Gönül Yerli vom Islamischen Forum Penzberg

"Manchmal wünschte ich mir einen Papst..."

Wie geht es Muslimen in Bayern nach den Terroranschlägen in Paris? Wir haben bei Gönül Yerli, der 2. Direktorin des Islamischen Forums Penzberg nachgefragt.

Gönül Yerli ist zweite Vorsitzende des Islamischen Forums Penzberg (Bild: Islamisches Forum Penzberg)

mkn: Nach den Anschlägen von Paris steht der Islam wieder stark in der Kritik, es werden Generalverurteilungen ausgesprochenen. Haben Sie den Eindruck, dass in der deutschen Öffentlichkeit alle Muslime in einen Topf geworfen werden und wenn dem so ist, wie reagieren Sie darauf?

Yerli: Diese Frage ist gerade schwierig zu beantworten. Ich denke man hat als Muslim gerade eine einseitige Wahrnehmung und die Wahrnehmung ist tatsächlich die, dass man denkt „Oh Gott, Oh Gott, ich bin Muslim und ich gehöre jetzt zu all dem was in der Welt an schrecklichen Dingen passiert". Aber dass dem nicht so ist, das muss man sich tatsächlich immer wieder bewusst machen. Das finde ich sehr traurig.

mkn: Wenn Sie an das denken, was vor zwei Wochen in Paris geschehen ist. Was sind ihre Gefühl was die Zukunft angeht?

Yerli: Es ist eine Angst da, die ich gar nicht beschreiben kann. Es ist so ein müdes Gefühl, es ist so eine Ohnmacht da. Ich habe gedacht, das passiert nur mit mir, wenn ich dann aber mit Freunden telefoniere oder spreche, sagen sie mir, dass sie ähnliche Emotionen haben.

mkn: Gab es auch bei Ihnen schon Menschen, die in die Moschee gekommen sind und sehr radikal aufgetreten sind?

Yerli: Also ich würde nicht sagen, dass radikale Muslime gekommen sind, aber hitzige Diskussionen gab es schon und wird es auch in der Zukunft geben. Das heißt aber auch, dass wir uns über bestimmte Gedanken austauschen können, sobald aber Menschen rassistisch und gewalttätig auftreten, bekommen sie in unserem Haus auch ein Hausverbot. Das sind Vereinbarungen, die wir im Vorstand eindeutig getroffen haben.

mkn: Sie sind islamische Religionspädagogin und haben viel mit Jugendlichen zu tun. Wie sehen denn gerade junge Menschen die Situation?

Yerli: Ja, ganz unterschiedlich. Natürlich kommt es auf das Alter an, welche Bildung die Jugendlichen haben und in welchem Elternhaus sie groß geworden sind. Wir als Gemeinde sehen unseren Auftrag darin, dass wir sie gerade zu solchen Themen auffangen, dass wir darüber sprechen und debattieren, dass die Jugendlichen eine Plattform haben über alles sprechen zu dürfen, was sie gerade beschäftigt, sie sich aber vielleicht auch nicht auszusprechen trauen. Natürlich fragen wir auch zurück, warum sie so denken. In der Gemeinde in Penzberg haben wir seit einem Jahr auch einen jungen Imam. Das ist ein junge Theologe im Alter von 25 Jahren, der auch sehr gut deutsch spricht, was die Sprache auch unserer Jugendlichen ist. Er kann die jungen Menschen an die Hand nehmen und ihnen auch theologisch zur Seite stehen.

mkn: Hier bei uns weiß man ja immer noch erstaunlich wenig darüber, was im Koran steht. Wir Katholiken haben den Papst und der sagt, wo es lang geht. Wie ist das bei den Muslimen – gibt es da einen Ansprechpartner?

Yerli: Oh ja, manchmal wünschte ich mir einen Papst, der mal klare Worte spricht. Ich glaube, das ist die große Schwierigkeit, dass es „den Islam“ so nicht gibt. Der Islam ist eine vielfältige, eine plurale Strömung von Meinungen und auch Rechtsmeinungen und das war der Islam schon von jeher. Was uns, glaube ich, fehlt, das sind tatsächlich die Gallionsfiguren. Das heißt Muslime in Deutschland, die auch deutschsprachig sind, die für die Muslime hier in Deutschland sprechen. Das ist ein großes Defizit, das wir haben. Natürlich habe wir immer mal wieder auch Muslime, die zum Beispiel in den Talkshows auftreten, aber dann wieder nicht für alle Muslime sprechen, das ist auch ein politisches Dilemma, aber in diesem Punkt würde ich mir viel mehr Engagement auch von der muslimischen Seite wünschen.

Das Interview führte Ursula Trischeler, Radioredakteurin des Sankt Michalesbunds