Missbrauchsakten gehen an Staatsanwaltschaften

Schmerzhafte Wundreinigung

Der Schritt tut weh, ist aber unvermeidlich. Dass alle bayerischen Oberhirten das erkannt haben, verdient Respekt.

EIn Papier wie Dynamit: Die von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie. Eine Konsequenz daraus: die bayerischen Oberhirten übergeben größere Aktenbestände an die Staatsanwaltschaft.

Jetzt werden also in den sieben bayerischen Bistümern noch einmal die Akten gewälzt. Und es wird wieder wehtun. Denn die Bischöfe im Freistaat halten dadurch eine Wunde offen: den sexuellen Missbrauch durch Geistliche. In bemerkenswerter Eintracht stellen sie den Staatsanwaltschaften Dokumente und Personalbögen zur Verfügung. Die können nun überprüfen, ob in einigen Fällen noch eine Strafverfolgung aufgenommen werden muss. Die Diözesen verfahren dabei unterschiedlich: Das Bistum Eichstätt stellt offenbar pauschal alle Akten zur Verfügung, die in die Missbrauchsstudie vom Herbst 2018 eingeflossen sind. Das Erzbistum München und Freising gibt dagegen in anonymisierte Bögen noch nicht angezeigte Fälle weiter. Die Behörden prüfen dann, ob sie eine Strafverfolgung einleiten und auch Namen genannt werden müssen.

Bischöfe haben den Schuss gehört

Es gibt wohl unterschiedliche Einschätzungen über die Persönlichkeitsrechte von Tätern, Verdächtigen wie Betroffenen, die sich in der Tat gegen eine Weitergabe geschützter Daten wehren können. Das ist ein weites und auch juristisch schwieriges Feld. Dennoch macht die Kooperation mit den staatlichen Behörden eines deutlich: Die bayerischen Bischöfe haben die Dringlichkeit erkannt, die durch die Missbrauchsfälle geschlagene Wunde nicht oberflächlich zuheilen zu lassen. Denn sie wissen genau, unter dem Schorf würde sie weiter schwären und nach einiger Zeit mit viel gefährlicheren Folgen wieder aufbrechen. Das lehrt die Erfahrung der vergangenen Jahre. Wie oft haben die Verantwortlichen in den Ordinariaten aber auch die Gläubigen darauf vertraut, dass mit der Verurteilung bei offensichtlichen Verbrechen die Vorwürfe insgesamt erledigt seien.

Kirche braucht Hilfe von außen
Die Missbrauchsstudie hat aber ergeben, dass die Bistumsleitungen oft der Meinung waren, den staatlichen Behörden keine Rechenschaft schuldig zu sein. „Das regeln wir schon selbst“, lautete oft genug die Devise. Die Täter und Verdächtigen sollten in erster Linie nicht das Ansehen der Kirche beschädigen. Wurde etwas ruchbar gab es keinen umfassenden Krisenplan. Die deutschen Bischöfe haben es auf ihrer Herbstvollversammlung selbst gesagt, dass sie hier umdenken und sich auch von staatlicher Seite helfen lassen müssen. Die bayerischen Oberhirten setzen das jetzt in die Tat um. Und das für kirchliche Verhältnisse ungewöhnlich schnell. Das gibt Hoffnung. Denn bei vielen anderen theologischen und gesellschaftlichen Themen sind die bayerischen Bischöfe oft gegensätzlicher Ansicht. Doch in der Frage nach den Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie sind sie sich offenbar einig. Es gibt niemanden, der den Schuss nicht gehört hätte und nicht wüsste, dass hier neue Wege gegangen werden müssen.
Kein Staat im Staate

Das bedeutet auch ein Stück des kirchlichen Selbstverständnisses aufzugeben: Sie kann kein Staat im Staate sein, muss sich der juristischen Verantwortung und ihrer Verantwortung gegenüber den Behörden stellen. Dabei treten persönliche aber auch institutionelle Fehler zutage, die weh tun. Das Bild der Kirche als perfekter Gesellschaft, der Societas perfecta, wird da infrage gestellt. Wenn aber solche Fehler und Verbrechen nur durch die Anstrengungen der Justiz und der Medien zutage treten, dann ist der Schaden und der Vertrauenslust ungleich größer. Die bayerischen Bischöfe verdienen also Respekt dafür, hier umzudenken und sich zu bewegen. Nur so können sie die schwer beschädigte Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherstellen. Die ist diesen Zeiten großer Umbrüche wichtiger denn je. Die Gesellschaft braucht eine religiöse und moralische Instanz, die von der Hoffnung auf Gott Zeugnis ablegen kann. Wie sollte das einer Kirche gelingen, die ihre schuldhaften Verstrickungen nicht eingesteht. Dazu muss sie auch Wunden bewusst offenhalten, damit sie gründlich gereinigt werden können, um danach langsam heilen zu können.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

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Kommentar zur Entscheidung der bayrischen Bischöfe im Münchner Kirchenradio

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch