Sehbehinderung

Wie Blinde "sehen" lernen

Am Sehbehinderten- und Blindenzentrum in Unterschleißheim gehen Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung zur Schule. Nach Ansicht von Lehrerin Annette Pavkovic können sie hier besser auf ein eigenständiges Leben vorbereitet werden als an einer Regelschule.

Georg Windbichler ist seit seiner Geburt blind. © SMB/Bauer

Unterschleißheim – Wenn Georg Windbichler sein Smartphone bedient, muss man als Zuschauer schon sehr genau aufpassen, um zu verstehen, was er da macht. Der Bildschirm ist schwarz. Den braucht der 15-Jährige nicht. Er ist seit Geburt blind. Windbichler nutzt lediglich die Touchfunktionen des Displays. Die Sprachausgabe liest ihm dann vor, wo er sich gerade in der Navigation befindet. In doppelter Geschwindigkeit. „Die meisten Sehenden verstehen da kein Wort.“ Für ihn ist es aber ganz normal, sich den Wetterbericht eines ganzen Tages in wenigen Sekunden vorlesen zu lassen.

Blind ist nicht gleich blind

Das Smartphone ist eines der wichtigsten Werkzeuge im Alltag des blinden Jugendlichen und darf deshalb auch während der Schulzeit dauerhaft genutzt werden. Die Technik spielt in Windbichlers Leben eine so zentrale Rolle, dass er dafür sogar einen eigenen Podcast betreibt. Aktuell besucht Windbichler die neunte Klasse des Sehbehinderten- und Blindenzentrums Südbayern (SBZ) in Unterschleißheim. Rund 200 Schüler mit einer Sehbehinderung sind auf der Förderschule, etwa 30 von ihnen sind vollständig blind. Die sehbehinderten Schüler lernen hier, durch gezielten Einsatz von Lupen, Vergrößerungsgeräten und anderen Hilfsmitteln mit ihrer verbleibenden Sehkraft umzugehen. Die blinden Schüler erlernen Arbeitstechniken mittels derer sie möglichst effizient, rasch und gut strukturiert den Alltag in einer vom Sehen geprägten Umgebung bewältigen können.

„Alles im Rahmen eines herkömmlichen Unterrichts“, erklärt Annette Pavkovic. Seit 14 Jahren ist sie Lehrerin am SBZ. Wie ihr Schüler Georg Windbichler ist auch sie seit ihrer Geburt blind. Sie gehören damit zu einer kleinen Minderheit unter den Sehbehinderten: Nur etwa drei Prozent erblinden in der Kindheit, die meisten verlieren ihr Augenlicht im Alter. Ein Großteil der Menschen, die als „blind“ bezeichnet werden, verfügt außerdem zumindest noch über ein Restsehvermögen. Anders als Annette Pavkovic. Sie ist vollständig blind – lichtunabhängig. Das hindert sie aber nicht daran, zu unterrichten: Deutsch, Mathe und Informationstechnologie.

„Nichtbarrierefreies, undigitales Glump“

„Und natürlich gibt es auch noch einige Spezialfächer“, ergänzt die 43-Jährige. Zum Beispiel „Mobilitätstraining“ – wo die Schüler lernen mit dem Blindenstock zu laufen. Außerdem auf dem Stundenplan: Lebenspraktische Fähigkeiten. Wie sortiere ich meine Wäsche? Wie koche ich? Wie nähe ich mir einen Knopf an? Wie komme ich zum Bus? Für nahezu alles gibt es inzwischen Hilfsmittel. Vom Farberkennungsgerät für die Wäsche bis zum vibrierenden Gürtel, der beim Spazierengehen anzeigt, wo Norden ist. Selbst bei „nichtbarrierefreiem, undigitalem Glump“ – wie im Hause Pavkovic nicht-blindengerechte Post bezeichnet wird – kann man sich über diverse Apps schnell mit einem „Leihauge“ via Videotelefonie abhelfen.

