Corona und Digitalisierung

"Viereckige Augen" im Lockdown

Während Corona verbringen viele Menschen mehr Zeit vor diversen Bildschirmen. Ralf Hermannstädter von der Caritas-Fachambulanz für junge Suchtkranke erklärt, was man tun kann, um nicht in eine schleichende digitale Abhängigkeit zu rutschen.

Bevor wir ungewollt in den nächsten Fernseh- oder Streaming-Marathon hineinrutschen, empfiehlt der Caritas-Suchtexperte Ralf Hermannstädter, den Prozess bewusst zu unterbrechen und die Glotze auszuschalten oder den Laptop zuzuklappen. © Zoran Zeremski - stock.adobe.com

München - Die Corona-Pandemie hat unser Leben in vielen Bereichen verändert. Die Digitalisierung – beispielsweise in der Arbeitswelt – hat enorm an Tempo gewonnen, mit der Folge, dass wir deutlich mehr Zeit vor diversen Bildschirmen verbringen, als das vor Corona der Fall war: Egal, ob die Videokonferenz am Laptop, das Homeschooling für die Kinder oder der Netflix-Abend zur Entspannung – alles findet online und entsprechend also vor dem Bildschirm statt. Viele haben diese digitale Dauernutzung zwar satt, sehen darin aktuell aber die einzige Möglichkeit, aus dem Lockdown auszubrechen. Was also tun, wenn wir alle nicht bald mit viereckigen Augen durch die Gegend laufen wollen?

Ralf Hermannstädter vom Therapieverbund Sucht der Caritas in der Erzdiözese rät dazu, sich stets bewusst zu machen, „was man tut, und zwar bevor man es tut“. Also ehe wir das nächste Mal aus Gewohnheit zum Handy greifen und endlos durch Apps wie Instagram, Facebook oder Twitter surfen, sollten wir uns die Frage stellen, was wir eigentlich nachschauen oder damit bezwecken möchten. Eine missbräuchliche Befriedigung unseres „Belohnungssystems“ im Gehirn liege vor allem dann vor, wenn sie unbewusst und automatisiert ablaufe, erläutert der Leiter der Caritas-Fachambulanz für junge Suchtkranke. Dies könne dazu führen, dass man mit der Zeit „abstumpft“ und sich trotz stundenlanger Beschäftigung ein Gefühl der Leere breitmache, das nach einem erneuten, umso größeren Reiz verlange.

Wie stark ist mein Drang, weiterzuschauen?

Bevor wir etwa ungewollt in den nächsten Fernseh-Marathon hineinrutschen und uns bei einer TV-Serie von Folge zu Folge leiten lassen, empfiehlt Hermannstädter, den Prozess bewusst zu unterbrechen und die Glotze auszuschalten oder den Laptop zuzuklappen. „Einfach mal beobachten: Was passiert dann mit mir? Warum zögere ich? Wie stark ist mein Drang, weiterzuschauen?“, schlägt der Experte vor. Dabei gehöre durchaus Überwindung dazu, eine solche Selbstbeobachtung vorzunehmen.

Gerade die Zeit des Lockdowns ohne die vielen gewohnten Freizeitverpflichtungen eigne sich dazu, alternative Beschäftigungsmöglichkeiten auszuprobieren. Nach dem Motto: Was wollte ich denn schon immer mal machen? „Man könnte zur Ruhe kommen, vielleicht ein Bild malen, oder, wenn ich schon ein YouTube-Video schaue, warum nicht ein Meditationsvideo?“, schlägt Hermannstädter vor.

Die Kirche im Dorf lassen

Aber der Sozialpädagoge und Suchttherapeut gibt auch Entwarnung, empfiehlt die Kirche im Dorf zu lassen. „Man braucht nicht immer gleich von Sucht zu sprechen, wenn ich mal über die Stränge schlage.“ Die eine oder andere Filmnacht auf der Couch beispielsweise sei noch kein Grund zur Besorgnis. „Gerade wenn es der aktuellen Situation geschuldet ist, kann man das für sich auch mal so akzeptieren“, meint Hermannstädter.

Hat man trotzdem das Gefühl, dass sich das eigene Konsumverhalten in eine falsche Richtung entwickelt, so gibt es laut dem Caritas-Fachmann einige Kriterien, anhand derer man überprüfen kann, ob vielleicht ein Suchtverhalten vorliegt. Kann man etwa einen Kontrollverlust bei sich feststellen, vernachlässigt man andere alltägliche Aufgaben und gibt man sich wiederholt einer Tätigkeit hin, obwohl man weiß, dass sie einem nicht gut tut, dann spricht viel für eine Sucht. In so einem Fall kann man sich dann in der CaritasFachambulanz für junge Suchtkranke bei Hermannstädter und seinem Team Hilfe holen.

Die Caritas-Fachambulanz für junge Suchtkranke München (Arnulfstraße 83/3. Stock) ist zu erreichen unter Telefon 089/724499300 oder per E-Mail an: suchtambulanzm@caritasmuenchen.de. Nähere Informationen gibt es auch auf der Internetseite der Suchtambulanz.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie