Impuls von Max Kronawitter

Sich von Gott überraschen lassen

Das Leben ist immer für Überraschungen gut, betont Max Kronawitter. Für die Jünger Jesu war der Karfreitag eine Katastrophe. Was keiner für möglich hielt, ereignete sich: Der Tote wurde lebendig.

Gläubige schlössen nicht aus, von Gott überrascht zu werden, meint Max Kronawitter. Sollte seine Wetter-App wieder mal eine hundertprozentige Regenwahrscheinlichkeit prognostizieren, hoffe er daher dennoch, dass die Sonne für einige Augenblicke vom Himmel lache.

Wie er wohl wird dieser Sommer? Auch so heiß und sonnig wie der vergangene? 2018 war ja ein wahres Sommermärchen. Manche haben sich sogar geärgert, dass sie einen teuren Flug in den Süden gebucht haben, obwohl man auch hierzulande ungewöhnlich viele laue Sommerabende verbringen konnte. Wenn man’s nur wüsste!

Wetter-Propheten in der Hosentasche

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Mensch auch das Wetter machen kann? In einigen Ländern gibt es ja bereits mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, den Regen etwa bei Militärparaden zu verhindern. Mögen solche Vorstöße auch zweifelhaft sein, zumindest in einem Punkt hat das Wetter seinen Schrecken verloren: Überraschen kann es uns kaum noch. Die Vorhersagen werden nicht nur stets präziser, mit Satellitenbildern und Wetterradar lässt sich in Echtzeit sogar verfolgen, wo sich gerade ein Gewitter zusammenbraut. Und dann gibt es natürlich noch die unzähligen Wetter-Apps, wahre Wetter-Propheten in der Hosentasche. Manche davon listen bereits die Sonnenscheindauer in drei Wochen auf.

Der Besitzer eines Golfplatzes hat mir kürzlich erzählt, dass für ihn Wetter-Apps die schlimmste Erfindung seit der Atombombe seien. Auf meine Nachfrage meinte er, es komme immer wieder vor, dass die Sonne scheine und der Platz dennoch von niemanden bespielt werde, nur weil Wetter-Apps Regen vorausgesagt hätten, der dann aber doch nicht gekommen sei. Früher, meinte er, hätten die Leute es drauf ankommen lassen. Heute meinen sie, genau zu wissen, wie das Wetter wird.

Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher. © privat

Das Leben ist immer für Überraschungen gut

Mir zeigt die Erfahrung des Golfplatzbesitzers, dass man sich die Skepsis, dass es doch anders kommen könnte, bewahren sollte. Mögen Prognosen, Untersuchungen, Voraussagen noch so exakt sein, es könnte auch anders werden: Wie viele Menschen haben schon überlebt, obwohl ihnen Ärzte gesagt haben, dass ihre letzten Monate angebrochen seien? Wie viele haben erreicht, was andere als völlig chancenlos bezeichnet haben? Auch mein Deutschlehrer hat mir prognostiziert, dass ich nie der schreibenden Zunft angehören werde. Das Leben ist immer für Überraschungen gut.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“ lautet ein beliebtes Sprichwort, das ich eigentlich für Unsinn halte. Die Hoffnung kann zwar verloren gehen, sterben kann sie nicht. Es gehört zu ihrem Wesen, dort an das Licht zu glauben, wo nur noch Finsternis herrscht. Auch für die Jünger Jesu war der Karfreitag die Katastrophe ihres Lebens, der Punkt Null, die tiefste Dunkelheit. Was keiner für möglich hielt, weil es jeder menschlichen Erfahrung widersprach, ereignete sich: Der Tote wurde lebendig, der Vernichtete richtete alles wieder auf. Das Wunder schlechthin wurde zum Ereignis.

Vielleicht ist es das, was Gläubige von anderen unterscheidet: Wir schließen nicht aus, von Gott überrascht zu werden. Wir geben dem Wunder eine Chance. Sollte meine Wetter-App wieder mal eine hundertprozentige Regenwahrscheinlichkeit prognostizieren, dann hoffe ich dennoch, dass die Sonne für einige Augenblicke vom Himmel lacht.