Geweiht und verheiratet

Lorenz Wachinger begeht Priesterjubiläum als Ehemann

Vor 60 Jahren wird Lorenz Wachinger zum Priester geweiht. Einige Jahre später lernt er seine heutige Frau kennen. Da er das Zölibat bricht, kann er nicht länger als Priester tätig sein. Ein Gegner des Zölibats ist er deshalb aber nicht.

Lorenz Wachinger hat die Priesterweihe empfangen und ist seit über 50 Jahren mit seiner Frau Barbara verheiratet. © SMB/Bierl

Ein junger Mann im Chorrock, mit gefalteten Händen, geneigtem Haupt und entschlossenen Gesichtszügen. Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt den damals 25-jährigen Lorenz Wachinger am 2. Juli 1961 bei seiner Primiz. „Ich war ganz ernst und überzeugt bei der Sache, aber heute denke ich mir, was für ein naiver Bub!“ Der angehende Kaplan freute sich auf seinen Beruf: „Aber vom Leben hatte ich wenig Ahnung, weil ich im Knaben- und Priesterseminar, also in einem Treibhaus aufgewachsen war.“

Lorenz Wachinger denkt in diesem Jahr viel an sein diamantenes Weihejubiläum – als verheirateter Mann. Denn 1968, bei den letzten Prüfungen zu ihrer beider Promotion, ist er seiner späteren Frau Barbara begegnet: „Ich habe nie heiraten wollen, sondern einen Beruf haben, autonom sein“, erinnert diese sich. „Und dann kam da einer, mit dem ich mir das auf einmal vorstellen konnte.“ Nur war der eben Priester. Auf Heimlichkeiten wollte sich Barbara Wachinger keinesfalls einlassen. „Und das habe ich an Lorenz sehr gemocht: dass er keine Angst hatte, sich mit mir öffentlich zu zeigen.“ Sie kannte genug Priester, die ihre Liebesverhältnisse geheim hielten. Vor allem die Frauen bezahlen dafür oft bis heute einen hohen Preis.

„So, als hätte es mich als Priester nie gegeben“

1970 heirateten die beiden. Papst Paul VI. entsprach Lorenz Wachingers Gesuch um Dispens vom Zölibat, der „Laisierung“, wie es umgangssprachlich heißt. In gewisser Weise ist er danach Seelsorger geblieben. Er ist Diplom-Psychologe geworden, hat als Autor, Eheberater und Psychotherapeut gearbeitet, war für Vorträge und Schulungs-Kurse von zahlreichen Diözesen und kirchlichen Stellen gefragt, übrigens auch als langjähriger Ratgeber für die Leser der Münchner Kirchenzeitung.

Seine Frau ist einem Ruf als Professorin an die neugegründete Katholische Stiftungsfachhochschule in München gefolgt. Wenn sie dort auf Sitzungen Kardinal Julius Döpfner traf, versäumte der nie, sich nach ihrem Mann zu erkundigen und ließ Grüße bestellen. „Wir sind eher gut weggekommen“, sagt Lorenz Wachinger. Ein Bruch war es dennoch, denn er hat die kirchliche Verpflichtung zum Zölibat verletzt, und er spürt diesen Bruch bis heute. Etwa, wenn sein Name im Schematismus, dem amtlichen Verzeichnis aller Personen in der Erzdiözese, nicht mehr in der Liste seines Weihejahrgangs auftaucht: „So, als hätte es mich als Priester nie gegeben“. Da fühlt er sich auf eine Stufe mit Geistlichen gestellt, die etwa wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger bestraft werden.

Verzicht auf sicheres Einkommen

Dabei sind die beiden ihre Ehe nicht leichtfertig eingegangen. Viele und lange Gespräche haben sie zuvor miteinander geführt. „Bei anderen, auch bei Priestern, war das Verständnis meist groß“, erinnert sich Barbara Wachinger. Die Familie ihres Mannes habe dagegen daran gelitten, dass der jüngste Sohn und Bruder Amt und Würden aufgab. Zudem war klar, dass sich das Paar auf ein materiell unsicheres Leben einließ: Der junge Ehemann hatte mit der Priesterstola auch auf ein sicheres Auskommen verzichtet. Die Erzdiözese sei damals „nobel“ gewesen und habe einen Zuschuss für den beruflichen Neuanfang geleistet, sagt Lorenz Wachinger.

Dennoch wünschen sich seine Frau und er immer noch, dass die Kirche anders mit dem „Problem“ jener Priester umgeht, die ihren Zölibat nicht mehr halten wollen oder können. Das Verschweigen, Vertuschen und Diskriminieren mag weniger geworden sein, völlig verschwunden ist es nicht. Auch beruflich ist der Neuanfang für viele weiterhin schwer. Und der Psychotherapeut Lorenz Wachinger weiß, dass Lebensprobleme nicht verschwinden, wenn man sie aus dem Gedächtnis streicht. Verletzungen könnten nur heilen, wenn sie nicht verdrängt werden: „Das wäre für alle Seiten wichtig: für die Verwandten und Bekannten, für die Betroffenen und die Kirche selber.“

Neue Wege in der Kirche wagen

Denn viele Priester seien nach ihrem Ausscheiden verbittert, „weil sie keinen fairen Weg aus ihrem Dilemma finden konnten“. Für die Kirche hätte es einen hohen Wert, deren Erfahrungen besser zu kennen, „denn es kommen ja junge Priester nach, die im Lauf des Lebens ebenfalls merken, dass sie nicht für das Alleinleben taugen“. Ein wütender Zölibatsgegner ist Lorenz Wachinger dennoch nicht: „Der Zölibat ist wertvoll, wir werden ja immer Mönche und Ordensfrauen haben, aber nur wenn jemand zu dieser Lebensform berufen ist.“ In seinem Fall hat er schon vor und nach seiner Weihe an dieser Berufung gezweifelt. Selbst wenn er seine geistlichen Wurzeln immer liebte und sich nie von ihnen trennen wollte. Noch heute liest er jeden Morgen in den Psalmen, und die aktuelle Krise der Kirche, ihr Glaubwürdigkeitsverlust wühlen ihn und seine Frau auf. Die theologischen und kirchenpolitischen Argumente seien doch längst bekannt und ausgetauscht, sagt der verheiratete Mann, der sich vor 60 Jahren zum Priester weihen ließ: „Es ist nun höchste Zeit, neue Wege zu wagen. Und wann, wenn nicht jetzt?“

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Priester