Sudetendeutsches Museum München

Kultur und Geschichte der Vertriebenen

Sie hatten ein paar Kisten und Säcke auf klapprigen Leiterwagen. Im Frühjahr 1946, vor 75 Jahren, erreichten die Vertreibungen der Sudentendeutschen ihren Höhepunkt. Sie mussten ihre Heimat im heutigen Tschechien und der Slowakei verlassen. Das Museum zeigt ihre Geschichte.

Berührende Zeugnisse: Gegenstände, die Vertriebene aus ihrer alten sudetendeutschen Heimat nach Bayern gebracht haben.

München - Im letzten Teil der Ausstellung fliegt scheinbar Gerümpel durch die Luft. Weidenkörbe, ein Rucksack, ein dick gefütterter Winteranzug, Bettwäsche, sogar ein Kruzifix. Am Boden steht ein Leiterwagerl. Es sind gespendete Objekte und die früheren Besitzer erzählen, warum diese Dinge für sie so wichtig waren. Die Inszenierung im Sudetendeutschen Museum macht deutlich, was die Vertreibungen bedeuteten, bei denen 1946 über zwei Millionen Menschen die heutige Tschechische Republik und die Slowakei verlassen mussten. Ihr ganzes Leben war durcheinander gewirbelt und nur das Allernotwendigste konnten sie mitnehmen. Die Vertreibung bedeutete das Ende einer vielfältigen Kulturlandschaft, die einer widrigen Natur abgetrotzt war. Das Gebiet der im Mittelalter angesiedelten, meist deutschsprachigen Siedler lag auf kargen Mittelgebirgszügen.

Kreatives Völkergemisch

Gleich zu Beginn der Schau sind Granit-, Quarz- und Basaltplatten aufgebaut. Über ihnen tönt aus Lautsprechern ein Stimmengewirr: verschiedene deutschböhmische Dialekte, tschechisch, aber auch jiddisch. „Wir wollen die unterschiedlichen Gruppen hörbar machen, die hier meistens friedlich zusammengelebt haben“, erklärt Michael Henker. Die rauften sich zu einer kreativen Mischung zusammen. Der Museumsleiter führt Besucher gerne vor eine sogenannte Egerer Intarsienarbeit: Es ist eine aus verschiedenen Hölzern zusammengesetzt Tür eines Reliquienschreins, die eine biblische Szene zeigt. Auf ähnliche Meisterwerke sind sogar Museen in London oder Paris stolz.

Ein solches Spitzenstück ist aber eher die Ausnahme im Sudetendeutschen Museums. Viel mehr zeigt und sammelt es die Alltagskultur vor und nach der Vertreibung. Der sudetendeutsche Gewerbefleiß und Erfindergeist genoss internationale Anerkennung. Dafür steht in der Dauerausstellung unter anderem eines der längsten Motorräder der Welt, das ein sudentendeutscher Tüftler und Mechaniker konstruiert hat. Fast drei Meter ist es lang und konnte, ohne Seitenwagen, eine vierköpfige Familie transportieren.

Religion als Halt der Vertriebenen

Egal ob Maschinenbau, Fahrräder, Textilien, die weltbekannten Thonet-Stühle oder das berühmte böhmische Glas: die Industrie blühte in den ehemaligen sudetendeutschen Gebieten. Dazu trugen vor 1938 auch über 120.000 jüdische Bürger bei. Wie die Nationalsozialisten sie verfolgten und ermordeten, spart das Museum nicht aus. Ebenso wenig die politische Radikalisierung weiter Teile der deutschsprachigen Bevölkerung in der damaligen Tschechoslowakei. Die war ein kleiner Vielvölkerstaat. An barrierefrei aufgebauten Flachbildschirmen können die Besucher dazu Karten und Statistiken aufrufen. Im 20. Jahrhundert verschärften sich die nationalistischen Gegensätze. Sogar Fahrräder mussten dafür herhalten: Die Ausstellung zeigt eines der Marke "Slavia" und eines der Marke "Germania", deren Weg sich gabelt und immer weiter auseinander läuft, obwohl sie beide aus böhmischen Fabriken kommen.

Das reiche religiöse Leben und oft gemeinsam gepflegte Brauchtum konnte die unterschiedlichen nationalen Gruppne in der damaligen Tschechoslowakei nicht aussöhnen und zusammenschweißen. In zwei großen Vitrinen sind Fotos von Synagogen, Heiligenfiguren, Christbaumschmuck aber auch ganze Reihen von Gebetbüchern ausgestellt. Verlage in Winterberg oder Neuhaus druckten sie millionenfach, auch für den Export in die Vereinigten Staaten.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Audio

Beitrag im Münchner Kirchenradio über das Sudetendeutsche Museum