Seelsorger in Covid-19-Einsätzen

"Wesentlich ist die Berührung, nicht der Hautkontakt"

Seelsorger im Schutzanzug sollen sterbende Corona-Patienten ein letztes Mal besuchen können. Sie schlagen Brücken über Kontaktsperren hinweg. Hier berichten sie von ihrer Arbeit.

Die Leiter der Einsatzgruppe, Thomas Hagen und Andreas Müller-Cyran, mit Pastoralreferent Timo Grünbacher (v.l.n.r.) in der Heilig-Geist-Kirche München, wo Mitglieder der Einsatzgruppe gerade geschult werden.

München – Abstand halten und trotzdem nahekommen; Schwerkranken Beistand leisten, ohne sich selbst und andere zu gefährden - mit diesem Vorsatz hat das Erzbistum München und Freising eine Einsatzgruppe für Covid-19-Erkrankte gebildet. 30 Seelsorgerinnen und Seelsorger wurden mit mehreren Garnituren Persönlicher Schutzausrüstung (PSA) ausgestattet und geschult. Sie können jederzeit an jeden Ort in Oberbayern ausrücken: in Kliniken, Pflegeheime oder Privatwohnungen. 30 weitere folgen bald.

Die Kirche soll wie ein Feldlazarett sein, hat sich Papst Franziskus schon vor der Pandemie gewünscht - mit Priestern, die notfalls ihr Leben geben für die, die ihnen anvertraut sind. In Italien und Spanien sind in den ersten Wochen der Corona-Krise schon mehr als 100 Geistliche umgekommen. Sie hatten sich in ihren Gemeinden um Infizierte gekümmert oder waren an Orten mit hohem Ansteckungsrisiko wie etwa in Altenheimen oder Krankenhäusern. So etwas soll in Bayern möglichst nicht passieren.

Kompliziertes Ablegen der Schutzkleidung

Die Mitglieder der Einsatzgruppe - Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten, die meisten zwischen 35 und 55 Jahre alt - haben sich alle freiwillig gemeldet. Einige sind auch wieder abgesprungen, weil ihnen das Restrisiko mit Blick auf gefährdete Angehörige zu hoch war, wie Thomas Hagen berichtet, der die Gruppe im Münchner Ordinariat koordiniert.

Blaue Handschuhe, gelber Schutzkittel, Brille und FFP2-Maske - so treten die Seelsorger den Patienten entgegen. Den Umgang mit der Ausrüstung haben sie anhand von Lehrvideos daheim penibel geübt. In einer Prüfung mussten sie nachweisen, dass die Automatismen sitzen. Wobei das Ablegen komplizierter ist als das Anlegen. Das Material darf nämlich jetzt nicht mehr außen angefasst werden. Die Prozedur sieht nach jedem Schritt eine Desinfektion der Hände vor, insgesamt fünfmal. Dafür sind fünf Pappbecher zu präparieren. Alles wird nach dem einmaligen Gebrauch noch vor Ort in einer Mülltüte luftdicht verpackt und sofort entsorgt.

Krankenkommunion und Gebet am Totenbett

Hinter einer Maske beten, Krankensalbung mit Handschuh spenden? Ob das überhaupt geht, haben sich die Seelsorger gefragt. Und dann gemerkt: "Das Wesentliche ist nicht der Hautkontakt, sondern die Berührung", so erzählt es Hagen.

Für den Spezialeinsatz braucht es aber nicht nur Kenntnisse im Infektionsschutz. Auch das Handwerkszeug der Seelsorger galt es anzupassen: Das Krankenöl führen sie in einem Plastik-Einwegdöschen mit sich, die Hostie in einem vorgedruckten und nach Anleitung zusammengefalteten Briefchen. Die Rituale sind zur Kurzform verdichtet: Gebete, Schriftlesung und Segen passen auf einen DIN A5-Zettel. Ob Krankenkommunion oder Gebet am Totenbett: Das Vaterunser und ein Avemaria gehören immer dazu. Und auch für dieses Material gilt: Nichts davon darf wieder nach draußen.

Zehn Einsätze gab es in der ersten Woche, mit einem Schwerpunkt in Rosenheim und Bad Aibling, zwei bayerischen Corona-Hotspots. Die Anfragen nehmen langsam zu, weil sich die rund um die Uhr besetzte Rufnummer immer mehr herumspricht.

"Man sieht viel Elend"

In aller Regel handle es sich um Sterbesituationen, berichtet der Münchner Pfarrer Daniel Lerch (46). So wurde er zu einem Mann gerufen, der sich selbst aus der Klinik entlassen hatte, um zuhause sterben zu können. Zeigen die Patienten kaum noch Reaktionen, fällt sein Besuch eher kurz aus, so eine Viertelstunde.

Zeitmanagement ist gefragt, denn mit der Dauer wächst auch die Ansteckungsgefahr. "Man sieht viel Elend", sagt Lerch. Er betritt Räume, in denen Menschen außer von Pflegern und Ärzten seit Wochen keinen Besuch mehr bekommen haben. Wer noch sprechen kann, hat ein starkes Redebedürfnis.

Zurück in die Einsamkeit

Nicht minder wichtig seien danach Gespräche mit den Angehörigen, erzählt der Pfarrer. Die seien "unglaublich interessiert" an seinen Eindrücken - und dankbar. "Ihr Vater hat keine Schmerzen, er ist medikamentös gut eingestellt", solche Auskünfte von einer neutralen Person seien für die Familien sehr wertvoll. Manchmal betätigt sich Lerch auch als Bote, etwa wenn er ein Bild mitbringt, das ein Enkel für seinen Opa gemalt hat.

Was den Seelsorger am stärksten belastet? "Die Menschen wieder in ihre Einsamkeit entlassen zu müssen. Ich kann nicht wie sonst sagen, ich schaue morgen wieder vorbei."(Christoph Renzikowski/ kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie