Gotteserfahrung durch Promille

Rausch und Religion in der Antike und heute

Altertumsexperte Christian Gliwitzky, stellvertretender Direktor der Münchner Glyptothek und der Staatlichen Antikensammlung, erzählt im Interview über den Rausch als religiösen Geisteszustand in der Antike und die Bedeutung für den Glauben heute.

Archäologe und Altphilologe Christian Gliwitzky hat fast täglich mit betrunkenen Satyrn zu tun. Der weltberühmte Barberinische Faun ist einer von ihnen. © Kiderle

mk online: Heutzutage wird der „Rausch“ oft misstrauisch betrachtet und schnell mit Suchtgefahr in Verbindung gebracht. Dabei steht er auch mit der Religion in engster Verbindung, wie bei den alten Griechen. Plakativ gesagt: Je höher die Promille, desto größer die Gotteserfahrung. Wie hat sich der Blick auf den Rausch seit der Antike verändert?

Christian Gliwitzky: Wir haben heute einen völlig anderen Begriff vom Menschen und davon, wie viel Selbstkontrolle ein Mensch behalten muss. Zwar hat sich auch die Antike vorgestellt, dass der Mensch aus Körper und Geist zusammengesetzt ist und der Geist regiert über den Leib. Die Griechen stellten sich aber die Frage: Was passiert da, wenn jemand berauscht ist und die Kontrolle über sich verliert? Wir würden sagen, das ist halt der Alkohol, aber für die Griechen reicht eine solche Begründung nicht aus. Denn für sie ist der Mensch ein personales Wesen, von einem Ding ohne Geist kann er nicht beherrscht werden. Also muss es ein höheres Wesen sein, das im Rausch in ihn hineinfährt und das Kommando übernimmt. Und das ist der Gott, in diesem Fall der Weingott Dionysos. Darum ist es auch etwas Göttliches, wenn der Mensch im Rausch ist. Da ist der Gott in ihm, was der griechische Begriff enthusiastisch ja dem Wortsinn nach bedeutet.

Der Wein ist das Medium, über den die Gottheit in den Menschen eindringt…

Gliwitzky: Die Griechen gehen teilweise sogar weiter. Homer schreibt häufig, dass seine Helden nicht Wein, Oinon, trinken, sondern Dionyson, also den Gott selbst. Sie sind also deckungsgleich. Darum ist das Weintrinken nicht nur ein Medium, sondern eine direkte göttliche Einflussnahme.

Gehört für das antike Denken der Rausch zum Menschsein und zur Religion dazu?

Gliwitzky: Für die Griechen ist die Grenzüberschreitung im Rausch etwas Zentrales. Zum Menschen gehört die Ekstase, was, wieder im Wortsinn, bedeutet, dass er außer sich stehen kann. Er überschreitet sich selbst und wünscht sich, dass die Gottheit über ihn Kontrolle gewinnt. Ich würde sogar sagen, dass das nicht nur für die Griechen, sondern für alle religiösen Kulturen gilt. Die Grenzüberschreitung, das Außer-sich-Stehen, die Ekstase gehört zum Menschsein dazu. Im Christentum ist das ja auch stark, wenn Sie etwa an die Mystiker und Mystikerinnen im Mittelalter denken.

Und der Rausch kann ein körperlicher Ausdruck und Zustand dafür sein, dass der Mensch nach Gott verlangt oder bei ihm ist?

Gliwitzky: Nun hat natürlich auch die Antike gesehen, dass es bei Rauschmitteln negative Begleiterscheinungen gibt, wenn sie sich aus ihren gesellschaftlichen und kultischen Zusammenhängen lösen und zur Sucht und körperlichen Verfall führen. Aber grundsätzlich würde ein Grieche diese Frage mit „ja“ beantworten. Der Rausch ist religiös statthaft und notwendig, zumindest für die, die damit „umgehen“ können.

Wie haben die Menschen der Antike, dann den Rausch reguliert, damit sie mit ihm „umgehen“ konnten?

