Pilgern

Unterwegs auf dem Jakobsweg

"Auf dem Jakobsweg passieren Dinge, die anderswo nicht passieren", sagt Cordula Rabe. Die Autorin lebt und arbeitet in der spanischen Mittelmeerregion Alicante. Den Jakobsweg hat sie 13 Mal begangen und in mehreren Wanderführern beschrieben.

Die Vía de la Plata führt durch raue, weite Landstriche. © Rabe

mk online: Erinnern Sie sich noch an den Tag, als Sie zum ersten Mal auf den Jakobsweg aufgebrochen sind?

Cordula Rabe: Ja, das war am 19. Juni 2001 in Roncesvalles in Nordspanien. Ich hatte meine erste Pilgernacht in der noch im alten Klostergebäude untergebrachten Herberge verbracht. Wir waren nur eine Handvoll Pilgerinnen und Pilger, ich fühlte mich wie ins Mittelalter versetzt. Im frühen Morgengrauen vor dem Kloster zu stehen, war ein unbeschreiblicher Moment. Über 750 Kilometer lagen vor mir und ich hatte keine Ahnung, was mich in den kommenden vier Wochen erwarten würde. Das war unglaublich aufregend und emotional.

Als Höhepunkt einer Jakobsweg-Begehung gilt die Ankunft auf dem Platz vor der Kathedrale in Santiago de Compostela, viele Pilger erleben dabei große Emotionen. Wie war das für Sie damals?

Rabe: Vor allem war ich unendlich erschöpft. Da ich nur vier Wochen Urlaub hatte, war ich in nur 24 Tagen von Roncesvalles nach Santiago gewandert – mit aberwitzigen, teils an die 40 Kilometer langen Etappen. Nach meiner Ankunft schlief ich erst einmal 18 Stunden am Stück. Irgendwann saß ich noch immer benommen an der Kathedrale und dachte: „Das war ein einzigartiges Erlebnis – aber nie wieder nehme ich solche Strapazen auf mich!“

Wie kam es, dass Sie ein zweites Mal, schließlich immer wieder einen Jakobsweg unter die Sohlen nahmen?

Rabe: Im Herbst 2001 fuhr ich den Weg nochmals mit dem Auto ab, um all das zu sehen, was mir bei meinem Gewaltmarsch zu Fuß entgangen war. Dabei merkte ich, wie intensiv die Wanderung gewesen war. Ich erinnerte mich an unzählige Details, als wäre es erst wenige Tage her. Auch mich erkannten Menschen wieder, bei denen ich beispielsweise nur etwas im Laden gekauft hatte. Da wurde mir bewusst, dass der Jakobsweg tatsächlich ein ganz besonderer Weg ist.

Drei Jahre später bot ich mich einem Wanderbuch-Verlag als Autorin an. So kam es, dass ich für meinen ersten Wanderführer 2004 erneut über den Camino Francés pilgerte, für weitere Bücher über die Vía de la Plata, den Nordweg, den portugiesischen Weg und den Camino Primitivo – und dass ich die Wege bis heute immer wieder gehe.

In der Pilger-Literatur ist immer wieder von außergewöhnlichen Begegnungen, schicksalhaften Fügungen und Zufällen während der Wanderung die Rede. Haben Sie so etwas auch erlebt?

Rabe: „Der Camino gibt dir immer genau das, was du brauchst“, heißt es. Das stimmt tatsächlich. Auf allen Wegen bekam ich stets genau das, was ich benötigte. Auf meinem ersten Weg saß ich eines Morgens mit schmerzenden, blutigen Blasen vor einer Dorfkirche. Ich heulte vor Wut, weil ich den Weg so nicht fortsetzen konnte. Da kam ein junger belgischer Pilger um die Ecke, zog ein paar Wandersandalen aus seinem Rucksack und meinte: „Probier es damit!“ Tatsächlich konnte ich damit schmerzfrei weitergehen, drei Tage lang mit seinen, weitere drei mit neu gekauften eigenen Sandalen.

Auf der Vía de la Plata riss mir der Rucksackriemen vor dem einzigen Schuster im Umkreis von mehreren Kilometern. An jeder anderen Stelle wäre es ein Problem gewesen, so flickte ihn der alte Schuhmacher ruckzuck zusammen. Und auch das gibt es: Im Herbst 2019 verliebte sich mein französischer Mitpilger in eine italienische Pilgerin. Beide hatten keine Beziehung gesucht. Nach dem Weg kehrte er nach Frankreich zurück, sie nach Italien. Trotzdem sind sie noch heute zusammen und planen sogar eine gemeinsame Zukunft.

Pilgern Sie selbst eigentlich aus einer religiösen oder spirituellen Motivation heraus?

Rabe: Ich bin weder religiös noch spirituell im klassischen Sinne. Dennoch bin ich, wie die meisten Pilgerinnen und Pilger, von der tieferen Dimension des Jakobswegs überzeugt. Auf dem Jakobsweg passieren Dinge, die anderswo nicht passieren. Zu den besonderen Momenten gehören für mich immer die Nächte in alten Klöstern. In San Nicolás de Puente Fitero zum Beispiel schläft man direkt in der kleinen Kapelle, in San Antón in der Ruine der alten Klosterkirche. Beide Orte haben eine ganz besondere Atmosphäre und ich fühlte mich dort unglaublich geborgen und behütet.

Würden Sie sagen, dass auf dem Jakobsweg eine ausgesprochen religiöse oder gar heilige Atmosphäre herrscht?

