Podiumsdiskussion in München

Missbrauch: Aufarbeitung und Kirchenreform im Blick

Ein Jahr nach der Vorstellung des Münchner Missbrauchsgutachtens hat in München eine Podiumsdiskussion zu dem Thema stattgefunden. Ein Betroffener erzählte, welch große Bürde es sei und wie viel Kraft es koste, immer wieder über den Missbrauch sprechen zu müssen.

Über Aufarbeitung und Reformbemühungen in der katholischen Kirche diskutierten (von links) der Vizepräsident des Synodalen Weges, Professor Thomas Söding (zugeschaltet), Kardinal Reinhard Marx, die SPD-Landtagsabgeordnete Doris Rauscher, die Geistliche Verbandsleiterin des BDKJ Bayern Maria-Theresia Kölbl und Kai Christian Moritz vom Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz. Claudia Pfrang (rechts) moderierte. © Kiderle

München – Die Sitzordnung auf dem Podium in der Katholischen Akademie hatte für Kai Christian Moritz, einen der Sprecher des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz, symbolische Bedeutung: „Die Entfernung, in der ich als Betroffener zum Kardinal sitze, spiegelt den Abstand wider, den Betroffene zur amtlich verfassten Kirche immer wieder wahrnehmen“, sagte er bei einer Diskussion, die fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Veröffentlichung des zweiten externen Gutachtens zu sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising stattfand.

Sie war überschrieben mit der Frage: „Von Aufarbeitung und Reformbemühungen – Was haben die Kirche und ihre Verantwortlichen für die Zukunft gelernt?“ Eingeladen hatte die Domberg-Akademie in Freising, deren Direktorin Claudia Pfrang den Abend moderierte. Gut 100 Zuhörer waren gekommen, rund 230 hatten sich für den Livestream angemeldet.

Mut und Bereitschaft der Betroffenen

Der Angesprochene, Kardinal Reinhard Marx, hatte eingangs allen Missbrauchsbetroffenen gedankt, „dass sie geredet haben und weiter reden“. Der Mut und die Bereitschaft der Betroffenen, Erlebtes zu thematisieren, sei unabdingbar für die Fortschritte, die im Bereich der Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch im kirchlichen Bereich bislang erzielt worden seien und weiter erzielt werden müssten. Moritz stellte klar, dass es für die Betroffenen neben der Befreiung, darüber reden zu können, auch eine große Bürde sei, das tun zu müssen, die immer wieder viel Kraft verlange.

Zudem betonte der Schauspieler und Sänger, dass die Missbrauchsbetroffenen keine einheitliche Gruppe seien, sondern „individuelle Persönlichkeiten, die schweres Leid in ihrem Leben erfahren haben und damit weiterleben oder überlebt haben“. Dazu gehörten Personen, denen auch eine spirituelle Aufarbeitung wichtig sei, ebenso wie Menschen, denen ihr Glaube genommen oder zerstört worden sei und die – wie es Rolf Fahnenbruck, der Sprecher des Betroffenenbeirats im Bistum Passau, in der anschließenden Fragerunde formulierte – „einfach mit der Kirche nichts mehr zu tun haben“ wollten.

Vorbildrolle des Erzbistums

Kardinal Marx räumte ein, dass es für ihn schwierig sei, wenn jemand sage, mit dem Bischof wolle er gar nichts mehr zu tun haben. Ansonsten wurde dem Erzbistum in Sachen Missbrauchsaufarbeitung aber ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt. Sie glaube, dass München und Freising für andere Erzdiözesen eine „große Vorbildrolle“ einnehmen könne, sagte etwa die Sozial- und Familienpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Doris Rauscher. Und der per Video aus dem Bistum Essen zugeschaltete Neutestamentler Professor Thomas Söding gestand: „Wir schauen auch nach München.“ Gebraucht würden „Bistümer, die vorangehen“. „Warum soll München nicht ein Vorzeigebistum sein?“, fragte der Vizepräsident des Synodalen Weges. „Ein Bistum, das zeigt, wie man auf katholische Weise synodal sein kann, und zwar nachhaltig?“

Den Laden zusammenhalten

Für Kardinal Marx ist eine „synodale Art“ – auch über den Synodalen Weg in Deutschland hinaus – die „einzige Art, Einmütigkeit im Voranschreiten zu ermöglichen“. Er könne sich auch vorstellen, „dass ich jedes Jahr vor dem Diözesanrat oder einer Synodalversammlung im Erzbistum einen Rechenschaftsbericht abgebe“. Weitere partizipative Elemente halte er ebenfalls „nicht für unkatholisch oder unmöglich in der katholischen Kirche“, unterstrich der Münchner Erzbischof. „Jedenfalls halte ich viel mehr für möglich, als im Augenblick von manchen behauptet wird.“ Er müsse jedoch auch darauf achten, „dass bei allem Voranschreiten der Laden zusammenbleibt“. Das gelinge nur, wenn man sich auf die christliche Sendung zurückbesinne: „Es braucht dieses Element der Kontinuität, auch der Erinnerung, dass wir nicht selber unser Programm bestimmen, sondern das uns das vorgegeben ist vom Evangelium.“

Die Geistliche Verbandsleiterin des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Bayern, Maria-Theresia Kölbl, drängte zur Eile: „Wenn man bei einem Weg spürt, dass Menschen, die eigentlich vorausgehen sollten, immer wieder stehen bleiben, dann hat man bald keine Lust mehr, diesen Weg mitzugehen.“ Wenn nicht bald etwas passiere, würden viele, die gute Erfahrungen mit der Kirche gemacht hätten, aufgeben und diese verlassen.

"Missbrauch ist Mord an einer Kinderseele"

Mehr Tempo forderten mehrere Podiumsteilnehmer auch von der Bayerischen Staatsregierung. Ein unab-hängiger Missbrauchsbeauftragter auf Landesebene könnte nach Ansicht von Kardinal Marx „mit dafür sorgen, dass die Dinge vorangetrieben werden“. „Das wäre ganz in unserem Sinne“, bekräftigte der Erzbischof. „Ich versteh’s nicht ganz, warum die Sozialministerin sagt, es gäbe schon genug Anlaufstellen“, pflichtete ihm die Oppositionsabgeordnete Rauscher bei. Der selbst von Missbrauch betroffene Moritz plädierte dafür, sich nicht nur auf eine Anlaufstelle zu fokussieren. Er verlangte vom Gesetzgeber eine Abschaffung der Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch: „Für mich ist sexueller Missbrauch Mord an einer Kinderseele. Und Mord verjährt in unserem Land nicht“, sagte er. Die Zuhörer unterstützten dieses Anliegen mit Beifall.

„Ich kann das nur unterstreichen“, bestärkte ihn auch Kardinal Marx. „Zwölf Jahre haben wir eine Diskussion, aber die rechtlichen Dinge hinken da nach.“ Inhaltlich war der Abstand zwischen den beiden also deutlicher geringer als auf dem Podium.

Die Autorin
Karin Hammermaier
Münchner Kirchenzeitung
k.hammermaier@st-michaelsbund.de