Podiumsdiskussion in Freising

Wie gefährlich sind unsere Ängste?

Immer mehr "Normalbürger" haben Vorbehalte gegen Muslime, Flüchtlinge oder Langzeitarbeitslose. Diese Ergebnisse einer Studie wurden im Freisinger Kardinal-Döpfner-Haus lebhaft diskutiert.

Die Teilnehmer der Diskussionsrunde im Freisinger Kardinal-Döpfner-Haus.

Freising – „In den letzten zwei Jahren haben sich rassistische und rechtsextreme Übergriffe stark vermehrt. Wir haben jetzt rund 150 Anfragen mehr als 2015. Und was auch ein großer Unterschied ist: Früher kamen solche Beschimpfungen aus bestimmten Gruppen wie den Neonazis, jetzt sind sie von Nachbarn, Bekannten oder Kollegen zu hören. Wir geben dann sozialpädagogische Hilfe“, erklärte Nicola Hieke von der Landeskoordinierungsstelle „Bayern gegen Rechtsextremismus“, bei der Podiumsdiskussion „Wie gefährlich sind unsere Ängste?“ im Kardinal-Döpfner-Haus. Vertreter aus Politik und Gesellschaft waren geladen, rund 40 Besucher anwesend. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Stiftung Kardinal-Döpfner-Haus in Kooperation mit dem Bayerischen Bündnis für Toleranz, dem Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum München und Freising und dem Zentrum Flucht und Migration der Katholischen Universität Eichstätt.

Vertrauensverlust

Denn Betroffenheit hatte die Studie des Instituts für Soziologie der LMU München ausgelöst - mit der Kernaussage: Immer mehr Deutsche haben Angst und entwickeln eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. „In Bayern sind es in erster Linie vier Gruppen: die Muslime, die Sinti und Roma, die Flüchtlinge und die Langzeitarbeitslosen“, erklärte Diplomsoziologe Werner Fröhlich, der die Studie der LMU bei der Podiumsdiskussion vorstellte, und meinte weiter: „Man kann auch nicht mehr sagen, diese Haltung komme nur in bestimmten Gruppen vor, sondern sie durchzieht alle Schichten der Gesellschaft.“ Als Gründe für die ablehnende Einstellung nannte Fröhlich eine starke Identifikation mit Deutschland und einen Vertrauensverlust in die politischen Institutionen.

Auch das Publikum beteiligte sich lebhaft an der Diskussion.
Auch das Publikum beteiligte sich lebhaft an der Diskussion. © Kiderle

Staat ist gefordert

„Wie kann man dem entgegentreten?“, gab Martin Becher vom „Bündnis für Toleranz“ und Moderator der Diskussion in die Runde. Schon in der Prävention müsse man sensibler sein und damit seien auch die Institutionen des Staates aufgefordert, den Extremismus im Vorfeld zu identifizieren und zu verhindern, erklärte Florian Herrmann, Mitglied des Bayerischen Landtags und Vorsitzender des Ausschusses für Kommunale Fragen: „Denn wir erleben immer mehr dieses Übergangsfeld, dass Menschen, die keine klassischen Rechtsextremisten sind, ungeniert rechtsextreme Begriffe benutzen. Sie werden so salonfähig.“ – Austausch und Begegnung zwischen Einheimischen und Migranten, zwischen den verschiedenen Religionen, zwischen Berufstätigen und Arbeitslosen sei angesagt, gerade die Kirche schaffe dafür Raum, betonte Markus Lutz, stellvertretender Vorsitzender des Katholikenrats München. „Und es braucht eine gerechte Verteilung an Gütern und Belastungen. Es müssen gleiche Chancen für alle da sein, zum Beispiel in der Bildung“, meinte Thomas Steinforth, Vorstandsreferent des Caritasverbands der Erzdiözese.

Antwort von Facebook

„Im öffentlichen Diskurs heißt es, unterschiedliche Positionen zuzulassen, auch fragwürdige Meinungen ruhig laut werden zu lassen. Denn wenn wir sie öffentlich nicht zulassen, dann landen sie im Internet, etwa auf Facebook – und da wird es nur schlimmer mit den Inhalten und der Verbreitung solcher Aussagen“, erklärte Herrmann. Aus dem Publikum, das in eine lebhafte Diskussion einstieg, erklärte an der Stelle eine junge Frau: „Ich habe vor einer Weile auf Facebook eine rechtsradikale Gruppe ausgemacht, die richtig schlimme Hetzreden verbreitete. Ich meldete es Facebook – und bekam nur die Antwort: Die sind harmlos.“ Nicola Hieke plädierte dafür, bundesweit eine Stelle einzurichten, die rechtspopulistische Reden und „hate speeches“ untersucht, doch da fehle es an finanziellen Mitteln. Ein anderer Teilnehmer betonte, jeder müsse im direkten Umfeld gegen Feindseligkeit und feindselige Bemerkungen angehen: „Und da heißt es sofort was zu sagen, auch Fragen zu stellen: Warum meinen Sie das? Wenn man so nachfragt, zwingt man Menschen Stellung zu beziehen. Und meist bleibt nichts übrig von den Vorurteilen gegenüber einer Gruppe.“ (Eva-Maria Knappe)