Lesen und Schreiben hat Georg Windbichler schon als Kind in der Brailleschrift gelernt. Zeichen und Zahlen bestehen hier aus Kombinationen von sechs Punkten. Analoge Texte werden dafür auf Papier graviert. Für die digitale Welt gibt es die „Braillezeile“, eine Tastatur, mit einer mechanischen Leiste, aus der kleine Stifte herauskommen und so digitalen Text in Blindenschrift umwandeln. Ganz kommt man aber um die „Schwarzschrift“, wie normale Buchstaben von Blinden genannt werden, nicht herum. Zum Beispiel: Die eigene Unterschrift. Die muss man auch als Blinder beherrschen, um geschäftsfähig zu sein. „Und auch in anderen Bereichen des Alltags ist es wichtig die Form der Schwarzschriftbuchstaben zu kennen“, weiß Annette Pavkovic. Wie muss man sich im Klassenzimmer bewegen, wenn die Tische in U-Form stehen? Wie schaut eine T-Kreuzung aus? Im Alltag und auch im Sprachgebrauch ist die Schrift der Sehenden überall präsent.

Schlechte Inklusion schadet

Im SBZ wird sowohl in Punktschrift, für die vollständig Blinden, als auch in Schwarzschrift für die weniger stark Sehbehinderten unterrichtet. Das bedeutet doppelten Aufwand für die Lehrer und auch das Lerntempo ist etwas reduziert. Die Grundschule dauert mit fünf Jahren ein Jahr länger als die für Sehende. „Ansonsten werden die Schüler am SBZ aber nach dem normalen Lehrplan unterrichtet“, betont Pavkovic. Spezielle Schulen für Blinde und Sehbehinderte sind aber dennoch sinnvoll, sagt Schüler Georg Windbichler. Seine Erfahrungen an Regelschulen sind durchwachsen. Gut integriert habe er sich grundsätzlich zwar schon immer gefühlt, „aber ich wurde auch häufiger einfach stehen gelassen, weil keiner Lust hatte, die Pause mit dem Blinden zu verbringen“.

Im SBZ ist Windbichler nicht „der eine blinde Schüler der Klasse“. Das fühlt sich besser an, findet der 15-Jährige. Außerdem können die Lehrkräfte hier viel spezieller auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen. Dieser Meinung ist auch Lehrerin Pavkovic. Zwar sei die Idee, sehbehinderte Kinder an Regelschulen zu integrieren vom Grundsatz her gut, in der praktischen Umsetzung sieht es aber anders aus. Sie warnt davor, das Kinder mit einer Behinderung an einer Regelschule schnell zum „Beistellkind“ werden können. „Es hat dann vielleicht noch eine Schulbegleitung, die im Unterricht mithilft“, sagt die Lehrerin, „lernt aber so nur, wie es mit dem richtigen Personal funktioniert“. In Fördereinrichtungen wie dem SBZ sei das anders: „Wir Lehrkräfte haben da Erfahrung und wissen, was schwierig ist und wie man es vermitteln kann.“

Ein Blinder mit froher Botschaft

Ihre kritische Haltung zur Inklusion teilt Annette Pavkovic mit ihrem Mann Aleksander. Der 44-Jährige arbeitet beim Bayerischen Blinden- und Sehbehinderten Bund (BBSB). Auch er ist seit seiner Geburt blind, besuchte zum Teil aber Regelschulen. Auch er ist überzeugt: Nur an einer speziellen Schule können blinde und sehbehinderte Schüler ausreichend auf ein eigenständiges Leben vorbereitet werden. „Ihnen das aus lauter guten Absichten nicht zuzumuten, führt letztendlich dazu, dass sie um Bildung, Selbstständigkeit und echte Teilhabe betrogen werden.“

Wer die Grundlagen aber an einer speziellen Schule erlernt, dem stehen selbst als Blinden alle Möglichkeiten offen, ist Aleksander Pavkovic überzeugt. Er promovierte als Linguist in slawischen Sprachen. Seine Blindheit hat ihn dabei nicht behindert. Und in einem anderen Bereich sieht er sie sogar als Vorteil: In seiner Arbeit als Diakon für das Erzbistum München und Freising. „Dass gerade ein Blinder die Lebensfreude zu den Menschen trägt, dass bedeutet hoffentlich was!“