Skandal in der katholischen Kirche

Wider das Abstumpfen bei sexuellem Missbrauch

Wieder ein Skandal: Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Doch der große öffentliche Aufschrei bleibt irgendwie aus. Ein Kommentar.

Ein erneuter Missbrauchsskandal überschattet die katholische Kirche.

1000 Kinder und Jugendliche – nochmal: 1000 (!) wurden in den vergangenen 70 Jahren in mehreren amerikanischen Bistümern des Bundesstaates Pennsylvania missbraucht. Und es sind nicht nur unglaublich viele Opfer – Dunkelziffer unbekannt – sondern auch unglaublich viele Täter: 300 an der Zahl, die meisten Priester, viele von Ihnen schon tot.

Natürlich gibt es viele Forderungen: Alle Bischöfe sollen dem Papst ihren Rücktritt anbieten – Chile hat es jüngst vorgemacht - schärfere Gesetze und ein Mentalitätswandle in der Kirche. Denn: Der Missbrauch, das ist klar, ist keine Einzeltat eines gestörten Kinderschänders, sondern hat System. Da reichen guter Wille, Betroffenheit und Absichtserklärungen nicht aus. Steht auf, begehrt auf, schreit auf – das erwarte ich von „meinen“ Oberhirten.

Aber was passiert eigentlich bei mir? Ich lese die Zahl der Opfer, die Artikel. Innerlich verdrehe ich die Augen: Nicht schon wieder! Wann hört es auf? Gleichzeitig bemerke ich: Ich stumpfe ab. Hier ertrunkene Flüchtlinge, da zerbombte Syrer und dort hunderte Missbrauchsopfer…

Schutz vor zu viel Mitleid

Warum ist das so? Psychologen nenne diesen Vorgang „Habituation“. Man gewöhnt sich an immer wiederkehrende Reize. Und die Nachricht verliert ihren Schrecken. Gleichzeitig ist „Habituation“ ein Schutz vor zu viel Mitleid, um das Leben erträglicher zu gestalten.

Eine weitere Theorie: „Mitleid braucht ein Gesicht und eine Geschichte“ heißt es von Experten. Das einzelne, dramatische Schicksal lässt uns nicht kalt. Wer hat nicht mitgefiebert bei der spektakulären Rettung der thailändischen Fußballmannschaft aus der Höhle? Wer hat darüber nicht tagelang mit Kollegen, Partnern, Freunden gesprochen und war erleichtert und froh, als die Rettung gelang? Auf den Missbrauchsskandal bin ich noch nicht angesprochen worden und hab auch in der U-Bahn keine Gespräche darüber gehört.

Tränen der Wut

Ursachenforschung, sofortige Absetzung und strafrechtliche Verfolgung von Tätern, Hilfe – auch finanzielle - für Opfer, echte Reformen. Das erwarte ich von allen kirchlichen Amtsträgern. Dass es mehr gibt als Betroffenheit und das Bild vom weinenden Gott. Und wenn, dann sind es beim lieben Gott hoffentlich nicht nur Tränen der Trauer, sondern auch der Wut.

Und Wut ist vielleicht ein ganz gutes Gegenmittel gegen meine Abstumpfung. Seien wir wütend. Schauen wir hin, nicht weg. Reden wir, anstatt zu schweigen. Fordern wir lautstark Reformen. Denn nur damit können auch wir Missbrauch künftig verhindern und den bisherigen Opfern hilfreich zur Seite stehen. Lassen wir sie nicht allein – geben wir ihnen ein Gesicht! (Tanja Bergold)

Zur Autorin

Tanja Bergold ist Leiterin Programmentwicklung im Münchner Kirchenradio.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch