Doppel-Interview

Wechsel beim Diözesan-Caritasverband

Zum 1. Februar hört Prälat Hans Lindenberger als Diözesan-Caritasdirektor auf. Zum Abschied sprach die Münchner Kirchenzeitung mit ihm und seinem Nachfolger Georg Falterbaum. Dabei verrieten sie auch, wer den neuen Posten des Caritaspräses übernehmen wird.

Zum Interview-Termin mit Prälat Hans Lindenberger (zweiter von rechts) und Georg Falterbaum (zweiter von links) kamen MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger (rechts) und ihr Stellvertreter Florian Ertl in das Caritas-Haus in der Münchner Hirtenstraße.

Münchner Kirchenzeitung (MK): Herr Prälat, 2003 wurden Sie Caritasdirektor, waren davor Diözesanjugendpfarrer (1982 – 1990) und Pfarrer in St. Martin in München-Moosach (1990 – 2003): Wie schwer fiel Ihnen seinerzeit der Wechsel von der Gemeindepastoral in dieses Amt?
PRÄLAT LINDENBERGER: Als mich Kardinal Wetter damals bat, dieses Amt zu übernehmen, habe ich erst einmal schwer durchgeschnauft, denn die Pastoral vor Ort als Gemeindepfarrer war schon mein Herzensanliegen. Ich brauchte eine Zeit von eineinhalb, zwei Monaten, bis ich innerlich bereit war zu sagen: „Ich nehme diese Aufgabe an.“ Als ich dann im Verband war, ab Sommer 2003, erlebte ich das Gefühl, Direktor, Vorstandsvorsitzender und Lehrling zugleich zu sein. Ich kam in eine völlig neue Welt von Kirche. Die ersten zwei Jahre waren geradezu eine Entdeckungsfahrt für mich, ich besuchte sehr viele Einrichtungen.

MK: Im Rückblick auf die fast 15 Jahre: Welche Höhepunkte bleiben Ihnen im Gedächtnis?
PRÄLAT LINDENBERGER: Der erste wirkliche Höhepunkt war die Enzyklika „Deus caritas est“ von Papst Benedikt XVI. im Dezember 2005. Sie brachte einen sehr großen Schub und Rückenwind für die Caritasarbeit und die soziale Welt von Kirche. Ich war wirklich als Botschafter für diese Enzyklika unterwegs. Jedem wurde durch diese Schrift klar, dass Kirche ohne Caritas nur ein Bruchstück ist. Weitere Höhepunkte waren immer, wenn wir nach langer Vorbereitungszeit die Eröffnung und Einweihung einer Einrichtung feiern konnten: Ich denke etwa an das Heilpädagogische Zentrum in Rosenheim, an mehrere Schulen, an Altenheimneubauten wie Schwabing-St. Nikolaus, Gräfelfing oder Mühldorf. Das war immer sehr schön. Auch an die Kooperation mit den Pfarreien denke ich gern, sie war mir immer wichtig. Da gab es etwa das Projekt „Pfarrbüro als Kontaktstelle Caritas“, bei dem man über jedes Pfarrbüro Zugang finden sollte zu Caritas-Fachdiensten. Damit zusammenhängend wurden auch Caritas-Verantwortliche in Seelsorgeteams von Pfarreien beziehungsweise Pfarrverbänden eingeführt. Wichtige Kontaktpersonen für die Caritasdienste. Ein weiterer Höhepunkt im Sinne einer großen Herausforderung war die Flüchtlingsbewegung vor allem ab 2015. Wir schnellten damals in wenigen Monaten von etwa 20 auf rund 200 Asylberaterinnen und Asylberater hoch.

MK: Woran erinnern Sie sich weniger gern?
PRÄLAT LINDENBERGER: Vor allem daran, dass ich die vergangenen Jahre immer mehr in die Vorstands- und Leitungsarbeit eingebunden war, besonders als wir nur zu zweit im Vorstand waren und ich nicht mehr so oft an die Basis kam. Weniger gern erinnere ich mich auch an die Überbelastung durch das Zukunftsprojekt, das wir im Auftrag der Erzdiözese durchgeführt haben. Alles kam hier auf den Prüfstand. Der Rucksack war sehr schwer und hat uns Vorstände, die Führungskräfte und viele Mitarbeitende an die Grenze des Leistbaren gebracht. Natürlich hat es auch etwas gebracht und trägt heute Früchte, aber es war – auch gerade für mich – eine Überbürde an Last.

MK: Welche Eigenschaften benötigten Sie am meisten für Ihre Arbeit als Caritasdirektor?
PRÄLAT LINDENBERGER: Ich habe mich immer erlebt als Mediator bei Konflikten und notwendigen Streitigkeiten, als Ermutiger, Motivator, Netzwerker und Organisator. Unser „Nah am Nächsten“, und das möchte ich Georg Falterbaum mit auf den Weg geben, hat auch für uns als Vorstände seine Gültigkeit: Unsere Mitarbeiter sind nämlich hier unsere Nächsten. Schließlich war mir auch immer wichtig, als Mitchrist und Priester erlebbar zu sein und zu bleiben. Bei einer 70-Stunden-Woche war es oft schwierig, noch die Kraft zu finden, am Samstag oder Sonntag eine Predigt für ein Jubiläum oder einen Hausgottesdienst zu schreiben und hier auch das Niveau zu halten.

