Prävention von Missbrauch

Kinderschutz für unterschiedliche Kulturen übersetzen

Sexuelle Gewalt existiert auf der ganzen Welt, ebenso wird sie überall verurteilt, aber in ganz unterschiedlicher Weise behandelt.

Kinder sind immer kostbar und brauchen überall Schutz. © Imago/Stefan Trappe

Rom/München - Ohne Frauen geht beim Kinderschutz nichts. Im Centre for Childprotection CCP braucht über Quoten nicht diskutiert zu werden. Im Leitungsteam sind sieben von neun Mitarbeitern Frauen. „Das ist nicht nur Zufall“, sagt die Netzwerkkoordinatorin Alessandra Campo „Frauen sind leider selbst oft genug Opfer von Missbrauch, in Geschichte und Gegenwart und können deshalb das Problem besonders gut verstehen.“ Die promovierte Philosophin entwickelt in Zusammenarbeit mit Ansprechpartnern und Institutionen aus aller Welt die Schulungsprogramme des katholischen Kinderschutzzentrums. Tatsächlich absolvieren am CCP mehr Frauen als Männer die mehrmonatige Diplom-Ausbildung oder das zweijährige Lizenziat in Safeguarding, in der sie theoretische und praktische Kompetenzen für den Schutz vor Missbrauch erwerben.

Prävention ohne Frauen undenkbar

Das entspricht auch den Beobachtungen des CCP-Präsidenten Pater Hans Zollner auf seinen weltweiten Vortragsreisen: „Wo immer eine Veranstaltung zum Thema Missbrauch offen ausgeschrieben wird, sind zwei Drittel bis drei Viertel der Teilnehmenden Frauen“, sagt der Präventionsexperte in der jüngsten Folge des monatlichen Podcasts Würde.Leben. Frauen hätten zum einen eine größere Nähe zu den Betroffenen, vermutet der Präventionsexperte: „Und auf der anderen Seite tun sich Männer grundsätzlich schwerer über ihre Grenzen und Fehler sowie über Sexualität zu sprechen.“ Zudem sind es vor allem Männer, die zu Missbrauchstätern werden. Ebenso schwierig ist es, in den unterschiedlichen Kulturen und ihrem jeweiligen Verständnis von Macht und Kritik den Schutz vor Missbrauch zu verankern. Das CCP entwickelt deshalb Programme, Kurse und Ausbildungsmöglichkeiten mit dem Ziel, die an unterschiedliche kulturelle Kontexte anknüpfen können.  Besonders Frauen sind dafür entscheidende Vermittler, weshalb das CCP mit zahlreichen Dozentinnen aus den verschiedensten Kontinenten zusammenarbeitet. Die Ausbildungsinhalte werden weitgehend digital vermittelt.

Bewusstsein für Missbrauch weltweit schärfen

Die Absolventinnen und Absolventen der Studiengänge am CCP sind danach häufig Präventionsbeauftragte in ihren Diözesen oder Orden, aber auch in Behörden oder für Schulen. Vor allem müssen sie Bilder und Formeln finden, die Kinder als Warnung vor Missbrauch verstehen und entsprechend handeln können. Dabei soll auch ein Mentalitätswandel ausgelöst werden, der Gefahren bewusst wahrnimmt, Minderjährige schützt und das Leid von Betroffenen benennt und lindert. Wo ein solcher Mentalitätswandel begonnen und zu einem klaren Vorgehen geführt hat, zeigt die Prävention Wirkung und die Missbrauchsvorwürfe gehen drastisch zurück.

Entschiedene Massnahmen wirken

Pater Zollner nennt dazu auch Zahlen: „Zurzeit gibt es in den 200 US-amerikanischen Diözesen pro Jahr zwischen zehn und zwölf neue Anzeigen von sexueller Gewalt.“ Für die 1980er Jahre hatten sich hingegen tausend Anschuldigungen pro Jahr feststellen lassen. „Aber die Bischöfe in den USA sind dann auch sehr strikt vorgegangen.“ Trotzdem werde die Arbeit des CCP noch lange dauern, auch weil der Missbrauchsbegriff immer weiter gefasst werden muss. „Wir entdecken immer mehr den geistlichen Missbrauch, in dem religiöse Macht eingesetzt wird, um verschiedenste Vorteile zu erlangen.“ Die müssen nicht immer sexueller Natur sein, führen aber immer zu einer Unterdrückung oder Entmündigung des Gegenübers.

Podcast-Tipp

Würde.Leben

Der jahrzehntelang vertuschte Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche hat die Würde und das Leben tausender Betroffener zerstört. Das Vertrauen in Priester, Seelsorger und engagierte Gläubige hat dadurch schwer gelitten. Pater Hans Zollner hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Missbrauch aufzuklären, damit die Vertuschungen endlich aufhören und Prävention glaubwürdig ist. Er leitet das Centre for Childprotection, das Kinderschutzzentrum, das der päpstlichen Universität Gregoriana angegliedert ist. Pater Zollner gilt als einer der führenden Präventions-Experten und wird weltweit gehört.

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Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch