Total Sozial

Vom Lokomotivbauer zum Caritasdirektor

Hermann Sollfrank hat sein neues Amt als Caritasdirektor in der Erzdiözese München und Freising am 1. Oktober angetreten. Für die kommenden Jahre sieht er viele Aufgaben auf seinen Verband zukommen.

Der neue Caritasdirektor Hermann Sollfrank war zu Gast in der Sendung "Total Sozial" im Münchner Kirchenradio. © SMB/Bauer

München - Als Hermann Sollfrank sein neues Büro bezogen hat, hat er zuallererst ein Geschenk auf seinem Schreibtisch platziert: Eine Miniatur eines Berges, auf dem Gipfel ein Menschlein, das in die Ferne blickt. Für ihn ist das die symbolische Darstellung seiner künftigen Arbeit: „Man muss etwas tun, um etwas zu erreichen, man muss oft kraxeln – das tun die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas jeden Tag. Aber man muss auch den Blick in die Weite richten und sich fragen: Wo soll´s hingehen?“

Abitur auf dem zweiten Bildungsweg

Am Beginn seiner beruflichen Laufbahn hat noch nichts auf den weiteren Verlauf der Karriere des 57-Jährigen hingedeutet. Denn sie hat ganz anders begonnen: „Ich habe Lokomotiven gebaut und Kunststoffspritzgussmaschinen.“ Danach hat er als erster in seiner Familie das Abitur nachgeholt. Im Zivildienst lernte er dann die Arbeit der Caritas kennen. „Heute würde man sagen: im Bereich Integration und Förderung.“

Es folgte ein Studium der Sozialarbeit an der Katholischen Stiftungshochschule, deren Präsident er in den vergangenen sieben Jahren war. Dazwischen lagen zehn Jahre Berufspraxis, gefolgt von der wissenschaftlichen Karriere.

Die Verbindung von praktischer Arbeit und Wissenschaft hat ihn immer gereizt. Als Caritasdirektor werden ihm die Erfahrungen aus beiden Bereichen sicher nutzen.

Forschungsschwerpunkt Spielpädagogik

Einer seiner Forschungsschwerpunkte war die Spielpädagogik. Das sei ein faszinierender Bereich, der heute nicht nur im Kinder- und Jugendbereich genutzt werde, sondern auch von vielen Firmen und Einrichtungen, beispielsweise bei betrieblichen Planspielen. Er selbst spiele zwar sehr gerne, aber komme kaum noch dazu. Doch das ändere sich gerade wieder ein bisschen: „Meine eineinvierteljährige Enkeltochter entdeckt gerade das Spielen – und das ist unglaublich spannend“.

Folgen der Pandemie

Für die kommenden Jahre sieht Sollfrank auf die Caritas viele Aufgaben zukommen. Vor allem die Nachwirkungen der Corona-Krise würden in den Einrichtungen sichtbar werden: „Ein zentrales Thema ist aus meiner Sicht die biographische Wirkung der Pandemie auf Kinder und Jugendliche. Wir wissen, dass für die Entwicklung der Peer-to-Peer-Austausch geradezu essentiell ist. Und an dieser Stelle gab es über einen sehr langen Zeitraum die größten Restriktionen. Das wird Auswirkungen haben.“ Allerdings, so führt er fort, befürchte er, dass gerade der Sozialbereich nicht der ausfinanzierteste sei. Doch wenn die Probleme nicht angegangen werden, hätten wir es später mit Erwachsenen zu tun, die immer wieder auf soziale Unterstützung angewiesen seien.

Das sei aus humanitären, sozialpolitischen und ökonomischen Gründen notwendig und müsse in die sozialpolitische Diskussion immer wieder eingebracht werden. Was nicht so einfach sei, denn: „Den technologischen Erfolg können Sie messen, den Sozialpädagogischen können Sie nicht so einfach quantitativ empirisch erfassen.“ Als Caritasdirektor sehe er es aber als seine Aufgabe an, immer wieder darauf hinzuweisen.

Fachkräfte gewinnen

Ein großes Problem für die Caritas stelle der Fachkräftemangel dar. Er zitiert eine erschreckende Zahl, wonach Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege durchschnittlich nur sieben Jahre in ihrem Beruf tätig seien.

Er möchte diese Fachkräfte zurückgewinnen. Dazu bräuchten diese Berufe eine Reputation, finanzielle Anerkennung und vor allem bessere Arbeitsbedingungen.

Austausch mit der Politik

Von der nächsten Bundesregierung erwartet Sollfrank eine differenzierte sozialpolitische Positionierung. Im Wahlkampf seien diese Themen zwar immer wieder angeschnitten worden, hätten aber nicht im Vordergrund gestanden.

Wichtig sei dabei die Zukunft der Sozialversicherungssysteme. Außerdem müssten zentrale Probleme wie Armut und Wohnungsnot dringend angegangen werden.

„Wir müssen mit den Protagonisten, die heute Politik gestalten, noch viel stärker in den Austausch gehen, wir müssen diese Beziehung wieder neu aufbauen. Wir können nicht von vornherein darauf bauen, dass wir politische Unterstützung finden, sondern wir müssen dafür werben, wir müssen für die Sache einstehen, gut informieren und begleiten, denn es sind in der Regel komplexe Zusammenhänge.“

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Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de