Vollversammlung des Diözesanrats

Vom Lückenbüßer zum "Spezialisten für Wandel"

Die Vollversammlung des Diözesanrats im Erzbistum beschäftigte sich mit der Zukunft des Ehrenamts. Generalvikar Peter Beer hatte dazu drei konkrete Vorschläge mit im Gepäck.

Drei konkrete Vorschläge hatte Generalvikar Peter Beer mit im Gepäck.

München – „Der Pfarrgemeinderat wird oft nur als kostenloser Party-Service zur Organisation von Veranstaltungen betrachtet. An einem Austausch darüber hinaus mit den Ehrenamtlichen haben viele Pfarrer kein Interesse.“ Das amüsiert-zustimmende Raunen, das durch die Menge der Delegierten ging, zeigte, dass Rosmarie Stübl vielen der rund 180 Teilnehmer der Vollversammlung des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum aus dem Herzen sprach. Der Studienteil der Versammlung widmete sich der Zukunft des Ehrenamts, und mit ihrer Wortmeldung brachte die Vorsitzende des Dekanatsrats Wasserburg die Ergebnisse auf den Punkt: Oft fielen an diesem Vormittag im Münchner Salesianum die Begriffe „Wertschätzung“, „Kommunikation“ und „Begleitung“, die sich im Umgang mit Ehrenamtlichen verbessern müssten.

"Ich bin Mission"

So stieg Joachim Burkard, Professor für Pastoraltheologie am Campus Benediktbeuern der Katholischen Stiftungshochschule München und Direktor der Stiftung St. Matthias in Waldram, bei seinem Impulsreferat zum Thema „Kirche und Welt gestalten – Ehrensache“ mit dem Befund ein, dass das in der Kirche oft bemühte biblische Bild vom Hirten und den Schafen seine Tücken habe. Trotz aller positiver Konnotation sei es Ausdruck einer Kontrolle ausübenden „Ständekirche“. Im Volk Gottes laute aber für Haupt- wie Ehrenamtliche gleichsam der von Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" formulierte Satz: „Ich bin Mission.“ Somit dürften Ehrenamtliche auch nicht „Lückenbüßer“ sein, wo Hauptamtliche fehlen. Um Freiwillige zu motivieren, braucht es laut Burkard also einerseits praktische Rahmenbedingungen, wie mehr Vielfalt an Möglichkeiten des Engagements, die sich an den individuellen Lebensentwürfen und Zeitressourcen orientieren, Qualifikation und Begleitung sowie definierte Standards für Ehrenamtliche bis hin zu einer guten „Kultur des Aufhörens“. Vor allem aber müsse die Pastoral eine an Charismen orientierte „Volk Gottes“-Pastoral werden, mit Ehren- und Hauptamtlichen auf Augenhöhe.

Der Diözesanratsvorsitzende, Professor Hans Tremmel, warnte davor Ehrenämter unterschiedlich zu bewerten.
Der Diözesanratsvorsitzende, Professor Hans Tremmel, warnte davor, Ehrenämter unterschiedlich zu bewerten. © Kiderle

Spezialisten für Wandel

Auch Generalvikar Prälat Peter Beer betonte in seinem Impuls, dass nur Ehren- und Hauptamtliche gemeinsam die anstehenden „tiefgreifenden Veränderungsprozesse“ schultern könnten. Im Sinne einer „Spiritualität des Wandels“ ermutigte er dazu, Energie aus der Veränderung zu ziehen: „Christen sollten Spezialisten für Wandel sein und nicht die, die davor weglaufen.“ Dazu müsse Kirche weg vom „Traditionspflegeverein“ und stattdessen flexibel, kommunikativ und offen werden, Kompetenz ausstrahlen. „Wir dürfen nicht abfragen, was ein Mensch alles erfüllen muss, damit er für uns arbeiten ‚darf‘“, unterstrich er, „sondern wie wir Ehrenamtliche willkommen heißen können.“ Zum Beispiel müsse man zwischen einem langfristigen „Ehrenamt“ sowie stärker projektbezogenen „Freiwilligendiensten“ unterscheiden und sich auch für nicht-gläubige Ehrenamtliche öffnen. „Hauptsache aber ist, dass es nicht nur beim Reden bleibt, sondern auch Taten folgen.“

Deshalb hatte der Generalvikar hatte auch drei sehr konkrete, seiner Meinung nach kurzfristig umsetzbare Vorschläge im Gepäck: Ehren- und Hauptamtliche gemeinsam zu qualifizieren, angefangen mit einer Fortbildung für den Diözesanratsvorstand und die Ordinariatskonferenz, den Diözesanrat in die Strategie-Entwicklung und Ressourcen-Planung des Erzbistums einzubinden, und mit gemeinsamer Öffentlichkeitsarbeit die Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements darzustellen, zum Beispiel auf einer Homepage.

Öffnungszeiten für Berufstätige

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion mit den beiden Referenten sowie Professor Hans Tremmel, Vorsitzender des Diözesanrats, wurde angeregt, eine Einbindung Ehrenamtlicher in die strategische pastorale Planung auch für die Pfarreiebene anzudenken. Diskutiert wurde außerdem, mit Ehrenamtlichen Ziele zu vereinbaren und ihre Arbeit auszuwerten, „was zu einer höheren Zufriedenheit beitragen würde“, wie Professor Burkard meinte. Generell wurde deutlich, dass es um ein neues „Rollenverständnis“ für Haupt- wie Ehrenamtliche geht: „Wir müssen gemeinsam neu definieren, wie Kirche vor Ort aussehen soll“, forderte der Generalvikar. Impulse dazu kamen von Cordula Brechmann und Armin Schalk vom Vorstand des Diözesanrats, die aus den zuvor gebildeten Kleingruppen die Anliegen der Teilnehmer einbrachten. Neben konkreten Forderungen, beispielsweise die Pfarrbüros mit flexibleren Öffnungszeiten auch für Berufstätige erreichbar zu machen, kam eben auch der Wunsch nach Zielvereinbarungen.

