Impuls von Pater Andreas Batlogg

Kultur der Wertschätzung

Jemandem wohlwollen – und das auch zeigen (können), ist eine Kunst. Man kann sie erwerben. Einüben. Tag für Tag. Vielleicht ein Vorsatz für diesen Herbst?

Sich freuen am Erfolg des anderen, kann schwerfallen, weiß Pater Andreas Batlogg. Gleichzeitig ist der Jesuitenpater überzeugt: Jemandem wohlwollen – und das auch zeigen (können), ist eine Kunst. Man kann sie erwerben. Einüben. Tag für Tag. © Racle Fotodesign – stock.adobe.com

Wie geht das: gut voneinander denken, wohlwollend voneinander sprechen? Im Alltag stellt sich diese Frage immer wieder. Übrigens auch in einem Orden. Auch Jesuiten kennen das: Konkurrenz, Neid, Rivalität. Abfällige Bemerkungen oder verletzende Sticheleien kommen vor. Mich freuen am Erfolg des anderen: Das kann schwerfallen. Werte ich mich auf, wenn ich andere abwerte? Es kann auch ganz subtil ablaufen. Neulich las ich: „Machen Sie sich nicht so klein, so groß sind Sie auch wieder nicht!“

Seit über drei Jahrzehnten begleiten mich zwei Worte, die mir wichtig geworden sind. Beide Entdeckungen verdanke ich meinem Mitbruder Peter Knauer SJ, der jetzt in einem ordenseigenen Altenheim in Berlin lebt. Das eine Wort findet sich bei Ignatius von Loyola, das andere bei Reiner Kunze. Dessen Gedicht trägt den Titel „Silberdistel“: „Sich zurückhalten / an der Erde // Keinen Schatten werfen / auf andere // Im Schatten der anderen / leuchten.“

Ist „Arglosigkeit“ das richtige Wort dafür? „Keinen Schatten werfen auf andere“, trotzdem leuchten … Das lässt sich von dem Schriftsteller Reiner Kunze lernen – ein Meister des knappen beziehungsweise verknappten Wortes.

Pater Andreas Batlogg SJ ist Seelsorger an der Jesuitenkirche St. Michael in München und war bis 2017 Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“.
Pater Andreas Batlogg SJ ist Seelsorger an der Jesuitenkirche St. Michael in München und war bis 2017 Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“. © Christian Ender

Wertschätzung und Achtsamkeit einüben

Das zweite Wort stammt von Ignatius von Loyola (1491–1556). Er hatte den Ruf, streng zu sein und wenig Emotionen zu zeigen. Natürlich hatte er auch Herz. Und konnte es auch zeigen – eine Seite seiner Persönlichkeit, die in der Tradition seines Ordens lange verschollen war, wenn nicht unterdrückt wurde. Einer, der ihn aus der Nähe kannte, Luis Gonçalves da Câmara SJ, schrieb in seinem „Memoriale“, einer Sammlung mit Erinnerungen an den Ordensgründer: „Wenn er im Haus einen Bruder traf, zeigte er ihm ein Gesicht und eine solche Liebenswürdigkeit, als wolle er ihn in seine Seele aufnehmen.“ An anderer Stelle taucht dieselbe Formulierung auf, die mich schon als Novize faszinierte: „in seine Seele aufnehmen“.

Gott sei Dank gibt es solche Menschen. Auch heutzutage. Ich bin ihnen begegnet. Sie tun gut. Jemandem wohlwollen – und das auch zeigen (können), ist eine Kunst. Man kann sie erwerben. Einüben. Tag für Tag. Der Alltag wird dadurch gelöster. Vielleicht ein Vorsatz für diesen Herbst? Eine Kultur der Wertschätzung und Achtsamkeit einüben – freundlich sein, gut voneinander denken und reden!

Gott meint es gut

Die fünfte Strophe von „Ein Danklied sei dem Herrn“ (Gotteslob 382) besingt es: „Gib dich in seine Hand / mit innigem Vertrauen, / sollst nicht auf eitel Sand, / auf echten Felsen bauen, / dich geben ganz in Gottes Hut, / und sei gewiss, er meint es gut!“ Darauf kann ich mich – immer – verlassen: Gott meint es gut! Und weil er es gut mit mir meint, darf ich, muss ich diese Erfahrung an andere weitergeben.