MK: Sie sind, Herr Falterbaum, der erste Laie auf diesem Posten. Wie groß sind die Fußstapfen, in die Sie jetzt als Nachfolger von Prälat Lindenberger treten?
FALTERBAUM: Die sind wirklich riesengroß. Die sind so groß, dass es zwei Menschen geben wird, die diese Position künftig ausfüllen werden. Das hat aus meiner Überzeugung sowohl quantitative als auch qualitative Aspekte. Der Verband hat sich in der Zeit von Prälat Lindenberger in etwa verdoppelt. Wir haben doppelt so viele Mitarbeiter, doppelt so viele in der Buchhaltung, in der Personalabteilung, nur der Vorstand ist mit drei Personen gleich groß geblieben. Das heißt, wir haben eine deutlich größere Belastung des Vorstands aufgrund des Wachstums des Verbandes. Die Zahl der Schultern zu erhöhen, die diese Verantwortung und Arbeit tragen, ist notwendig. Unabhängig davon ist es richtig und sinnvoll, die Funktionen und Aufgaben zu trennen – einerseits in den Manager, der Entscheidungen treffen muss, der belastet ist auch mit schwierigen Entscheidungen, und andererseits in den priesterlichen Dienst, der eher mit Seelsorge, liturgischen Diensten und pastoralen Themen befasst und noch stärker den Menschen zugewandt sein muss – rollenrigide und auch unabhängig von allem Management.

MK: Sie haben es in Ihrer Antwort bereits vorweggenommen: In Zukunft wird es im Vorstand neben Ihnen und Thomas Schwarz auch neu den Posten eines Caritaspräses geben, den es so noch nicht gab …
FALTERBAUM: In der Tat ist es eine Zäsur, dass nach fast einhundert Jahren jetzt erstmals der Caritasdirektor nicht zwingend ein Priester sein muss. Es ist angedacht, dass der priesterliche Teil naturgemäß nicht von mir wahrgenommen werden wird, sondern vom Caritaspräses. Das ist auch von der Bistumsleitung so gewollt. Und diese Trennung macht Sinn, denn es sind ja wirklich sehr artverschiedene Aufgaben, die bislang in einem Menschen, in einem Kopf, in einem Herzen zusammengeschweißt worden sind. Es ist aber richtig, unterschiedliche Aufgaben in unterschiedlichen Köpfen und unterschiedlichen Herzen zu platzieren. Der Caritaspräses wird auch unseren Hausseelsorger ergänzen in priesterlichen Diensten und bei pastoralen Fragen. Wir werden Augustinus Bauer (56), Pfarrer der Gemeinde Christkönig im Münchner Stadtteil Nymphenburg, als neuen Caritaspräses bei der Verabschiedung von Prälat Lindenberger am 5. Februar in der Katholischen Akademie persönlich vorstellen.

MK: Haben Sie sich schon ein 100-Tage-Programm vorgenommen?
FALTERBAUM: Ich bin seit Mai 2016 im Vorstand des Verbandes, das heißt, ich kenne den Verband, der Verband kennt mich und jeder wusste, worauf er sich eingelassen hat. Das ist meiner Ansicht nach ein großer Vorteil. Ich sehe keinen Anlass und keine Notwendigkeit, das Ruder irgendwo hektisch herumzureißen, ganz im Gegenteil. Aufbauend auf dem, was Prälat Lindenberger alles geleistet hat, habe ich mir zwar kein 100-Tage-Programm aufgestellt, aber einige Schwerpunkte ausgearbeitet, die wir gemeinsam angehen und fortsetzen wollen.

MK: Als da wären …?
FALTERBAUM: Ein zentrales Thema ist die Zusammenarbeit mit den Pfarreien vor Ort, der Gemeindecaritas bei sich wandelnden Strukturen sowohl auf pfarrlicher als auch auf unserer Seite. Wir wollen schauen, dass wir weiterhin im engen Zusammenschluss gemeinsam Gutes tun können. Wir sind in den Pfarr-gemeinden verwurzelt, das ist unsere Basis, die wir eher intensivieren müssen als lediglich gleich zu halten. Konkret wird es im April einen gemeinsamen Fachtag von Caritasverband und Erzbistum zur „Gemeindecaritas“ geben, ganz bewusst nicht nur mit unseren Mitarbeitern, sondern auch mit denen, die in den Pfarreien Verantwortung für die Caritasarbeit haben. Es gibt aber auch ganz neue Themen, etwa die Digitalisierung, der wir uns nicht verschließen. Unsere Angebote und Leistungen wollen wir zukünftig auch in elektronischen Medien professionell vorstellen und konkret anbieten. Wir gehen dieses komplexe Thema an. Womit wir uns auch beschäftigen werden, ist das Thema „Robotik in der Pflege“ – hochumstritten, aber wir setzen uns damit auseinander. Technisch vom Patienten und unseren Mitarbeitern her, aber auch ethisch. Wollen wir es machen, wenn man es machen kann? Wir sind hier mit der Technischen Universität München und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen technisch unterwegs, bei den ethischen Fragen professoral unterstützt von der Katholischen Stiftungshochschule München Ein vielfältiges und innovatives Thema, an dem auch die Staatsregierung großes Interesse zeigt, der Austausch hier ist gut. Und ein vierter, mindestens ebenso wichtiger Punkt ist das Thema Personal. Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, dass wir die Caritas als wertegebundene Organisation darstellen und klarmachen, dass wir ein toller und attraktiver Arbeitgeber sind.