Angeregt wurde, Ehrenamtliche auf Pfarreiebene in die pastorale Planung einzubinden.
Angeregt wurde, Ehrenamtliche auf Pfarreiebene in die pastorale Planung einzubinden. © Kiderle

Wahlen 2018

Professor Tremmel warnte davor, Ehrenämter unterschiedlich zu bewerten, denn jedes sei wichtig. Als Beispiel nannte er all jene, die sich mit viel Hingabe um Blumenschmuck in Kirchen kümmern. Auf die Nachfrage, wie die Ergebnisse der Versammlung nun auch zu den Hauptamtlichen gelangen könnten, kündigte der Diözesanratsvorsitzende an, dass diese als Broschüre aufgelegt werden.

Nicht zuletzt bei den 2018 anstehenden Pfarrgemeinderats- und Kirchenverwaltungswahlen gilt es, Ehrenamtliche zu motivieren. Josef Peis, Geschäftsführer des Diözesanrats, stellte die gemeinsame Werbekampagne für die beiden Wahlen vor und erinnerte daran, dass das Material bis zum 6. November beim Diözesanrat zu bestellen sei.

Das Ehrenamt ist 2018 auch im Rahmen eines Jubiläums im Blick: Vor 50 Jahren, am 15. April 1968, setzte Kardinal Julius Döpfner die Satzungen für die Katholikenräte im Erzbistum in Kraft. Peis erläuterte die Planungen: Bis zu einer zentralen Veranstaltung in München im März 2019, die noch in Vorbereitung ist, sind die Pfarreien und Verbände aufgerufen, das Jubiläum mit dezentralen Veranstaltungen zu begehen. Nähere Informationen dazu folgen demnächst in der Münchner Kirchenzeitung. Auch Monsignore Klaus Peter Franzl, Bischöflicher Beauftragter für den Diözesanrat, rief dazu auf, das Jubiläum zu nutzen, um sich die theologischen Wurzeln und die Bedeutung der Laienräte neu bewusst zu machen.

Welch hohes Gut die Räte sind, wurde bei den anschließenden Berichten von Professor Tremmel und Kardinal Reinhard Marx deutlich: Beide blickten berührt und positiv auf ihre kürzliche Reise nach Ecuador und den Gegenbesuch ecuadorianischer Bischöfe zurück, bemerkten aber zugleich einen starken Klerikalismus in dem Land, eine gewählte Laien-Vertretung fehle. Doch gerade der Austausch mit dem Erzbistum München und Freising könne Veränderungen anstoßen.

Bei den Seelsorgeeinheiten sind aktuell keine Veränderungen notwendig, so Kardinal Reinhard Marx.
Bei den Seelsorgeeinheiten sind aktuell keine Veränderungen notwendig, so Kardinal Reinhard Marx. © Kiderle

Besorgte Zuschriften zum Thema Islam

Mit Blick auf die Seelsorgeeinheiten im Erzbistum stellte Kardinal Marx fest, dass „Strukturen nicht ständig neu diskutiert werden müssen, sie sollten jetzt mit Leben gefüllt werden“. Zum Reformationsgedenken zog er eine positive Bilanz: „Es ist deutlich geworden, dass wir Christen bei aller Verschiedenheit zusammenstehen und man uns auch nie wieder auseinanderbringen kann.“ Nun müsste aus den getroffenen Vereinbarungen hin zu einer „Einheit in Verschiedenheit“ etwas entwickelt werden. Viele besorgte Zuschriften erhalte er zum Thema Islam, den Bischöfen werde hier oft eine unklare Haltung vorgeworfen. Dazu verdeutlichte der Kardinal: „Unsere klare Haltung ist: Jeder ist zuerst als Mensch zu sehen.“ Es gehe darum aufzuzeigen, wie man friedlich miteinander leben könne.

Zentraler Punkt in den Berichten von Professor Tremmel und Kardinal Marx war die politische Situation. Der Diözesanratsvorsitzende rief dazu auf, auch die Wähler am rechten Rand aufzusuchen (siehe Seite 2). Der Erzbischof zeigte sich mit Blick auf den österreichischen Wahlkampf besorgt über „schärfer werdende Auseinandersetzungen und eine härtere Sprache“. Er hoffe, dass im anstehenden Landtagswahlkampf in Bayern in ordentlicher Weise gestritten werde.

Christen werden gehört

Auf jeden Fall aber solle die Kirche – die nicht identisch mit dem Konservativen sei – ihre Stimme erheben für „die Armen, Schwachen, Flüchtlinge, den Lebensschutz“. Von den statistischen Zahlen zu Kirchenaustritten dürften die Christen sich nicht entmutigen lassen, sie würden dennoch gehört. Dies griff der Kardinal auch in dem Gottesdienst auf, den er zum Abschluss der Versammlung mit den Teilnehmern in der Pfarrkirche St. Wolfgang feierte. Die Bedeutung einer Gruppe bemesse sich nicht an ihrer Größe, sondern daran, ob sie etwas Wichtiges zu sagen habe: „Und unsere Botschaft ist doch eine Botschaft der Zukunft!“

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de