Ausstellung 900 Jahre Kloster Beuerberg

Visionen eines anderen Lebens

Die neue Ausstellung des Diözesanmuseums im Kloster Beuerberg nimmt 900 Jahre Klostergeschichte in den Blick. Dabei werden auch andere Modelle des alternativen Gemeinschaftslebens beleuchtet.

"Visionen eines anderen Lebens" heißt die Ausstellung zu 900 Jahren Kloster Beuerberg. © Kiderle

Beuerberg – Wer ein solches bauliches Ambiente zur Verfügung hat, braucht keine raffinierte Ausstellungstechnik, um bei den Besuchern Wirkung zu erzielen. Die seit dem 17. Jahrhundert errichtete, prächtige barocke Anlage des Klosters Beuerberg (Dekanat Wolfratshausen) hat sich bis heute kaum verändert und bildet nun den stimmungsvollen Rahmen für die Jubiläumsschau zum 900. Jahrestag seiner Gründung im Jahre 1121. Die Räumlichkeiten und die Einrichtung des Klosters wirken nach wie vor sehr authentisch und haben eine faszinierende Aura, der sich kaum jemand entziehen kann. Hier gibt also die Anlage selbst den Rahmen und das Konzept dieser Ausstellung vor, die den inhaltlichen Bogen bis in die Gegenwart spannt.

Alternative Lebensmodelle 

Sie will nämlich keine klassische, historische Jubiläumsschau sein, sondern nimmt diese lange Geschichte als Ansatz, zu fragen, ob und welche Impulse von Gemeinschaften ausgehen können, die alternative Lebensmodelle entwickeln und die Gesellschaft und Welt verändern wollen. Solche Gemeinschaften mit speziellen oder radikalen Lebensmodellen sind bereits im frühen Christentum weit verbreitet und verfolgen immer das Konzept eines gemeinsamen Lebens mit festen Regeln und Idealen.

Die Gründung des Klosters Beuerberg im frühen zwölften Jahrhundert fällt in eine Zeit bedrohlicher politischer und religiöser Krisen. Große soziale Umwälzungen und Konflikte um das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht stellten überlieferte Lebens- und Denkmuster in Frage und führten zu Spannungen und Verunsicherung. Die gesellschaftlichen Eliten versuchten die Krise durch flächendeckende Ansiedelungen geistlicher Gemeinschaften aufzufangen. Auch heute, im Zeichen der Pandemie und der Klimakrise, wird der Ruf nach einem radikalen Umdenken immer lauter und die Suche nach alternativen Lebensformen immer drängender.

Kulturprägende Kraft 

Von Anfang an war Kloster Beuerberg ein Ort von und für Menschen, die angetrieben waren von der Vision eines anderen Lebens. Vor 900 Jahren stifteten die Ritter von Iringsburg das Augustiner-Chorherrenstift in schönster Lage am Hochufer der Loisach. In der Ausstellung kann man die Gründungsurkunde vom 30. März 1121 als Faksimile sehen, mit der Papst Calixtus II. die Gründung des Kanoniker-Stiftes bestätigt. Beuerberg war immer relativ klein: Die Anzahl der Chorherren betrug meist um die fünfzehn.

Die Jubiläumsschau zieht sich durch sämtliche historische Klosterräume und macht mit den unterschiedlichsten Objekten – Gemälde, Skulpturen, Altäre, Bücher und Schriften, Fotos, Filme, Möbel, wissenschaftliche Geräte, liturgische Gefäße, Fahnen, Rosenkränze, Musikinstrumente, Haushaltsgeräte und -gegenstände – nicht nur das vielfältige Klosterleben sichtbar, sondern auch die kulturprägende Kraft der Augustiner-Chorherren deutlich, einer damals in ganz Europa verbreiteten geistlichen Gemeinschaft, die alle Bereiche des Lebens beeinflusste: Alltag, Arbeit, Wirtschaft, Bildung, Kultur und Spiritualität, aber sogar die umgebenden Landschaften und die ansässige Bevölkerung.

Zölibat gegen Priesterehe

Das Spektrum dieser Schau reicht dabei von papierenen Guckkästchen, die mit frühen Lebens-Gemeinschaften vertraut machen (wie etwa die Philosophieschulen der Antike, die asketischen Wüstenväter, die mittelalterlichen Beginen, die israelischen Kibbuzim bis zum Monte Verità in der Schweiz und der berühmten Kommune 1 in Berlin), bis zum Ordensgründer Augustinus von Hippo (354–430), der eine feste Beziehung mit der Mutter seines Sohnes hatte und später in einer Priestergemeinschaft lebte, aus der die Ordensregel hervorging.

Solche Priestergemeinschaften entstanden im Frühmittelalter, verrichteten wie Mönche gemeinsam das Chorgebet und wurden deshalb Chorherren genannt. Dieses Chorherren-Modell bot damals eine gute Lösung für die in dieser Zeit heiß diskutierte Frage des Zölibats: Die ehelose Männergemeinschaft sollte dem Einzelnen helfen, dem hohen Anspruch der Ehelosigkeit gerecht zu werden. Damit wollte man die damals übliche Priesterehe zurückdrängen. Das Ende der Augustiner-Chorherren kam dann mit der Säkularisation 1803: Alle Stifte in Deutschland wurden aufgelöst.

