Mit Schutzanzug, Telefon und Ideen

Pfarrer Lerch ist Klinikseelsorger in Coronazeiten

Der pastorale Alltag von Daniel Lerch hat sich verändert. Zu vielen Patienten kann der Seelsorger aus Sicherheitsgründen keinen direkten Kontakt pflegen.

Klinikseelsorger Daniel Lerch mit Mundschutz © SMB/Bierl

München – Wenn Daniel Lerch morgens zur Arbeit und am Abend wieder nachhause geht, trägt er auf der Straße ganz selbstverständlich einen Mundschutz. Der Sicherheitsabstand von zwei Metern ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, er fasst möglichst wenig Türklinken an und wäscht sich unzählige Male die Hände. Der 46jährige Pfarrer ist Seelsorger an den Kliniken in der Münchner Innenstadt und versucht jede Ansteckungsgefahr zu vermeiden. Ebenso hat sich sein pastoraler Alltag im Klinikum verändert. „Auch zu den Patienten die nicht an Corona erkrankt sind kommen wir persönlich nur noch auf dringende Anfrage, denn natürlich müssen auch wir die Kontakte gering halten“. Ein herzlicher Händedruck mit einem Kranken kommt nicht in Frage. „Trotzdem ist der Bedarf an Kommunikation und Gespräch enorm gestiegen“, berichtet der Geistliche. „Viele Patienten sind massiv vereinsamt, stellen Sie sich vor, Sie liegen drei Wochen im Krankenhaus und haben keinen einzigen Besuch bekommen.“

Krankenseelsorge übers Telefon

An den Eingängen der Universitätsklinik steht Sicherheitspersonal und kontrolliert, dass nur Mitarbeiter ins Haus kommen, die strikt alle Hygienevorschriften einhalten müssen. Angehörige dürfen in Ausnahmefällen ins Klinikum, etwa wenn ein Patient mit dem Leben ringt, das gilt aber nicht automatisch bei Corona-Infizierten. Und die Seelsorger müssen sich etwas einfallen lassen, wie sie den Hunger nach einer freundlichen Geste, einem guten Wort oder einem Ohr stillen können. „Einem Patienten der im Sterben liegt, kann ich zurzeit nicht einmal über den Handrücken streichen.“ Berührungen, die für Schwerstkranke oft eine große Bedeutung haben und zum Abschiednehmen dazu gehören. Pfarrer Lerch ist dennoch „erstaunt, wie viel Krankenseelsorge über das Telefon oder Messengerdienste möglich ist, wie viel sich da schreiben lässt.“ Auf diesen Wegen ist er den Kranken dann doch wieder nah.

Bei schwerkranken Coronapatienten spendet er auch die Krankensalbung, aber nur im Schutzanzug. Vor einigen Tagen haben ihn die Tochter und das Enkelkind eines Covid 19-Erkrankten gebeten, dabei das Fenster des Krankenzimmers zu öffnen. Sie selbst haben außerhalb der Klinik auf der gegenüberliegenden Straßenseite gewartet und dort mit stillen Gebeten diesen Moment begleitet. Ob Angehörige sich von einem Corona-Toten direkt verabschieden dürfen, entscheidet der behandelnde Arzt, erklärt Pfarrer Lerch. Und er hat Verständnis dafür: denn dafür wird ebenfalls wieder ein Schutzanzug gebraucht und die sind ein knappes und darum kostbares Gut.

Abschiednehmen per Videochat

Zudem besteht die Gefahr einer Infektion, wenn Ungeübte den Schutzanzug wieder ausziehen. Klinikseelsorger bekommen dafür eigene Kurse, um das An- und Ablegen richtig durchzuführen. Alleine die Hände müssen sie beim Herausschlüpfen fünfmal mit besonders wirksamem Desinfektionsmittel reinigen. Der Seelsorger hat ein gesetzlich verankertes Zutrittsrecht zum Verstorbenen, wenn Angehörige das wünschen. Pfarrer Lerch will deshalb Hinterbliebenen von Corona-Toten anbieten, „im Sterbezimmer ein Gebet zu sprechen und das per Videochat mit dem Smartphone zu übertragen.“ Die Angehörigen könnten so dem Verstorbenen wenigstens auf diesem Weg noch ein paar Worte sagen, ihn noch einmal sehen und die Aufzeichnung in der Familie oder an Freunde weitergeben.

Klinikpersonal braucht auch Seelsorger

In Bayern sind bis zum Ende der Pandemie „offene Aufbahrungen untersagt“, teilt der Bundesverband Deutscher Bestatter auf seiner Internetseite mit: „Die Teilnehmerzahl beträgt exklusive der Bestattungsmitarbeiter und ggf. des Geistlichen oder eines Vertreters der Glaubensgemeinschaft möglichst höchstens 10, maximal jedoch 15 Personen.“ Mit seinem digitalen Angebot hofft Pfarrer Lerch den Hinterbliebenen wenigstens ein bisschen, das Trauern zu erleichtern und das Fehlen gewohnter Rituale abzumildern.

Es sind aber nicht allein die Hinterbliebenen, denen der Abschied von einem Infizierten und der Umgang mit der akuten Corona-Krise schwerfällt. „Ich habe noch nie so viel mit Schwestern und Ärzten gesprochen wie zurzeit“, berichtet Pfarrer Lerch. „Wenn jemand einen schweren Coronaverlauf begleitet hat oder einen Sterbenden in der augenblicklichen Extremsituation gepflegt hat, dann braucht der einen, der ihm zuhört.“ Die rund 80 Klinikseelsorger und –seelsorgerinnen im Erzbistum hätten das Klinikpersonal in ihrer Arbeit genauso im Blick wie die Patienten. Und bei diesem Dienst für Kranke und Pfleger, „geht es nicht darum, dass wir irgendetwas machen, sondern das wir die Situation mit aushalten, da sind zuhören und Verständnis für die innere Not haben.“ Das ist für Pfarrer Lerch der Kern seiner Arbeit, gerade jetzt, wo die Corona-Krise den Alltag in einer Klinik auf den Kopf stellt.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie