Bahnhofsmission

Warten an Gleis 11

Die Leiterin der Bahnhofsmission München, Bettina Spahn, erzählt von Einsamkeit, Ankunft und Abfahrten. Dinge die sie ihrer Arbeit täglich erlebt – besonders im Advent.

Die Bahnhofsmission leistet Hilfe in unterschiedlichen Lebenslagen.

München – Täglich kommen bis zu 300 Menschen in die Bahnhofsmission München. Sie verweilen und stärken sich bei Kaffee, Tee und einem Schmalz- oder Margarinebrot. Sie warten auf ein vertrauliches Gespräch in einem der Beratungsbüros oder auch darauf, aufgrund eines Handicaps zum Anschlusszug begleitet zu werden.

Die Arbeit an Gleis 11 definiert sich nicht über eine bestimmte Zielgruppe, sondern über den Ort Bahnhof. Niederschwellig, barrierefrei und mittendrin – dort, wo sich das Leben in allen Facetten und Dimensionen verdichtet, erwartet die Menschen ein sehr vielfältiges Angebot. Seit vielen Jahren arbeiten die Katholische und die Evangelische Bahnhofsmission am Gleis 11 des Hauptbahnhofs München in gelebter Ökumene zusammen. Ihrem Leitbild gemäß wird dort – unabhängig von Nationalität, Aufenthaltsstatus, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder geschlechtlicher Orientierung – in gegenseitiger Wertschätzung und Annahme Begegnung auf Augenhöhe gelebt. Diese Haltung gilt sowohl für die Zusammenarbeit im Team (19 Hauptamtliche und 140 Ehrenamtliche sowie 60 Telefondolmetscher) als auch für den Umgang mit den Besuchern. Jede und jeder ist eingeladen zu kommen, zu verweilen und sich zu stärken. Vertrauliche und professionelle Beratungsgespräche sind ohne Voranmeldung möglich.

Babynahrung, Medikamente und MVV-Tickets

Alles kommt vor: von der verlorenen Kreditkarte über den verpassten ICE-Sprinter zum Meeting nach Berlin bis hin zur Intervention bei Krisen und Suizidalität. Die Bahnhofsmission ist die niederschwelligste soziale Einrichtung in München und rund um die Uhr an allen Tagen des Jahres geöffnet. Zu Schließzeiten der Behörden erfolgt im Auftrag der Stadt München nach Klärung der Anspruchsberechtigung die Auszahlung von Sozialleistungen sowie die Unterbringung in Notunterkünften. Des Weiteren unterstützt die Bahnhofsmission im Bedarfsfall bei der Rückkehr zum Wohnort oder Lebensmittelpunkt innerhalb Deutschlands und der EU. Notwendige Einzelfallhilfen wie beispielsweise Essenspakete, Babynahrung, Babymilch, Windeln, Medikamente oder MVV-Tickets können über Spendenmittel gewährt werden. Zudem gibt es eine kleine Kleiderkammer. Nachts ist die Bahnhofsmission Schutzraum für Frauen und deren Kinder.

An Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof ist auch nachts viel los.
An Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof ist auch nachts viel los. © smb

Finanziert wird die Bahnhofsmission überwiegend von der Stadt München. Hinzu kommen Mittel der evangalischen und katholischen Träger sowie Spendengelder.

Gemeinsam Hoffungslosigkeit aushalten

Manche Besucher kommen mit sehr konkreten Erwartungen in die Bahnhofsmission, andere finden ihre Lebensspur wieder und bisweilen geht es schlicht darum, Enttäuschungen und Hoffnungslosigkeit gemeinsam auszuhalten, wenn vom Leben nichts mehr zu erwarten ist. Die Bahnhofsmission bemüht sich, die Menschen dort abzuholen, wo sie im Leben gerade stehen.

Leiterin der Bahnhofsmission
Bettina Spahn © www.foto-schwabing.de

So verdichten sich zeitgleich und auf engstem Raum– auch im übertragenen Sinn – Ankunft und Abfahrt, Weichenstörungen und Spurwechsel, Entgleisungen und Prellböcke (des Lebens). Damit verbunden ist einerseits vielfältige Begegnung, andererseits aber auch große Einsamkeit – geprägt von einer Gefühlswelt voll Anspannung, Hoffnung, Erwartung, aber auch Traurigkeit, Kraftlosigkeit und Lebensmüdigkeit.

Unterschiedlichkeit menschlicher Lebensentwürfe besonders spürbar

Gerade im Advent, in dieser Zeit des Wartens und Zugehens auf Weihnachten, werden in der Bahnhofsmission die Unterschiedlichkeit und Gegensätzlichkeit menschlicher Lebensentwürfe besonders deutlich spürbar und sichtbar. Das fordert, denn alle an Gleis 11 sind unterwegs mit ihren Lebensfragen, Erwartungen und Sehnsüchten. Wenn dann die Lichterketten am Bahnhof immer greller funkeln, bringen die Pfadfinder traditionell am dritten Advent frühmorgens aus Wien kommend, das Friedenslicht aus Bethlehem in die Bahnhofsmission, noch bevor sie weiter zum Dom ziehen. Dieses Licht leuchtet hell und alle sorgen gemeinsam dafür, dass die Flamme nicht erlischt. (Bettina Spahn, Leiterin der Bahnhofsmission)