Digitales Zeitzeugnis

Weiteres Faulhaber-Tagebuch online

Das Online-Archiv der Tagebücher des ehemaligen Münchner Kardinals Michael von Faulhaber wurde um das Jahr 1948 ergänzt. Darin sind seine Gedanken über Kriegsverbrecher, Spitzel und Flüchtlinge zu lesen.

Kardinal Faulhabers Tagebücher geben einen spannenden Einblick in die Nachkriegszeit in München.

München – In der Online-Edition der Tagebücher des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber (1869-1952) ist ab sofort der Jahrgang 1948 abrufbar. Das teilten die Forscher des Münchner Instituts für Zeitgeschichte sowie das Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster am Dienstag mit.

Unter www.faulhaber-edition.de lässt sich nun unter anderem nachlesen, wie der Kirchenmann über die Hinrichtungen zum Tode verurteilter Kriegsverbrecher, einen durch Spitzel-Vorwürfe belasteten Weihbischof und den Zuzug von Flüchtlingen dachte.

Schulreformpläne und Gerichtsverhandlung

Im Tagebuch von 1948 zeigt sich ein gesundheitlich angeschlagener Michael von Faulhaber, wie es heißt. Gleichwohl habe er die Kraft aufgebracht, "über das ganze Jahr hinweg einen zähen und letztlich überwiegend erfolgreichen Abwehrkampf gegen die Schulreformpläne der US-amerikanischen Besatzungsmacht" zu führen. Ferner habe sich der Erzbischof entsetzt über die fortgesetzten Hinrichtungen zum Tode verurteilter Kriegsverbrecher gezeigt und eine Intervention bei US-Präsident Harry Truman angekündigt.

Schwer belastet habe Faulhaber die "Causa Scharnagl". Gemeint ist der über Jahre bestehende Verdacht, sein Weihbischof habe zum Schaden der Kirche für die Gestapo gespitzelt. "Die langgehegte Hoffnung, ein Verfahren vor Gericht vermeiden zu können, erfüllt sich nicht. Am 21. September tritt Faulhaber als Zeuge vor der Spruchkammer auf", so die Forscher. Der Prozess sei mit einem Freispruch für Scharnagl geendet, habe "ein erleichterter Faulhaber umgehend an Papst Pius XII." geschrieben.

Zuzug von Flüchtlingen

Sorgenvoll blickte der Erzbischof auf den ununterbrochenen Zuzug von Flüchtlingen aus dem Osten nach Bayern, wie es weiter heißt. "Weil ihm eine Rückführung der Vertriebenen in ihre Heimat aussichtslos erscheint, befürwortet er deren Auswanderung nach Übersee. Eine dauerhafte Ansiedlung der Flüchtlinge hält er für 'unmöglich, weil das Land bis an die Grenze bevölkert' sei."

Die kritische Edition der Faulhaber-Tagebücher ist ein 2015 begonnenes interdisziplinäres Langzeit-Projekt von Historikern, Theologen und Informatikern. Mit 1948 liegen nun 18 von 41 Jahrgängen vor, die bis Mitte dieses Jahrzehnts vollständig publiziert sein sollen. Erschwert wird die Herausgabe dadurch, dass sich der Kardinal einer speziellen Kurzschrift bediente, die heute nur noch wenige lesen können. (kna)