Lesen und Schreiben, Theater und Musik

Im Mittelalter waren Buch und Schrifttum lange Zeit ein Monopol von Priestern und Mönchen, die als Schreiber und Notare tätig waren. Bis zur Erfindung des Buchdrucks verbreiteten sie das aktuelle und das aus der Antike überlieferte Wissen. Auch die medizinischen Kenntnisse der alten Zeit wurden in den Klosterbibliotheken bewahrt – woraus sich dann später die Klosterapotheken entwickelten, die seit dem 16. Jahrhundert mit prachtvollem Mobiliar und Gefäßen ausgestattet wurden. 

In allen klösterlichen und kirchlichen Lehranstalten gab es eine große Tradition des Theaterspiels, das mehreren Zwecken diente: der moralischen Unterweisung, der Katechese sowie der Belustigung und Unterhaltung. Auch aus Beuerberg sind zahlreiche Theaterstücke erhalten. Sie wurden von den Chorherren und Klosterschülern, aber wohl auch unter Beteiligung von Dorfbewohnern zu bestimmten Gelegenheiten und Festen aufgeführt. Ebenso spielte Musik in Klöstern immer eine wichtige Rolle, da sie für festliche Gottesdienste unverzichtbar war. Aus Beuerberg ist durch Kataloge überliefert, welche Musikstücke hier aufgeführt wurden.

Körperliche und geistige Stärkung

Zentrale Aufgaben der Augustiner-Chorherren waren vor allem Liturgie und Seelsorge für die umliegenden Kirchen, für die zahlreichen Bruderschaften und bei Wallfahrten. Ein Großteil des Kirchenschatzes von Beuerberg wurde bereits um 1800 vom Staat beschlagnahmt und zur Münzherstellung eingeschmolzen. Nur die wenigen gezeigten liturgischen Geräte sind erhalten, weil sie dauerhaft in Gebrauch waren.

Augustiner-Chorherren sind keine Bettelmönche. Die Ordensregel sah zwar nur zwei Mahlzeiten vor, übermäßige Askese wurde dabei aber nicht geübt. Deshalb war der Koch einer der wichtigsten Klosterangestellten. Der Speisesaal eines Klosters ist das Refektorium, der Raum der körperlichen und geistigen Stärkung, mit den gemeinsamen, im Schweigen eingenommenen Mahlzeiten, die durch strenge Regeln strukturiert wurden. Beim Essen spielte auch der Wein eine große Rolle (der aus Südtirol bezogen wurde): So tranken etwa im Jahre 1560 die Herren in Beuerberg täglich zwölf Maß Wein.

Doch auch das Bewusstsein der Sterblichkeit und das Andenken an die Verstorbenen sind im Kloster allgegenwärtig, deshalb sind die Gruft oder der Friedhof stets Teil einer Klosteranlage. Wie früher üblich, wurden die Gebeine in einem Ossuarium (Schädelnische) in dekorativer Schichtung dauerhaft präsentiert – in der Ausstellung im Kreuzgang, zusammen mit alten Totenschildern von Pröpsten. Das barocke Ossuarium in Beuerberg lag neben einem früheren Durchgang zur Kirche, sodass die Chorherren es täglich passierten. An dessen Ende steht eine Skulptur des heiligen Franziskus von Ignaz Günther (die jüngste Neuerwerbung des Diözesanmuseums).

Für alle Sisi-Fans

Ein besonderes Highlight der Ausstellung hat mit dem letzten Chorherrn von Beuerberg zu tun. Wohl keinem gelang eine spektakulärere Karriere als Bonifaz von Urban (1773 –1858), dem späteren Bischof von Bamberg. Als junger Geistlicher war er der Hauslehrer der bayerischen Prinzessinnen – und auch von Erzherzogin Sophie, der Schwiegermutter von Kaiserin Sisi, mit der er zeitlebens in regem Briefkontakt stand. Und so haben sich im Kloster Beuerberg bisher unbekannte und unveröffentlichte Briefe erhalten, in denen Sophie in allen Einzelheiten von der Verlobung ihres Sohnes, Kaiser Franz I., mit Sisi und über die Liebe der beiden berichtet – und ein ganz anderes Bild von deren Ehe und von Sophie vermitteln als dies die berühmten Sisi-Filme mit Romy Schneider tun. (Karl H. Prestele, freier MK-Mitarbeiter)

Bis zum 3. Oktober ist die Ausstellung im Kloster Beuerberg (Königsberger Straße 7, 82574 Eurasburg-Beuerberg) mittwochs bis sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet – wenn es die Infektionszahlen erlauben. Ein Katalog soll im August erscheinen. Regelmäßig aktualisierte Informationen finden sich auf der Website des Diözesanmuseums Freising.