Weihnachten in Deutschland

Ungewohnte Tradition des Schenkens

In Deutschland ist es selbstverständlich sich gegenseitig an Weihnachten zu beschenken. Menschen aus Taiwan und der Türkei erzählen, wie sie diesen Brauch erleben und wie das Schenken in ihrer Kultur gelebt wird.

Uie-Liang Liou verbindet mit Tee eine besondere Art des Schenkens. © SMB/Kelpe

Es ist alles vorbereitet: Auf dem Küchentisch stehen zwei Teekännchen, Teetassen und taiwanesisches Mangogebäck in orangenem Papier. Uie-Liang Liou gießt behutsam den Oolong-Tee in die gerade mal eierbechergroßen Tässchen. „Erst musst du riechen und dann trinken“, sagt sie und schließt die Augen, während sie den feinen Teegeruch einatmet.

Noch bevor wir unser eigentliches Gespräch beginnen, sind wir schon mitten im Thema: Schenken. In Taiwan, Uies Heimatland, drückt man mit Essen eine besondere Geste des Schenkens aus. „Essen, das ist Glück“, erzählt sie. Gerne bringt man dort bei Besuchen regionale Spezialitäten mit und verkostet diese gemeinsam.

Den anderen Wärme zeigen

Uie ist in den 90er-Jahren zum Studieren nach Deutschland gekommen, hat geheiratet und hier ihre neue Heimat gefunden. Lange hat sie in ihrem gelernten Beruf als Krankenschwester gearbeitet. Heute lebt sie in Ingolstadt, gibt Sprachkurse und schreibt Bücher. Für die mittlerweile 53-Jährige war die Tradition des Schenkens an Weihnachten anfangs ungewohnt: „Ich finde es auf der einen Seite sehr schön, dass man auf diese Weise den anderen Wärme zeigen kann. Aber auf der anderen Seite ist es auch wie ein Pflichtgefühl. Das finde ich komisch.“

Wenn die ganze Familie ihres Mannes an Weihnachten zusammenkam, bereitete ihr das oft Kopfzerbrechen, weil sie unsicher war, was sie jedem Einzelnen schenken sollte. „Ich wusste nicht, ob das, was ich gekauft hatte, gut oder schlecht war. Letztendlich haben sich alle höflich bedankt, aber ob es wirklich gefallen hat, weiß ich nicht“, sagt sie.

Auch für Aytaç Hünal (34), Maschinenbauingenieur aus der Türkei, war der weihnachtliche Brauch des Schenkens zunächst neu. „Die erste Weihnachtsfeier in einer deutschen Familie war für mich sehr interessant. Das war vor sieben Jahren in der Familie meiner Freundin. Ich hatte Geschenke für die Eltern gekauft, aber ich wusste nicht, dass man für jeden etwas kaufen musste“, erzählt er und ergänzt: „Das habe ich dann gelernt.“

Geschenke nur für Kinder

Jetzt lebt er in München und hat sich mittlerweile an die alljährliche Tradition gewöhnt. Neu ist diese für seinen Studienfreund Ibrahim Katilmis (33), der mit seiner Frau Büsra (30) vor drei Jahren von Istanbul nach München gezogen ist. Sie haben die Weihnachtskultur bislang nur auf den Christkindlmärkten miterleben können, aber dass Schenken an Weihnachten eine große Rolle spielt, sei im Dezember in der Stadt nicht zu übersehen. „Wir kommen aus einem muslimischen Land und haben zwei große Feiertage: das Zuckerfest, Seker Bayrami, und das Opferfest, Kurban Bayrami“, erklärt Ibrahim. „Da schenken wir nur Kindern etwas, wir kaufen ihnen neue Kleidung und geben ihnen Taschengeld. Als Erwachsene schenken wir uns an religiösen Festen nichts.“

Ähnlich ist es in Taiwan. Dort schenkt man am großen Neujahrsfest „Chunjie“ den Kindern Geld, das in rote Umschläge („Hong Bao“) gepackt wird. Die Farbe Rot bedeutet Glück, erklärt Uie. Indem man die Umschläge unter das Kopfkissen lege, begleiten die guten Wünsche die Kinder durch das ganze Jahr. Das Geld werde danach von den Eltern gut verwahrt oder angelegt.

Selbstgemachtes erfreut besonders

Das gefühlt verpflichtende Schenken an Weihnachten ist für alle etwas ungewohnt, aber sie finden den Brauch auch schön, denn im Grunde drückt das Schenken ja auch eine Art von Wertschätzung aus. Jemandem eine Freude bereiten und sich über ein Geschenk freuen, auch ohne Anlass, das ist in jeder Kultur gleich. „Wenn jemand mir etwas schenkt, zeigt es, dass diese Person an mich denkt. Besonders wenn es selbst gemacht ist, ist das sehr wertvoll für mich“, sagt Aytaç. Sein Freund Ibrahim schließt sich dem an: „Damit kann man zeigen, dass man einen Freund oder seine Familie gern hat.“

Ein besonders schönes Erlebnis für Uie war, als eine Nichte an Weihnachten einmal selbstgemachte Karten und Lesezeichen mit chinesischen Glücksbotschaften verschenkte: „Das hat mich sehr gefreut. Das zeigt, dass sie sich Mühe gemacht hat und etwas über meine Kultur gelernt hat. Das finde ich toll.“In der kleinen Küche von Uie kocht wieder der Wasserkessel, mit dem sie neuen Tee aufgießt. Diesmal schnuppere ich, bevor ich einen kleinen Schluck trinke. „Tee ist etwas sehr Besonderes in Taiwan, auch als Geschenk“, erzählt sie dann, „während du ihn trinkst, denkst du an die Person, die ihn dir geschenkt hat.“ (Eileen Kelpe, Volontärin beim Sankt Michaelsbund)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Advent & Weihnachten