Passionsspiele in Oberammergau

Wie es ist, Jesus zu spielen

Frederik Mayet spielt bei den Passionsspielen 2020 in Oberammergau zum zweiten Mal den Part des Jesus. Er weiß aus Erfahrung, wie fordernd diese Rolle ist.

Frederik Mayet (Mitte) ist 2020 zum zweiten Mal einer der beiden Jesus-Darsteller in Oberammergau © imago

Oberammergau – Nein, er habe nicht damit gerechnet, noch einmal diese eine Rolle im Passionsspiel von Oberammergau zu erhalten. „Ich habe mich wirklich wahnsinnig darüber gefreut, als ich bei der Rollenvergabe am 20. Oktober vergangenen Jahres meinen Namen in Kreide geschrieben auf der Tafel neben dem Jesus sah“, sagt Frederik Mayet und blickt still auf das Wasserglas vor sich auf dem Tisch. Der 39-jährige Mayet, im normalen Leben Pressesprecher des Münchner Volkstheaters, hat den Jesus bereits 2010 gespielt. Damals sagte er, dass er beim nächsten Mal sicherlich zu alt für den Hauptpart sei, jedoch: „Der Christian (Spielleiter Christian Stückl, Anm. d. Red.) wird sich schon was dabei gedacht haben“, lacht Mayet, um nahtlos anzufügen: „Für mich ist es eine echte Herausforderung und Chance, zehn Jahre später nochmals diese Rolle zu übernehmen und mich aufs Neue mit dieser Figur auseinanderzusetzen.“

Privat hat sich für Mayet in dieser Zeit viel getan: Er ist mittlerweile verheiratet und stolzer Vater zweier Söhne: Vinzent ist vier, Lorenz kam im vergangenen Oktober auf die Welt. Mayet wohnt heute auch wieder in seiner Heimat Oberammergau und nicht mehr in München. Weil seit den 1980er Jahren jede der 21 Hauptrollen doppelt besetzt wird, agiert Mayet gleichberechtigt mit dem zweiten Jesus-Darsteller 2020, Rochus Rückel, auf der Bühne des Passionstheaters. Im Jahr 2000 stand der „Fredi“, wie ihn in Oberammergau und im Volkstheater jeder nennt, bereits als Jesu Lieblingsjünger Johannes auf der Bühne. Und jetzt, nach zehn Jahren, also nochmals als Jesus.

Gute Konstitution notwendig

Nach 51 Aufführungen, in denen er 2010 den Messias verkörperte, kennt Mayet die großen körperlichen und psychischen Herausforderungen, die gerade diese Rolle einem abverlangt: „Von der Spielerwahl an schaut jeder auf dich, du stehst extrem im Mittelpunkt und musst das erst einmal verarbeiten.“ Das mediale Interesse steige, je näher die Premiere rücke, dazu komme nach der traditionellen Israel- Fahrt von Darstellern und Spielleitung im September ab dem Herbst zudem der harte Alltag mit den langen abendlichen Proben auf ihn zu. Eine gute Konstitution sei zudem notwendig, um die Strapazen der mehrstündigen Aufführung, inklusive der körperlich sehr anstrengenden Kreuzigungsszene, durchzuhalten. Fit sei er, versichert Mayet, aber klar, ein, zwei Kilo müsse er bis zu den Aufführungen noch verlieren, denn Jesus sei nach den Vorstellungen der Menschen und der gängigen Ikonographie halt eher ein schlanker Typ und kein Buddha. Jedoch: „Ich stamme aus einer Holzbildhauer-Familie, mein Idealbild von Jesus ist eine alte Ignaz-Günther-Figur, und an die reiche ich ohnehin nicht ran.“

Während der Zeit der Aufführungen – 2020 wird diese sich vom 16. Mai bis zum 4. Oktober erstrecken – treffe man als Jesus-Darsteller zudem nach Spielschluss häufig noch mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen: Menschen, die die Vorstellung besucht haben und danach aufgewühlt, berührt oder schlicht nur neugierig unbedingt noch mit dem gerade frisch wiederauferstandenen Hauptakteur reden wollen: Prominente, Politiker, Künstler, aber auch viele ganz normale Besucher: „Es ist schon eine sehr besondere Zeit“, fasst es Mayet zusammen.

Die forderndsten Szenen sind für ihn übrigens nicht das Leiden und Sterben am Kreuz: „Wenn man Jesus nur hierauf reduzieren würde, fehlten 90 Prozent von ihm“, weiß Mayet. Mindestens eine ebenso große Heraus- forderung sei es etwa, den Mann aus Nazareth überzeugend als gläubigen Juden darzustellen, etwa, wenn er im Tempel das „Sch’ma Israel“ anstimmt, das „Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, ist der Herr allein!“. Oder jene Stelle, an der Jesus die Priester, denen es vorrangig um die Einhaltung der religiösen Rituale und Vorschriften geht, mit den Worten ermahnt: „Ihr lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben“: „Das ist eine wirklich sehr emotionale Szene, in der der junge Rabbi Jesus mit der traditionellen Priesterschaft aneckt“, resümiert Mayet nachdenklich. Nur der nächtliche Ölberg toppe dies alles noch: Für die Darstellung von Todesangst, Einsamkeit, Verlassensein und Verzweiflung müsse man „sehr weit gehen, dass es glaubhaft wirkt“. Das sei enorm schwierig.

Wer ist Jesus für mich?

„Für uns ist Jesus ein streitbarer junger Jude, der für seine Botschaft, die bis heute Gültigkeit hat, ans Kreuz geschlagen wurde“, liest man auf der Homepage der Passionsspiele. Mayet ist Katholik, stammt aus einer konfessionsverbindenden Familie mit einer evangelischen Mutter und einem katholischen Vater. Wer oder was ist Jesus für ihn persönlich? Er zögert, überlegt. „Ich scheue mich davor, den Begriff ,Gottes Sohn‘ zu gebrauchen, weil ich lieber den Begriff ,jüdischer Rabbi“ verwende. Auch ,Kind Gottes‘ trifft es für mich persönlich besser. Oder ,Vorbild‘, ,Ideengeber‘, ,Revolutionär‘.“ Die Konsequenz, mit der Jesus für seine Ideen einsteht und kämpft, die sollte man in sein Leben mitnehmen, meint Mayet.

Doch die Frage lässt ihn nicht so leicht los, Mayet überlegt nochmals: „Wer oder was ist Jesus für mich? Ganz viel“, gibt er zur Antwort. Und fügt an: „Jesus überfordert uns bis heute. ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ – das ist kein einfacher Satz.“ Er habe einige Jesus- Biographien gelesen, etliche Jesus- Filme angeschaut: Das seien aber auch alles immer nur Interpretationen, so wie auf der Bühne von Oberammergau. Das Passionsspiel bemühe sich, dem Zuschauer ein greifbares Bild vom Menschen Jesus zu liefern: „Denn Gott auf die Bühne zu bringen, ist schwierig bis unmöglich.“

Mehr im Internet unter www.passionsspiele-oberammergau.de oder unter Telefon 08822/9498857

Frederik Mayet wird bei den Passionsspielen in Oberammergau Jesus spielen.
Frederik Mayet wird bei den Passionsspielen in Oberammergau Jesus spielen. © SMB/Ertl

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Ostern Passions spiele