Impuls von Pfarrer Stephan Fischbacher

Leben mit dem Schatten

Wenn Pfarrer Fischbacher joggen geht, ist sein Schatten sein Begleiter. Auch in der Bibel spielt der Schatten eine Rolle.

In den Psalmen wird der Schatten sowohl als Symbol für die kümmerliche Existenz des Menschen als auch für die Liebe Gottes verwendet.

Seitdem ich im Frühjahr das Joggen angefangen habe, gehe ich fast täglich nach draußen, um mindestens eine halbe Stunde zu laufen. Häufig habe ich die Abendsonne im Rücken und kann den Schatten meines Körpers vor mir sehen. Hingestreckt am Boden liegt er und weicht mir nicht von der Seite. Ich kann ihn nicht abschütteln, ich kann nicht einmal über meinen Schatten springen.

Da denke ich an meine Zeit auf dem Jakobsweg in Spanien. Weil man ja nach Westen geht und vor allem am Vormittag, wurde der Schatten zum engsten Begleiter meines Pilgerdaseins.

Im biblischen Buch der Psalmen wird der Schatten als Symbol vor allem für Zweierlei verwendet: Zum einen für die kümmerliche Existenz des Menschen: „Meine Tage schwinden dahin wie Schatten, ich verdorre wie Gras.“ (Ps 102,12) Schatten sind vergänglich, abhängig vom Lauf der Sonne. Ein scheinbar unaufhörliches Kommen und Gehen von Tag und Nacht, Werden und Vergehen.

„Giovanni, nimm dich nicht so wichtig“

Der Blick auf unseren Schatten relativiert manches. Wir sollten es mit dem heiligen Papst Johannes XXIII. halten, der sich selbst sagte: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.“

Wer meint, alles selber regeln zu müssen, seinen Willen komplett durchsetzen und immer alles in der Hand halten zu müssen, setzt sich mit Leib und Seele einer Belastung aus, die uns wegführt von Gott. Bei allem, was wir tun: Wir strengen uns an, wissen uns doch aber in etwas Größerem geborgen und aufgehoben – in Gottes unendlicher Liebe und Barmherzigkeit. Auch diese wird im Buch der Psalmen mit dem Symbol eines Schattens wiedergegeben: „Wie köstlich ist deine Liebe, Gott! Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel.“ (Ps 36,8)

Pfarrer Stephan Fischbacher leitet den Pfarrverband Waakirchen.
Pfarrer Stephan Fischbacher leitet den Pfarrverband Waakirchen. © privat

Gottes Schatten als Angebot für die Menschen

Man muss dabei berücksichtigen, dass die Schriften der Bibel hauptsächlich in sehr heißen Gegenden entstanden sind. Die Menschen wussten, wie heiß und erbarmungslos die Sonne brennen kann. Bäume waren rar. Wie wohltuend ist auch für uns die Erfahrung, sich an einem heißen Sommertag unter eine Kastanie zu setzen und auszuruhen. Im Schatten eines Baumes, aber auch eines Sonnenschirmes lässt es sich leichter aushalten und wir kommen aus der Überhitzung in die innere Ruhe und Ausgeglichenheit.

Gottes Schatten ist ein Angebot für uns Menschen: Im Schatten Gottes kommen wir vom äußeren Stress zur inneren Ruhe, aus der Überhitzung in die Erfrischung und aus der Selbstüberschätzung in die Ausgeglichenheit. Dann können wir gemeinsam mit dem Psalmisten beten: „Ja, du wurdest meine Hilfe, ich juble im Schatten deiner Flügel.“ (Ps 63,8)