfreien Familie und täuschen darüber hinweg, dass Familienleben mehr ist als eine glückliche Momentaufnahme.

Die Sehnsucht nach einer heilen Familie teilen wir alle. Daher ist es verlockend, sich Jesus gemeinsam mit Maria und Josef als glückliches Familienporträt vorzustellen. Die Kunst hat dieses Bildmotiv aufgegriffen und in manchen Jahrhunderten verkitscht dargestellt. Ist also die „Heilige Familie“ eine Familie, die alles richtig macht und der das liebevolle Miteinander mühelos gelingt?

„Vergiss, was du über sie gehört hast“, schreibt der Priester und Dichter Wilhelm Bruners in seiner Meditation zur Heiligen Familie, „denn sie war eine ganz und gar normale Familie. Wenn du etwas über sie wissen willst, informiere dich nicht bei denen, die nicht zulassen, dass es eine ganz und gar normale Familie war.“

Bibel zeugt von bewegtem Familienleben

Die Vorstellung, dass die Familie Jesu eine ganz normale Familie war, mit Streit beim Abendessen, mit Kindern, die nicht ins Bett gehen wollen, und mit überforderten Eltern, fällt schwer. Und doch lassen sich in der Bibel Nuancen entdecken, die ein bewegtes Familienleben hinter dem Heiligenschein erahnen lassen. Da wäre zum einen der Vater Josef, der, nachdem er erfahren hat, dass er nicht der leibliche Vater des Kindes ist, sich doch für Maria und das Neugeborene entscheidet. Das Matthäusevangelium berichtet von der Flucht nach Ägypten und der Angst, verfolgt zu werden. Bekannt ist auch, dass Josef mit seiner Familie in Nazareth lebt und seinen Lebensunterhalt als Handwerker verdient. Die Mutter Maria ist bei ihrem ersten Kind Jesus noch sehr jung. Sie bekommt weitere Kinder, die Bibel berichtet von Geschwistern.

Wie mag es also Maria und Josef ergangen sein, als Jesus sie als Jugendlicher zurückgewiesen hat? Welche Gefühle hat Jesu Auftreten als Messias bei seinen Geschwistern hervorgerufen? Wie ist die Familie mit Jesu Verhaftung und Tod umgegangen? Bruners schreibt über die Heilige Familie: „Wenn du etwas über sie wissen willst, schau in die eigene Familie und denke nach über das, was du dort erlebst: Verstehen, Enttäuschung, Zuneigung, Ablehnung, Trennung, Umarmung, Zorn, Liebe. Vergleiche dich mutig mit ihr, und halte dich nicht für schlechter.“

Eine ganz normale heilige Familie

Wenn ich auf meine Familie blicke, dann kenne ich all diese Gefühle. Ich mag die Zeiten, wenn wir gemeinsam Urlaub machen und unser Zelt am Campingplatz aufschlagen. Es freut mich, wenn alle am Tisch sitzen und wir Zeit für das Essen haben. Familienhöhepunkte sind gemeinsame Wanderungen oder wenn die Kinder von ihren eigenen Erlebnissen erzählen. Ich kenne aber auch die Mühen und Sorgen, die Eltern begleiten. Ich habe großen Respekt vor dem, was Eltern allein oder zu zweit leisten, wie sie versuchen, gut miteinander zu leben, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen und gleichzeitig liebevoll miteinander umzugehen.

Sich vorzustellen, wie Jesus mit seinen Eltern und Geschwistern in Nazareth, natürlich in einer ganz anderen Zeit und mit ganz anderen Herausforderungen, gelebt hat, und zu sehen, dass sie als Familie sicherlich auch ihre Alltagsschwierigkeiten und Streitereien hatten, tut jeder Familie gut, die versucht, ihr Bestes zu geben. „Vergiss, was du über sie gehört hast“, schreibt Bruners, „sie war eine ganz und gar normale Familie. Deshalb halte sie heilig.“
(Uschi Wieser, Referentin für Ministrantenarbeit und religiöse Bildung im Erzbischöflichen Jugendamt. Sie hat vier Kinder.)