MK: Die Caritas im Vergleich von vor 15 Jahren und heute: Wo sehen Sie die größten Unterschiede?
PRÄLAT LINDENBERGER: Wir als Caritas sind durch die wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen ebenfalls gewachsen – von der Krippe über Beratung und Pflege bis zur Sterbebegleitung. Ich sage nur ein paar Stichworte: Die Arbeitswelt dominiert heute immer stärker die Familienwelt und -bedürfnisse. Das hat zu einer enormen Entwicklung bei den Kindertagesstätten geführt. Vor Jahren haben wir noch in der Erzdiözese darüber gestritten, ob Krippen aus kirchlicher Sicht vertretbar sind, mittlerweile ist das selbstverständlich, weil wir junge Familien und oft auch Alleinerziehende stärken müssen. Die Integration von Flüchtlingen war ehedem fast kein Thema. Heute steht fest: Integration ist kein Sonntagsspaziergang. Ein weiteres Thema, das 2010 über uns als Kirche und Gesellschaft hereingebrochen ist, ist die Präventionsarbeit als Reaktion auf die Erfahrung von sexuellem Missbrauch und Gewalt gegenüber Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen bis hinein ins Altenheim. Da haben wir uns als Caritasverband schnell darauf eingestellt durch eine Präventionsordnung und Schulungen. Ein weiteres Thema: Auch die christliche Hospizkultur und Palliativpflege haben in dieser Zeit einen enormen Aufschwung erfahren. Wir haben einen Ethikrat gegründet. Noch ein Punkt: Das Bundesteilhabegesetz stellt uns bei der Inklusion von Menschen mit Behinderungen neu vor große Herausforderungen, bringt aber auch neue Möglichkeiten. Und die wachsende Armut beschäftigt uns mehr denn je, die Schere zwischen Arm und Reich geht so sehr auseinander, das ist ein Drama.

MK: Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
PRÄLAT LINDENBERGER: Ich bin Herrn Falterbaum sehr dankbar, dass er sich auf den Posten des Caritasdirektors beworben hat. Bei ihm weiß ich um sein Engagement für die Caritasthemen. Ich wünsche ihm, dass er sich seine Schwungkraft, seine rheinische Frohnatur erhält. Ich schätze seine unkomplizierte und ausdrückliche Mitarbeiternähe, seinen Pragmatismus und seine Anpackfreude. Als Vorsitzender des Vorstands hat er dieses dreiköpfige Organ gut zusammenzuhalten. Das Miteinander soll nach außen hin sichtbar sein. Er hat auf das kirchliche Profil der Caritas zu achten, es zu fördern und den Verband durch seine Person gut zu positionieren.

MK: Hand aufs Herz, schwingt wegen des Abschieds bei Ihnen jetzt auch Wehmut mit?
PRÄLAT LINDENBERGER: In einigen Situationen spürte ich schon Wehmut. Bei meinem letzten Hausgottesdienst etwa waren so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da – das hat mich schon sehr berührt, da hab’ ich mit den Tränen kämpfen müssen.

MK: Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?
PRÄLAT LINDENBERGER: Ich möchte dem Raum geben, was oft zu kurz kam: etwa in Ruhe ein Buch lesen, mehr Sport- und Körperarbeit trotz künstlicher Hüfte seit einigen Monaten, ein bisserl mehr Kultur. Und etwas mehr Gemütlichkeit.

MK: Was bedeutet Caritas für Sie?
PRÄLAT LINDENBERGER: Kirche und das persönliche Christsein sind ohne die tätige Nächstenliebe ein Torso. Die Caritas gehört als Grundfunktion wesentlich zu jedem Getauften und Gefirmten. Sie ist ein starkes Stück Kirche.
FALTERBAUM: Zum einen ist Caritas die ganz konkrete Hilfe für Menschen, die unsere Unterstützung benötigen: unsere Einrichtungen und Dienste. Zum anderen ist es unser Auftrag, Einfluss zu nehmen auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, damit die Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet. Und drittens müssen wir uns als Caritas mit lauter Stimme artikulieren für die Leisen und die am Rand Stehenden. (Interview: Florian Ertl, Susanne Hornberger)