Zugunglück bei Bad Aibling

Vom Trauma in die Trauer finden

Notfallseelsorger Hermann Saur erklärt im Interview, was für Opfer und Angehörige des Zugunglücks jetzt wichtig ist

Diakon Hermann Saur (59) ist Leiter der Notfallseelsorge des Erzbistums. Er war beim Zugunglück von Bad Aibling vor Ort. (Bild: privat)

MK: Die erste Hilfe nach dem Zugunglück ist geleistet worden, sowohl medizinisch als auch seelsorglich. Wie muss es nun weitergehen, welche Begleitung brauchen die Betroffenen in der Zukunft?
Saur: Die Betroffenen müssen den Weg finden vom Trauma in die Trauer. In der Trauma-Phase muss man den Menschen stabilisieren, indem man ihm hilft, ganz konkrete Fragen zu beantworten: Was ist passiert? Wie ist es passiert? Wann und wo kann ich meinen verstorbenen Angehörigen sehen? Das sind alles Fragen, auf die keiner vorbereitet ist. Floskeln wie beispielsweise „Kopf hoch, das wird schon wieder“ sind da nicht hilfreich. Der Mensch muss vielmehr die Erfahrung machen, dass da jemand bei ihm ist, der ihm zur Seite steht. Das muss nicht notwendigerweise ein Notfallseelsorger sein, das kann auch eine Freundin, die Schwester oder die Tante sein.

MK: Wann wird den Opfern des Unfalls und den Angehörigen das ganze Ausmaß ihrer eigenen Betroffenheit in vollem Umfang bewusst?
Saur: Während des Traumas läuft im menschlichen Organismus ein Notfallprogramm ab, das einen vor dem Alptraum schützt. Dieses Notfallprogramm ist so alt wie der Mensch selbst. Während dieser Zeit wird das logische Denken in den Keller gefahren, erst wenn man sich nach einiger Zeit stabilisiert hat, wird einem bewusst, was tatsächlich passiert ist. Im Idealfall geschieht das nach ein paar Tagen, im schlimmsten Fall dauert das ein ganzes Leben lang, etwa bei Angehörigen von Menschen, die vermisst und nie gefunden werden. Wichtig sind in solchen Situationen Trauerfeiern und auch die Beerdigung. Das sind häufig die Momente, wo man schließlich in der Realität ankommt.

MK: Brauchen die unmittelbar Beteiligten der Katastrophe und Angehörige unterschiedliche Arten von Begleitung?
Saur: Ja. Menschen, die ein solches Unglück überlebt haben, befällt oft ein unerklärliches Schuldgefühl. Warum habe ich das überlebt und die anderen nicht? Außerdem haben sie mit den immer wiederkehrenden Bildern des Geschehens zu kämpfen, ebenso mit Geräuschen und Gerüchen. Sie brauchen Hilfe, um damit fertig zu werden. Angehörige hingegen brauchen Menschen, die sie in ihrer Trauer begleiten.

MK: Und wie sieht es mit den Helfern aus?
Saur: Die wiederum brauchen eine andere Betreuung, weil Helfer in einer anderen Bedürfnislage sind. Deswegen gibt es heute ja auch spezialisierte Polizeiseelsorger, Feuerwehrseelsor-ger und Kriseninterventionsteams für die Rettungskräfte. Vor Ort, in Bad Aibiling, waren insgesamt 12 Notfallseelsorger und mindestens ebenso viele spezialisierte Seelsorger für die Helfer.

MK: Welche Aufgabe hatten Sie vor Ort?
Saur: Als Fachberater der Notfallseelsorge habe ich die Einsätze der Notfallseelsorger koordiniert. Es braucht ja immer einen, der nicht unmittelbar an dem Geschehen beteiligt ist. So habe ich etwa auch Polizisten eingeteilt, die den Angehörigen die Todesnachricht überbringen mussten.

MK: Wie bereitet man einen Polizisten auf so einen schweren Gang vor?
Saur: Dank des Zentralen Psychologischen Dienstes der Bayerischen Polizei werden Beamte heute bereits in der Ausbildung entsprechend geschult. Konkret macht man ihm klar, dass er, wenn er da in der Uniform vor der Tür steht, schon die Nachricht ist. Die Menschen, die man aufsucht, sind in der Regel ja bereits durch Medienberichte hoch alarmiert, haben seit Stunden ihren Angehörigen nicht erreichen können, und ziehen dann beim Anblick des Polizisten sofort entsprechende Schlüsse. Jetzt gilt es, ohne Umschweife mit klaren Worten zu sagen, was genau passiert ist. Aber auch wenn das handwerkliche Prozedere den Polizisten bekannt ist, stellt sich die Frage, wie sie mit den Reaktionen der Menschen umgehen. Das kann man niemandem beibringen. Man muss die Situation aushalten, dafür gibt es kein Muster.

MK: Welche spezielle Hilfe kann kirchliche Seelsorge im Vergleich zu psychologischer leisten?
Saur: Wenn ein Mensch die Religion für sich als ein tragendes Element seines Lebens anerkennt, dann kann kirchliche Seelsorge sehr viel leisten. Man kann dann nämlich im Laufe der Zeit seinen Blick vom Tod auf die Auferstehung lenken. Außerdem hat die Kirche Rituale, die den Menschen in solchen Situationen helfen können: miteinander das Vater-Unser beten, miteinander Requien feiern und Jahrestage begehen. Das sind stabilisierende Rituale, die existieren. Man muss das Rad nicht jedes Mal neu erfinden.

MK: Viele Außenstehende wissen nicht, wie sie mit Opfern eines solchen Unglücks umgehen sollen. Berührungsängste, die Sorge etwas falsch zu machen, verhindern oft den Kontakt. Wie verhält man sich richtig in so einer Situation?
Saur: Zwei Dinge sind wichtig. Zum einen auf das Bauchgefühl hören. Sich fragen, was würde mir in so einer Situation gut tun. Also keine großen Texte quatschen, sondern auf seinen Bauch hören und nicht auf seinen Kopf. Zum anderen braucht man Empathie-Fähigkeit. Das heißt, das Leid des anderen ernst nehmen. Nicht mitleiden, sondern mitfühlen. Prinzipiell haben wir alle diese beiden Dinge.

(Interview: Susanne Hornberger/Susanne Holzapfel)