Kardinal Joseph Wendel

Erzbischof für geistige Erneuerung

Als Nachfolger des wortgewaltigen Erzbischofs Faulhaber hatte Joseph Wendel nach dem Zweiten Weltkrieg kein leichtes Erbe anzutreten. In einer Großveranstaltung, die er nach München holte, sah der Oberhirte eine besondere Sternstunde für sein Erzbistum.

Erzbischof Kardinal Joseph Wendel © Kunstreferat Erzdiözese München und Freising

München – „Bayern und Pfalz – Gott erhalt’s“ – dieser alte Segensspruch erfuhr im 20. Jahrhundert eine besondere Bedeutung, wenn man sich die Liste der Erzbischöfe von München und Freising in diesem Zeitraum anschaut. Gleich vier Oberhirten des Bistums Speyer wurden auf den Stuhl des heiligen Korbinian berufen und dann zu Kardinälen erhoben: Franziskus von Bettinger (Bischof von 1909 bis 1917), Michael von Faulhaber (1917-1952), Joseph Wendel (1952-1960) und Friedrich Wetter (1982-2008), der 2021 seinen 93. Geburtstag feiern konnte.

Ein schwieriges Erbe hatte vor allem Joseph Wendel anzutreten, schließlich war sein wortgewaltiger Vorgänger, Kardinal Faulhaber, fast 35 Jahre lang Oberhirte im Erzbistum gewesen. Zudem hatten Staat und Kirche weiterhin mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs zu kämpfen. Wenige Wochen nach dem Tod Faulhabers wurde Wendel im August 1952 von Papst Pius XII. zum Erzbischof von München und Freising ernannt. 

Erneuerung des Erzbistums

Wendel, der 1901 im damals zur bayerischen Pfalz gehörenden Blieskastel geboren wurde, hatte sich in der Diözese Speyer zunächst im erzieherischen und karitativen Bereich große Verdienste erworben und war ein wichtiger Mitarbeiter für Bischof Ludwig Sebastian. 1943 wurde er dann selbst zum Bischof von Speyer ernannt.

Seine Inthronisierung in München fand am 9. November 1952 im noch halbzerstörten Liebfrauendom statt, so berichtet es der 2019 verstorbene Kirchenhistoriker Georg Schwaiger in dem Buch „Das Erzbistum München und Freising im 19. und 20. Jahrhundert“. In seinem ersten Grußwort erinnerte Wendel an seinen Vorgänger und rief den Gläubigen zu: „Schenkt auch mir das Vertrauen und die Treue wie Eurem großen Kardinal!“ 

Im Jahr 1952 umfasste das Erzbistum insgesamt 525 Pfarreien. Die Kirchen der Münchner Innenstadt waren im Bombenkrieg größtenteils zerstört worden, nun war der Wiederaufbau überall in vollem Gange. Zudem begann im Großraum München eine rege Siedlungstätigkeit in Verbindung mit dem industriellen Ausbau der ganzen Region, so berichtet es Schwaiger. Die Kirche habe dieser Entwicklung durch den Ausbau der Pfarrorganisation Rechnung tragen müssen. Erzbischof Wendel, dem wenige Wochen nach seinem Amtsantritt die Kardinalswürde zuteilwurde, sei die Erneuerung des Erzbistums „in der Gnade und Liebe Gottes“ ein großes Anliegen gewesen, so der Kirchenhistoriker.

Erster Militärbischof der Bundeswehr

In der anbrechenden Zeit des deutschen Wirtschaftswunders schritt auch die Säkularisierung der Gesellschaft immer rascher voran. Wendel erkannte, dass die Kirche hier in besonderer Weise gefordert ist. Um München als katholische Metropole leuchten zu lassen, gründete der Erzbischof in Abstimmung mit der bayerischen Bischofskonferenz die Katholische Akademie mit Sitz im Herzen Schwabings. Die geistige Offenheit der Einrichtung, die heute immer noch ein Ort der Begegnung zwischen Kirche und Welt ist, gehe direkt auf Kardinal Wendel zurück, betont Georg Schwaiger.

Nach der Wiederbewaffnung Deutschlands und der Gründung der Bundeswehr 1955 wurde Joseph Wendel zum ersten katholischen Militärbischof der Bundeswehr ernannt. Im Unterschied zur Wehrmachtsseelsorge vor 1945 wollte man die Bundeswehrseelsorge als eigenständigen Bereich in die Gesamtseelsorge der katholischen Kirche einbinden. Wendel habe seinem Amt großes Gewicht beigemessen, so Schwaiger. Nicht Politik, sondern religiöse Bildung – vor allem in Form von Exerzitien und Wallfahrten für die Soldaten – habe dabei im Mittelpunkt seines Wirkens gestanden. 

Sternstunde für die Erzdiözese

Als Höhepunkt von Wendels Amtszeit darf wohl der Eucharistische Weltkongress gelten, den der Erzbischof 1960 nach München holte. Er habe darin eine Sternstunde für sein Erzbistum, „einen gnadenhaften Anruf Gottes“ gesehen, der Welt einen einmaligen geistlichen Dienst zu leisten, so beschreibt es Kirchenhistoriker Schwaiger. Der Kongress, an dem vom 31. Juli bis zum 7. August 1960 etwa eine Million Gläubige teilnahm, habe bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Weltkirche die in Mitteleuropa entstandene liturgische Erneuerung vor Augen geführt. Und der Moraltheologe Richard Egenter kommentierte in der Münchner Kirchenzeitung kurz nach dem Tod Wendels: „Gott liebt die Kühnheit des liebenden Herzens; darum gab er dem Wagnis des Münchner Kardinals Segen und Erfolg.“

Nach dem Weltkongress waren dem Kardinal – obwohl er das 60. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, nur noch wenige Monate an Lebenszeit vergönnt. Am Silvesterabend 1960 verstarb Wendel wenige Minuten nach dem Jahresabschlussgottesdienst in seiner Wohnung an Herzversagen. In der Silvesterpredigt hatte er den tausenden Gläubigen noch zugerufen: „Übet die Liebe und hütet den Frieden! Wartet nicht zum Grab, um dann den ewigen Frieden zu wünschen!“ Geht man nach den Berichten der Chronisten, so hatte sich der Erzbischof Joseph Wendel diesem Mantra zu Lebzeiten zweifelsohne stets verpflichtet gefühlt.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
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