Rabe: Ich würde sagen, es herrscht eine sehr menschliche Atmosphäre. Der Jakobsweg versammelt die ganze Bandbreite der Menschheit, von tiefreligiösen Menschen bis hin zu Atheisten. Auch einem Buddhisten bin ich schon begegnet. Es sind alle Altersgruppen und sozialen Klassen vertreten, Menschen aus aller Welt mit unterschiedlichsten Charakteren und Weltanschauungen. An vielen anderen Orten sorgt eine solch bunte Mischung für Konflikte. Auf dem Jakobsweg ist es völlig egal, wer oder was man ist. Wir sind einfach nur Pilgerinnen und Pilger. Zwar mit unterschiedlichen Motivationen, aber einem gemeinsamen Ziel. Man hilft sich gegenseitig, passt aufeinander auf, unterhält sich, selbst wenn man gar keine gemeinsame Sprache hat – irgendwie versteht man sich auf einer menschlichen Ebene immer.

Man hört und liest viel von Erfüllung, Trost, Euphorie, Lebensorientierung auf dem und durch den Jakobsweg. Wie sieht es eigentlich mit Rückschlägen und Enttäuschungen aus?

Rabe: In der Tat gibt es Menschen, die mit dem Pilgerweg hadern. Menschen, die durch positive Pilgerberichte zu hohe oder falsche Erwartungen hatten und enttäuscht sind, wenn sich bei ihnen die einzigartigen Erlebnisse nicht wie erhofft einstellen. Die zu sehr darauf fokussiert sind, das erleben zu müssen oder zu wollen, was andere beschrieben haben, und dabei ihre eigenen Pilgermomente übersehen.

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2019 begegnete ich einer jungen Pilgerin, die selbst noch nach fast vier Wochen, kurz vor Santiago, an ihrem Weg zweifelte und kurz davor war, aufzugeben. Eine andere Pilgerin stieß immer wieder in León auf eine unsichtbare Barriere; wie sehr sie es auch wollte, sie konnte ab dort nicht weitergehen. Ich hoffe, dass sie irgendwann doch noch ihren Weg gefunden hat.

Lassen Sie uns darüber sprechen, wie einen das Pilgern verändert. Zunächst körperlich – man denkt da schnell an Blasen an den Füßen und Gewichtsabnahme. Stimmt das?

Rabe: Die Blasen sind natürlich der Klassiker. Auf dem Jakobsweg heißt es: „Wer viele Blasen hat, hat viel gesündigt.“ Ich weiß nicht, ob wirklich der liebe Gott seine Finger im Spiel hat, aber die größten Pilgersünden sind zweifelsohne falsche Schuhe, falsche Socken und zu wenige Pausen. Man kann beim Pilgern Pfunde verlieren, muss es aber nicht. Pilgern ist ja nicht nur Entbehrung und Verzicht – man darf es sich ruhig auch gutgehen lassen und Freude an den kulinarischen Genüssen des Gastlandes haben!

Und mental oder seelisch – was kann da im Laufe eines Monats auf dem Jakobsweg so alles passieren?

Rabe: Alles. Pilgern ist eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Von höchster Euphorie bis zu tiefster Trauer erlebt man alles. Das tägliche stundenlange Gehen, das Aushalten von Hitze, Regen, Strapazen, die Gespräche mit den Mitpilgerinnen und -pilgern, die Reduzierung der Bedürfnisse auf ein Minimum – von A nach B gehen, duschen, essen, schlafen – das macht etwas mit einem. Innere Knoten lösen sich, Blockaden bröckeln, Gedanken und Emotionen bahnen sich verschüttete oder neue Wege. Ich weiß nie, was mir unterwegs alles passieren wird. Jeder Pilgerweg ist im besten Sinne unberechenbar – die Summe aus schönen, traurigen, lustigen, melancholischen Momenten macht das Pilgern so einzigartig.

Welcher der vielen Jakobswege ist eigentlich Ihr Lieblingsweg?

Rabe: Die tausend Kilometer lange Vía de la Plata von Sevilla nach Santiago de Compostela. Sie führt durch ein ganz anderes, viel ländlicheres, abgelegeneres, manchmal auch raueres Spanien, als man es gemeinhin kennt. Gleichzeitig wartet sie mit tollen Städten auf wie Sevilla, Salamanca, Cáceres oder Zamora. Was das Pilgeraufkommen und die Infrastruktur betrifft, so erinnert sie mich bis heute an meinen ersten Jakobsweg vor über 20 Jahren.

Zum Schluss kommt immer die Rückkehr in den Alltag – worüber die meisten Pilgerberichte kein Wort mehr verlieren. Wie ist das, wenn die Reise vorbei ist und einen die Routine wieder einfängt?

Rabe: Die mittelalterlichen Pilgerinnen und Pilger mussten ja wieder zu Fuß nach Hause gehen und hatten reichlich Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Wir dagegen kehren meist mit dem Flugzeug binnen Stunden in unser normales Leben zurück. Wie hart die Rückkehr ist, hängt auch davon ab, was uns zu Hause erwartet. Ob und wie sehr uns die Arbeit gleich wieder in Beschlag nimmt. Wie das familiäre und soziale Umfeld ist. Ob uns die raue Wirklichkeit einer Großstadt umbrandet oder ob wir in einer eher idyllisch-ländlichen Gegend leben. Je mehr Zeit und Raum wir haben, umso leichter dürfte es fallen, unser Pilger-Ich oder zumindest Teile davon in unser „normales“ Leben mitzunehmen.

Und wann geht es bei Ihnen wieder los?

Rabe: Wenn alles gutgeht, möchte ich im Herbst wieder aufbrechen – zum Camino del Norte, der spanischen Nordroute des Jakobswegs. (Interview: Joachim Burghardt, MK-Redakteur)

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