Meinung
Sexueller Missbrauch

Kirche war unfähig zur Selbstkritik

Besonders in Deutschland waren Gläubige und Klerus lange in der fatalen Selbstgewissheit gefangen, Missstände leugnen zu müssen. Ein Kommentar zur bevorstehenden Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens für das Münchner Erzbistum.

Katholische Kirche stand sich bei sexuellem Missbrauch selbst zu lange im Weg © Imago images/CHROMORANGE

Die katholische Kirche war und ist nicht immer nur Teil der Staatsräson und des Herrschaftsapparats. Verfolgung und Feindseligkeit waren und sind Teil der Kirchengeschichte. Oft führt das zu einer Verfestigung und zu Schutzreflexen gegen jede Kritik von außen. Kommt ein Fehlverhalten in den eigenen Reihen vor, dann wird es möglichst vertuscht und intern geregelt.  Die Nationalsozialisten nutzten Sittlichkeitsvergehen von Priestern für ihre Propaganda und die katholische Jugendarbeit mit ihrem christlichen Menschenbild zu bekämpfen. Schlimmerweise trafen die Vorwürfe häufig sogar zu.

Missbrauchsfälle waren NS-Propaganda willkommen

Joseph Goebbels sprach von einer „Sexualpest, die es mit Stumpf und Stiel“ auszurotten sei und hetzte damit gegen die gesamte katholische Kirche, die sich dem totalitären Regime wenigstens in Teilen entgegenstellte und viele Geistliche ins Konzentrationslager brachte. Erfahrungen, die ganze Generationen von Priestern, Bischöfen und Gläubigen geprägt haben. Diese Erfahrungen trugen besonders nach dem Zweiten Weltkrieg dazu bei, ein Klima zu erzeugen, in der die geweihten Männer unantastbar waren. Dass sich die katholische Kirche immer wieder gegen den NS-Staat gewandt hatte, verlieh ihr eine enorme moralische Autorität. Sie galt als eine der wenigen halbwegs integren Institutionen im zerstörten Deutschland. Die in der politischen Bedrängnis entwickelten Schutzreflexe waren aber geblieben. Genauso wie die Selbstgewissheit, immer eine intakte Organisation zu sein. Auch wenn es gelegentlich Fehler gibt, moralische Makel haften an anderen.

Kirche macht sich Machtmissbrauch zu einfach

In dieser Atmosphäre konnten Kleriker und kirchliche Mitarbeiter sexuelle Gewalt ausüben und Missbrauch begehen. Die verantwortlichen Bischöfe in der jungen und auch in der späteren Bundesrepublik haben jedoch übersehen, dass sie nicht mehr in einem totalitären Gewalt-, sondern in einem demokratischen Rechtsstaat lebten. Täter waren nicht mehr einem politischen und juristischen Willkürsystem ausgesetzt. Bischöfe und Generalvikare hätten den übernommenen Reflex, sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch aus den eigenen Reihen zu vertuschen, zumindest hinterfragen müssen. Sie hielten aber an überkommenen Verhaltensmustern fest. Das erklärt zu einem Teil ihre Haltung, rechtfertigt oder entschuldigt sie jedoch nicht. 

Opfer von Missbrauch wurden nicht gehört

„Brüder im Nebel“, wie sie der im ebenfalls kirchenfeindlichen DDR-Staat geweihte Kardinal Joachim Meisner nannte, konnten sich meistens sehr sicher vor strafrechtlichen Konsequenzen fühlen. Die Fassade der Institution blieb nach außen glänzend. Gerade deshalb ist sie aber heute angreifbar, will sich hinter der Fassade so viel Schutt und Unrat anhäufen konnte. Kam es doch einmal zu einem lokalen Skandal, nahm die Mutter Kirche die Täter barmherzig wieder auf. Die Bischöfe hatten einen falschen Notenschlüssel für diese viel zu vielen Fälle und spielten immer dasselbe Lied: Taten vertuschen, Vorwürfe klein reden, Täter schützen. Es war eine völlig falsche Tonart, denn von den vielen tausend Missbrauchsbetroffenen war darin nichts zu hören. Dadurch sind Kirchenverantwortliche schuldig geworden und da hilft es auch nichts, wenn sie davon überzeugt waren, die Institution und ihren Einfluss schützen zu müssen. Dieser Reflex hat die Kirche in Europa in den rasanten Verlust an Glaubwürdikeit und Ansehen geführt, dem sie sich gegenübersieht. Und es lässt sich nicht einmal sagen, dass das ungerecht oder das Ergebnis religionsfeindlicher Propaganda ist.

Katholische Kirche leidet an Vertrauensschwund

Unabhängige und schmerzhafte Gutachten müssen nun retten, was noch zu retten ist. Kluge Bischöfe wissen, dass nur noch ein schonungsloses Offenlegen des institutionellen und persönlichen Versagens ihrer Vorgänger gegen die galoppierende Vertrauensschwindsucht hilft. Der Missbrauchsskandal zeigt, dass die Kirche sich ständig selbst auf Herz und Nieren prüfen muss, sich immer wieder von verfestigten Reflexen befreien muss. Zu lange hat sie sich nicht von ihrem theologischen Selbstbild der Societas perfecta, der vollkommenen Gemeinschaft lösen können. Eine vollkommene Gemeinschaft ist sie aber nur, weil Gott zu ihr hält. In der diesseitigen Welt führen sie sündige Menschen. Das verpflichtet alle Gläubigen zu einem anderen theologischen Grundsatz: Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss sich ständig erneuern.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de