Missbrauch und Kirche

Kardinal Marx mahnt faire Berichterstattung an

Kardinal Marx hat zum Auftakt des Frühjahrstreffens der deutschen Bischöfe eine faire Berichterstattung zum Thema Kirche und Missbrauch angemahnt. Zudem sprach er sich für eine aktive Frauenförderung in Kirche und Politik aus.

Kardinal Reinhard Marx am Montag, 11. März, in Lingen.

Lingen – Die katholischen Bischöfe wollen bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen über konkrete Schritte im Umgang mit der Missbrauchskrise beraten. Zum Auftakt mahnte Kardinal Reinhard Marx am Montag eine faire Berichterstattung an. Die katholische Kirche in der Bundesrepublik habe sich bei der Aufarbeitung bereits vor Jahren auf den Weg gemacht, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Jetzt gehe es darum, weitere konkrete Schritte umzusetzen, wie sie die im Herbst vorgestellte Missbrauchsstudie angeregt habe.

Konkret befassen sich die Bischöfe laut Marx mit dem Monitoring in Sachen Missbrauchsvorbeugung, der Einrichtung von mehr unabhängigen Anlaufstellen für Opfer und einer verbesserten finanziellen Anerkennung des Leids. Zudem gehe es um die "systemischen Gefährdungen" in der Kirche. Zu diesem Beratungskomplex gehöre die Sexualmoral, die Macht von Geistlichen und die Lebensform der Priester. Die Frage des Zölibats werde dabei aber nicht unter dem Aspekt von Pro und Contra diskutiert, so der Kardinal. Mit einer jahrhundertealten Tradition könne so nicht umgegangen werden. Vielmehr gehe es hier um die Verbesserung von Aus- und Fortbildung von Priestern und die geistliche Begleitung von Klerikern.

Schub durch Vatikan-Gipfel

Marx verteidigte, dass bei der Versammlung der Bischofskonferenz keine Vertreter von Opfer-Organsiationen eingeladen sind. Es gebe Beratungen der Bischöfe einerseits und Orte des Zuhörens andererseits. Der Kardinal bekräftigte seine positive Bewertung des Vatikan-Gipfels zum Thema Missbrauch. Für die weltweite Gemeinschaft der Kirche sei es etwas Neues gewesen, das Problem deutlich zu begreifen und die Kultur des Verschweigens und des Nicht-Wahrhaben-Wollens zu überwinden. "Ich empfinde das Ganze eher als Schub", so Marx.

Der Kardinal warb auch für eine aktive Frauenförderung in Kirche und Politik. Früher sei er ein Gegner von Frauenquoten gewesen, heute aber sehe er die Sache differenzierter. Dass es mehr Frauen in Verantwortungspositionen gebe, geschehe nicht einfach von selbst. Bei ihren viertägigen Beratungen befassen sich die 67 Konferenzmitglieder auch mit dem Thema Frauen in kirchlichen Leitungspositionen. Dazu werden am Dienstag Ergebnisse einer neuen Studie vorgestellt.

Forderung nach Reformen

Vor Beginn der Frühjahrsvollversammlung waren Forderungen nach Veränderungen lautgeworden. Auf die Krise innerhalb der Kirche müsse mit "sichtbaren Reformen" reagiert werden, sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, am Montag im ZDF-Morgenmagazin. Es gebe eine große Ernsthaftigkeit bei den Bischöfen und in der gesamten Kirche. Sternberg hatte am Wochenende der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) gesagt, er rechne mit Änderungen hinsichtlich der Sexualmoral, der Kirchenverwaltung und der Beteiligung von Frauen an Führungspositionen.

Der Vorsitzende des Betroffenennetzwerks "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, forderte am Montag Taten: "Es braucht klare Schritte hin zu einer unabhängigen Aufarbeitung in den Bistümern und einer angemessenen Entschädigung für die Opfer." Auch Ordensgemeinschaften seien gefordert. Kommissionen, die mit Unterstützung des Staates eingesetzt würden, müssten unabhängig die "Vergangenheit" untersuchen.

Der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT), Hans Leyendecker, kritisiert den Stand der Missbrauchsaufklärung der katholischen Kirche. Die "immer noch nicht erfolgte Öffnung der Archive oder die mangelnde Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft sind mir schleierhaft", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Montag). (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Bischofstreffen in Lingen