Gliwitzky: Es gibt religiöse Handlungen wie die Mysterienkulte, in denen das Weintrinken in Zeremonien eingebunden ist. Wir dürfen uns das aber auch nicht zu hehr vorstellen. Diese Kulte hatten das Ziel im Rausch zu enden, aber es musste religiös oder geistig, wie bei den berühmten Symposien bei Plato, legitimiert sein. Der Konsum und die Promillezahl ließen sich etwas steuern, je nachdem wie viel Wasser dem Wein beigemischt war, eine in der Antike absolut übliche Praxis. Den Wein pur zu trinken, war unschicklich. Dass aber ein Lebensbereich nur profan, also irdisch ist, das kennt die Antike nicht, und ebenso ist das Weingelage in einen Kult, in Riten eingebunden. Wichtig ist, dass Rauschkulte nicht jeden Tag wiederholt werden, sondern nur zu bestimmten Zeiten. Sie sind öffentlich oder zumindest halböffentlich, der Rausch ist keine Privatangelegenheit, so wie wir das heute sehen.

Nun ist der Wein unentbehrlicher Teil des katholischen Messopfers, der Eucharistie. Im katholischen Verständnis wird da viel mehr als nur ein festliches Getränk genossen: der Priester und die Gläubigen nehmen bei der Kelchkommunion nicht nur einen Riesling oder einen Weißburgunder zu sich, sondern sie nehmen damit Christus in sich auf. Ist da das Christentum von heidnischen Kulten inspiriert?

Gliwitzky: Das Christentum stammt aus dem antiken Kontext und ist davon auch geformt worden. Es war eine weit verbreitete Praxis, Wein als Trankopfer darzubringen. Die Menschen haben ihn auf den Boden gegossen, damit vor allem die Götter der Unterwelt etwas davon erwischten, weil mit denen wollte es sich keiner verderben. Wenn der Wein in die Erde dringt, dann muss er bei diesen Gottheiten ankommen, da dachte die antike Religion ganz handfest und praktisch.

Auch in einer anderen Hinsicht: Das Opfer war ein Tauschgeschäft: Ich gebe dem Gott, damit er mir etwas wiedergibt, also damit er nicht etwa die Weinlese verhagelt, sondern einen guten Jahrgang wachsen lässt. Dass sich der Gott selbst opfert, um dem Menschen etwas zu geben oder sie zu erlösen, ist dagegen völlig undenkbar. Das ist bestimmt ein entscheidender Unterschied zum Christentum und zum Messopfer oder der Feier des Abendmahls. Es existiert eine große Grenze zwischen Jesus Christus und Dionysos, die Bedeutungsverschiebungen in der Antike sind gewaltig. Trotzdem lebten Christen und Nichtchristen in derselben Umwelt, derselben Gesellschaft und haben gegenseitig ihre Gedankenwelt geteilt. Das schlägt sich in der christlichen Liturgie und Theologie nieder, antikes wird darin weitergetragen und fortgeführt.

Weinrausch im Gottesdienst erscheint dem aufgeklärten und vernünftigen Europäer als befremdlich. Trotzdem: kann der Zeitgenosse von heute etwas vom antiken Verhältnis zu Rausch und Religion lernen?

Gliwitzky: Das ist kompliziert: Antike Kulte lassen sich schlecht einfach als Vorbild nehmen, weil sie eben in eine andere Kultur eingebettet waren. Aber es ist schon interessant, dass antike Menschen im religiösen Rausch die Herrschaft über sich selbst ablegen wollten, um die Gottheit in sich zu spüren und an sie an sich heranzulassen. Moderne Menschen wollen dagegen jederzeit die Kontrolle behalten. Vielleicht fordert Religion aber gerade, dass ich nicht immer Herr über alles bin, nicht ständig selbstbestimmt entscheide und abwäge. Vielleicht verlangt Religion, dass ich mich immer wieder einem Geheimnis hingebe und nicht nur in mir selbst stehe, sondern wenigstens ab und zu ekstatisch bin, das Andere und Fremde des Göttlichen aufnehme.

Wir pflegen oft so einen etwas buchhalterischen Umgang mit dem Glauben, schauen auf moralische und finanzielle Beiträge, die wir leisten wollen oder auch nicht. Aber dieses Hingerissensein von der Religion, das Enthusiastische, das die Antike gekannt und gepflegt hat, das wäre etwas, über das auch Menschen von heute einmal nachdenken könnten. Vielleicht fehlt da ja etwas.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de